2015, Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München, ISBN10: 3954380498
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2015
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 4/2015
Rezension / Compte rendu:
Außergewöhnliche Geschichten
Französische Bücher in deutscher Übersetzung
Von den Büchern, die 2015 aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt worden sind, schildern drei Außergewöhnliches. Bei Olivier Rolin (Jahrgang 1947) geht es um das Schicksal eines russischen Meteorologen, der in den 1930er-Jahren Opfer der stalinistischen Diktatur wurde.
Enquêtes et souvenirs
Le livre d’Olivier Rolin, paru en 2014 aux éditions du Seuil sous le titreLe météorologue, est une documentation sur l’histoire peu banale du météorologue russe Alexei Wangenheim (1881- 1937), qui avant d’être exécuté par le régime stalinien (pour avoir falsifié les prévisions météo) a écrit à sa fille de nombreuses lettres, faites de dessins et de devinettes. Plus qu’un roman, l’ouvrage est une enquête minutieuse sur le destin d’un homme pris dans les rouages de la dictature.
Réd.
Ein willfähriger Sündenbock
Das neue Buch des französischen Romanciers Olivier Rolin verzichtet bewusst auf eine Genrebezeichnung, das Vorliegende ist kein Roman, keine Erzählung, eher eine Art Dokumentation. Wie zuletzt in Letzte Tage in Baku recherchiert Rolin wieder in Russland, offensichtlich ist er fasziniert von einem Land, das trotz oder womöglich wegen seiner Widersprüche und disparaten Geschichte seine Neugierde befeuert. Rolin konzentriert sich auf eine einzelne Person, einen Mann namens Alexei Wangenheim, der in den 1930er- Jahren in seiner Funktion als Meteorologe in das Räderwerk des stalinistischen Terrors geriet, „zur besonderen Verwendung“ deportiert und ein paar Jahre später wie so viele, die dem staatlichen Apparat ein Dorn im Auge waren, hingerichtet wurde – und das, obwohl er sich als Mitglied der Kommunistischen Partei loyal verhalten hatte und sich im Grunde nichts zu Schulden hatte kommen lassen. Die Anklage gegen ihn lautete übrigens: Fälschung der Wetterprognosen!
Dieser groteske Vorwurf zog Verhöre und Isolationshaft nach sich, die kommunistische Führung wollte den Mann, der sich allenfalls ab und zu mit den Behörden anlegte, schlichtweg eliminieren. In seiner unvergleichlichen Weise – staunend, kopfschüttelnd, geduldig, empathisch – geht Rolin einem ebenso abenteuerlichen wie tragischen Schicksal nach. Aus dem Arbeitslager heraus schickte Wangenheim seiner damals vierjährigen Tochter aufwändig gestaltete Bilderrätsel bzw. kolorierte Antworten auf Rätsel, die hier in der Buchausgabe wiedergegeben sind. Offensichtlich wollte er auf eine bescheidene Weise die Erziehung und Ausbildung des Mädchens aus der Ferne mitgestalten. Die ästhetisch durchaus ansprechenden Bilder lenken indes davon ab, dass es im Buch zentral um etwas anderes geht. Wangenheims herausstechende Qualität lag in seinen seherischen Fähigkeiten, seiner Modernität. So hat er vieles von dem antizipiert, was uns heute nachhaltig beschäftigt. Vor 80 Jahrenverkündete er die Energiewende, sprach explizit von einer Zukunft aus Sonnenund Windenergie. Seine ganzen Ideen und Visionen verhallten ungehört, erst 1956, lange nach seinem Tod im Jahre 1937, sollte ihm Recht widerfahren, die Urteile aus dem Jahr 1934 aufgehoben, er selbst postum rehabilitiert werden. Ein Mann also, der komplett schuldlos in ein Terrorsystem geraten war, an das er, und das verstört erkennbar auch Olivier Rolin, bis zu seinem Tod ebenso naiv wie unerschütterlich festgehalten hat. Rolin erzählt diese beispiellose Geschichte in einem unaufgeregten Ton, seine akribische Recherche geht jedem aufgeschlossenen Leser unter die Haut.
Thomas Laux



