Brüder unterm Sternenzelt

Friedrich Georg und Ernst Jünger. Eine Biographie

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Magenau, Jörg
2012, Klett-Cotta, Stuttgart, ISBN10: 3608938443

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 2/2013 

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Rezension / Compte rendu:
Zwei Brüder – ein Geist
Ein Buch über Ernst und Friedrich Georg Jünger

Ernst Jünger (1895–1998) war sehr viel mehr als eine Symbolfigur der Nationalkonservativen in Deutschland. Und sein jüngerer Bruder Friedrich Georg (1898–1977), als Schriftsteller und Vordenker der ökologischen Bewegung weit weniger bekannt, dürfte heute seine Leser eher im graswurzelgrünen Bereich finden als bei der Rechten.

Beide Brüder haben zeitlebens in enger Verbindung miteinander gestanden, auch wenn dieses Verhältnis durch die zweite Ehe, die Ernst Jünger neunzehn Monate nach dem Tod seiner ersten Frau schloss, vorübergehend getrübt wurde. Derlei Erkenntnisse verdanken wir der Doppelbiographie von Jörg Magenau, der als ehemaliger Zeitungsjournalist durch ähnliche Arbeiten über Günter Wallraff und Martin Walser einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Mit seiner jüngsten Arbeit begibt sich Jörg Magenau gewissermaßen in vermintes Gelände, denn auch heute noch gilt der fast 103 Jahre alt gewordene Ernst Jünger vielen als kaltherziger inhumaner Exponent einer den Krieg und seinen Schrecken verherrlichen den Literatur. Diesem einschränkenden Missverstehen eines der bedeutendsten Schriftsteller der Moderne hat sich Magenau auf elegante Weise entzogen, indem er, gestützt auf ausgiebige Recherchen, munter über Leben und Werk der beiden Jünger-Brüder erzählt und sich von angelesenen, zeitgeistverhafteten Urteilen fernhält. Auf diese Weise erfahren wir eine Menge aus dem privaten Umkreis der beiden Brüder, die sich immer so viel zu sagen hatten, sich häufig gegenseitig besuchten, über lange Strecken auch zusammen gewohnt haben, gemeinsame Reisen unternahmen und sich gegenseitig in ihrer höchst unterschiedlichen Arbeit anregten. Gleichwohl wurde der Ältere unter Zeitgenossen so berühmt, wie man es als Schriftsteller nur sein kann, während der Jüngere nach seiner schweren Verwundung im Ersten Weltkrieg und dem Jurastudium als Lyriker nur einem kleineren Kreis vertraut war und sich erst mit seinem 1946 erschienenen Buch Perfektion der Technik als literarischer Kritiker der modernen Fortschrittsgläubigkeit etablieren konnte.

Stimmungsbilder
Obschon die Geistesverwandtheit und politische Übereinstimmung zwischen beiden nie in Zweifel stand, kommt ein wichtiger Unterschied nicht so resolut zur Sprache. Ernst Jüngers Werk leugnet in strikter Weise jede Zugehörigkeit zur Austauschbarkeit einer literarischen Gelehrtenrepublik. Jünger ist der Autor eines Blickes auf die Welt, seine in der zweiten Lebenshälfte erkennbare Sehnsucht nach Wüsten und Urwäldern, seine Visionen und seine Lust am Abenteuer hatte im Blickfeld des jüngeren Bruders keine Entsprechung. Magenau geht davon aus, dass Friedrich Georg den Visionen des Bruders "etwas Entscheidendes" hinzugefügt habe, "den ökologischen Aspekt". Aber dafür hat sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland kaum jemand interessiert. Und als die Zeit dafür reif war, scheute ihr "Geist" davor zurück, sich auf das Werk eines Bruders ausgerechnet von Ernst Jünger zu berufen. Jörg Magenau bleibt da in seinem Urteil über Friedrich Georg Jünger hochgestimmt: Die "Perfektion der Technik" stehe in einer Reihe mit der "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer oder den Überlegungen von Günther Anders und André Gorz. All dies müsste der Leser dieser Doppelbiographie vermutlich erst noch nachprüfen.
Leichter hingegen fällt es dem Biographen, Stimmungsbilder aus der Frühzeit der beiden Jünger-Brüder zu vermitteln. Die Jahre der Kindheit, der Adoleszenz im bürgerlichen Milieu unter der strengen Regie des Vaters, der im niedersächsischen Rehburg eine Apotheke führte. Die Schuljahre mit unterschiedlichem Erfolg, Ernst, der Empörer, der sich in Frankreich zur Fremdenlegion meldet, nach Afrika geht und mit Mühe vom Vater zurückgeholt wird. Ernst und Friedrich Georg – der Jüngere eifert dem Älteren nach, treffen sich auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, der Ältere an dessen Ende mit dem Pour le mérite hochdekoriert. In der Zwischenkriegszeit die gemeinsame Erfahrung der Boheme – und dann nach 1933 die gefährliche Entschiedenheit, mit der sich Ernst Jünger den nationalsozialistischen Machthabern verweigert hat und damit auch im privaten Bereich die Geltung seiner Moral durchsetzte. Beider Erschütterung über die Gräuel der von Deutschen verübten Verbrechen. Schließlich die Todeserfahrung auch im engsten Familienkreis. Die jüngeren Geschwister sterben alle vor ihm, der in einer ehemaligen Oberförsterei in Wilflingen die zweite Hälfte seiner Jahre verbringt. Ernst Jüngers Leben hat die Zeit von drei Generationen umfasst. Zu dem Verdienstvollen dieser Biographie darf man auch den Leseeindruck zählen, dass es Jörg Magenau gelungen ist, sich seinem Sujet unvoreingenommen zu nähern und sich nicht von rechten
oder linken Meinungssoldaten beeinflussen zu lassen.
Wolf Scheller

Les frères Jünger
Moins connu que son aîné Ernst, figure symbolique des conservateurs allemands pendant les deux guerres mondiales, Friedrich Gregor Jünger (1898- 1977) a été un penseur du mouvement écologiste. Un récent ouvrage présente les deux frères qui entreprenaient fréquemment des voyages ensemble pour mieux échanger leurs idées.
Réd.

Ernst Jünger (1895-1998)
L’écrivain Ernst Jünger, décédé à l’âge de presque 103 ans en 1998, a été officier de l’administration militaire des troupes d’occupation à Paris en 1941. Mais ce sont ses souvenirs de la Première Guerre mondiale, publiés dans Orages d’acier en 1920, qui ont fait la notoriété de cet intellectuel conservateur, auteur de nombreux essais et récits. Ses Journaux de guerre ont été publiés en français en deux volumes en 2008 dans la collection Bibliothèque de la Pléiade. Le premier est consacré à la période 1914-1918, le second à celle de 1939-1948. Très controversé en Allemagne au lendemain de la Seconde Guerre mondiale, interdit même de publication après la capitulation nazie pour avoir refusé les procédures de dénazification imposées par les Alliés, Ernst Jünger a reçu cependant le Prix Goethe en 1982 pour l’ensemble de son oeuvre, ce qui nourrit une vague de contestations. Lors de son 100e anniversaire, en 1995, le président français, François Mitterrand, le convie à l’Elysée pour lui témoigner son admiration.
G. F.

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Brüder unterm Sternenzelt