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Die Wunden unserer Brüder

Originaltitel: De nos frères blessés. Aus dem Französischen von Claudia Hamm

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Andras, Joseph
2017, Carl Hanser, München, ISBN10: 3446256415

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2017 

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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 4/2017 

Rezension / Compte rendu:
Für Frankreich sterben?
Ein Roman und eine Dokumentation zum Algerienkrieg

Frankreichs Kolonialvergangenheit hat oft französische Schriftsteller inspiriert. Zwei Publikationen auf dem Hintergrund des Algerienkriegs sind 2017 in deutscher Übersetzung erschienen.

Sur fond de guerre d'Algérie
Sorj Chalandon fait conter par un enfant de 12 ans une histoire familiale sur fond de guerre d'Algérie ; Joseph Andras brosse l'histoire véridique du seul Européen guillotiné pendant la guerre d'Algérie.
Réd.

Eine wahre Geschichte
Es ist ein düsteres Kapitel in Frankreichs Kolonialvergangenheit, die wahre Geschichte des Fernand Iveton, der im Jahre 1956 als Kommunist der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN nahestand, als vermeintlicher Bombenleger verhaftet und am Ende hingerichtet wurde. Das Buch stellt sich allerdings weniger als Roman dar denn als Bericht bzw. Dokumentation mit eher locker verankertem romaneskem Drumherum, das stattgefundene Geschehen spricht allein für sich, eine Dramatisierung erscheint kaum nötig. Schauplatz ist Algerien in den späten 1950er- Jahren. Einen von zwei mit einem Sprengsatz versehenen Schuhkarton bekommt Fernand irgendwo an einer einsamen Straße Algeriens von einer Überbringerin ausgehändigt, den soll er in der Fabrik, in der arbeitet, platzieren, die Bombe soll aber erst nach Schließung der Fabrik explodieren, damit auch niemand verletzt wird. Doch die Tat wird vereitelt, bevor irgendetwas passieren kann, Fernand wird festgenommen, vielleicht wurde er verpfiffen, die Polizei zeigt sich nervös, denn sie hat bei ihm einen Beleg für einen zweiten Sprengsatz gefunden, ein mitgetragener Zettel weist darauf hin. Den Ort der zweiten Bombe weiß Iveton selber nicht, unter dem Einfluss der Folter gibt er falsche Adressen an, was natürlich auffliegt und zu weiteren Folterungen führt. Um diesen zu entgehen, gibt er schließlich zwei Namen preis. Die Personen werden ausfindig gemacht, es werden Razzien durchgeführt, und so geht es immer weiter: Festnahme, Verhör, Folter.
Obwohl keine Bombe explodiert ist und Iveton beteuert, dass er nie an der Aktion teilgenommen hätte, wenn Unbeteiligte dabei hätten sterben können, droht ihm nun die Todesstrafe. Und die wird schließlich unter "Beifall und Bravorufen" verkündet, es bleibt nur die Hoffnung auf Begnadigung durch Staatspräsident René Coty. Interessantes Detail am Rande: Justizminister in dessen Kabinett ist kein Geringerer als François Mitterrand, der, als er 1981 selbst an die Macht kam, sich für sie Abschaffung der Todesstrafe einsetzte. Das Gnadengesuch zeigt einen Präsidenten, der die Strafe zwar selbst nicht für angemessen hält, aber meint, Fernand würde ja immerhin für Frankreich sterben – was er als eine Ehre auffasst. Das Begnadigungsersuchen wird also abgelehnt, es bleibt bei dem Verdikt. Mit zwei anderen Verurteilten wird er im Februar 1957 zur Guillotine geführt und stirbt, wie es heißt, "wegen der öffentlichen Meinung". Iveton war, wie Andras in einem kurzen Nachwort sagt, der einzige Europäer, "der während des Algerienkriegs von der Justiz des französischen Staats hingerichtet wurde". Er beschreibt diesen Fall in einer kühlen Prosa, sachlich und ohne Anwandlungen von Pathos, zugleich atmosphärisch dicht und effizient. 2016 wurde ihm dafür derGoncourt-Preis für das beste Romandebüt zugesprochen. Der heute 43-jährige Andras lehnte ihn umgehend ab.
Thomas Laux

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Die Wunden unserer Brüder