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De Giscard à Mitterrand 1977-1983

Préface de Jean-Claude Casanova

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Aron, Raymond
2005, Editions de Fallois, ISBN10: 2877065707

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 2/2006 

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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 2/2006 

Rezension / Compte rendu:
Aron, spectateur engagé - eine neue Artikelsammlung

Raymond Aron war nicht einfach nur ein Journalist. Abgesehen davon, dass der Philosoph und Soziologe, der an der Sorbonne, später an der Ecole Pratique des Hautes Etudes und schließlich am Collège de France lehrte, zu den herausragenden politischen Denkern des 20. Jahrhunderts zählt, war er auch der wahrscheinlich einflussreichste journalistische Kommentator der französischen Nachkriegszeit. Und das obgleich der "spectateur engagé", wie er sich selbst nannte, von der politischen Linken, vor allem aber von den ihr zuzurechnenden Intellektuellen, lange Zeit nur als "chien de garde de la bourgeoisie" angesehen wurde. Die ablehnende Aufmerksamkeit, die er im Lager der von Jean-Paul Sartre angeführten "compagnons de route" des Kommunismus erhielt, hatte ihre Entsprechung in der Zustimmung der gemäßigten, atlantischen und für eine Aussöhnung mit der jungen Bundesrepublik eintretenden Kräfte, die freilich nicht nur in der Politik, sondern besonders im Geistesleben immer eine Minderheit darstellten. Von 1947 bis 1977 erreichte Aron diese Kräfte vor allem mit den Leitartikeln, die er regelmäßig für die liberale Tageszeitung "Le Figaro" schrieb, von 1977 bis 1983 mit seinen Kommentaren für das Nachrichtenmagazin "L'Express".
Aron hat seine journalistische Arbeit im Vergleich zu seinen wissenschaftlichen Schriften immer ein wenig gering geschätzt - zu Unrecht, denn wissenschaftliche und journalistische Reflexion gingen bei ihm eine untrennbare Verbindung ein. Er war nicht einer jener heute so oft anzutreffenden Journalisten, deren Analysen auf keinerlei historisch-philosophischer Grundlage beruhen und daher auch keinen über den Tag hinausgehenden Wert beanspruchen können. Seine Erkenntnistheorie, seine Geschichtsphilosophie und das genaue Verständnis der historischen Wirklichkeit bildeten das Fundament seiner tagesaktuellen Betrachtungen, aus denen er schließlich wieder für seine theoretischen und wissenschaftlichen Werke schöpfen konnte. Ganz folgerichtig hat Georges-Henri Soutou deshalb vor einigen Jahren Arons in "Le Figaro" erschienene Leitartikel zur internationalen Politik in einer dreibändigen Edition vorgelegt. Denn selbst wenn Aron seinen Artikeln keinen langfristigen Wert beimessen wollte, so haben sie diesen doch ohne Zweifel.
Für die Zeit von 1977 bis 1983, in der Aron für "L'Express", aber über eine Presseagentur auch für einige Provinzzeitungen schrieb, gab es bisher keine vergleichbare Artikelsammlung. Diese Lücke haben die Editions de Fallois nun mit dem vorliegenden Band "De Giscard à Mitterrand" geschlossen. Im Gegensatz zu der von Soutou herausgegebenen Artikelauswahl enthält die von Jean-Claude Casanova zusammengestellte Edition nicht nur Artikel zur internationalen Politik; vielmehr umfasst sie alle von Aron für "L'Express" geschriebenen Artikel - ebenso diejenigen über die französische Innenpolitik wie diejenigen über die Weltpolitik und über einige historische Fragen. Die sowohl chronologische als auch thematische Zusammenstellung der Artikel und das umfangreiche Personenregister erlauben es dem Leser, sich leicht zu orientieren und Texte zu konkreten Themen schnell ausfindig zu machen. Auch das vom Herausgeber geschriebene Vorwort lässt nichts zu wünschen übrig, führt es doch nicht nur in die Edition an sich ein, sondern vermittelt dem Leser auch einen Eindruck davon, welche Stellung Aron in der "Express"-Redaktion innehatte. Bedauerlich ist einzig, dass die Presseartikel, die Aron in jenen Jahren für andere französische Zeitungen schrieb, bis auf wenige Ausnahmen nicht berücksichtigt worden sind. Denn wenngleich es sich dabei um Texte handelt, die in Provinzzeitungen erschienen sind, stehen sie den "L'Express"-Artikeln doch in nichts nach.
Wenn es auch gewiss gewinnbringend gewesen wäre, diese Artikel aufzunehmen, so schmälert ihr Fehlen doch nicht den Wert, den die vorliegende Edition für den Ideenhistoriker oder Politikwissenschaftler hat, der sich mit dem politischen Denken Raymond Arons auseinander setzen will. Was bisher mühsam zusammengesucht werden musste, liegt nun in einem Band vor. Doch auch über diese Forscher hinaus ist die Artikelsammlung für jeden von großem Interesse, der sich mit der französischen Innenpolitik oder der Weltpolitik der Jahre 1977 bis 1983 zu beschäftigen hat. Schließlich bietet sie eine Kollektion der Betrachtungen eines der tiefsinnigsten politischen Analytiker jener Zeit.
Die Lektüre von Arons Leitartikeln vermittelt einen Eindruck davon, wie sehr er die betreffenden Jahre als eine Epoche der Krise empfand. Angesichts des Rüstungsvorsprungs der Sowjetunion warnte er davor, die Vereinigten Staaten könnten mehr und mehr zu einem "géant sans volonté" werden, und befürchtete, dass die westeuropäischen Staaten - allen voran die Bundesrepublik - mehr und mehr dazu bereit sein könnten, ihrer "Finnlandisierung" zuzustimmen. Aron kritisierte den deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt und den französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing dafür, dass es ihnen trotz des noch immer nicht überwundenen ideologischen und militärischen Imperialismus der Sowjetunion zuallererst darum gehe, die Détente mit dem Ostblock zu retten.
Dass Aron angesichts des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan feststellte, die Europäer hätten noch weit mehr als die Amerikaner Grund zur Besorgnis, zeigt, wie sehr seine Analysen auch für die heutige Zeit von Nutzen sein können. Denn Aron sah die von der sowjetischen Intervention ausgehende Gefahr vor allem darin, dass es der Sowjetunion über kurz oder lang gelingen könnte, die Kontrolle über den Persischen Golf zu erringen. Dann aber wäre Westeuropa angesichts seiner Abhängigkeit vom Öl der Golfregion nicht mehr weit davon entfernt, zu einem sowjetischen Protektorat zu werden. Die weltpolitische Lage hat sich verändert und die Gefahren haben heute andere Ursprünge. Die Machtvergessenheit der Europäer, die Aron diagnostizierte, scheint indessen zu einer Konstanten geworden zu sein. Auch wer die heutige Welt verstehen will, tut gut daran, Aron zu lesen.
Matthias Oppermann

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De Giscard à Mitterrand 1977-1983