2010, Indigène, Montpellier 2010, ISBN10: 3550088833
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2011
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 1/2011
Rezension / Compte rendu:
Rufer in der Wüste
Stéphane Hessel, 93 Jahre alt, appelliert: "Empört Euch!"
Das gedruckte Wort kann noch immer heftige Debatten auslösen. In den letzten Monaten riss man sich in Frankreich um eine 28 Seiten dünne Broschüre, deren Auflage mittlerweile eine Million Exemplare übersteigt.
Im Zentrum des zornigen Bestsellers, einer Art Manifest, steht die Sorge um den Verlust demokratischer Grundwerte, wie sie im Frankreich der Nachkriegszeit geschaffen wurden. Dem müsse man sich widersetzen, so der Autor Stéphane Hessel, und die Zuversicht nicht aufgeben, dass es Wendungen zum Besseren geben kann. Hessels Gegenwartsdiagnose wurde in den Medien weltweit kommentiert, gefeiert, angegriffen.
Hessel fokussiert Frankreichs Protestbewegungen der letzten Jahre. In der aktuellen Gesellschaft gebe es "unerträgliche Dinge", deren Veränderung möglich sei, wenn man nicht indifferent bleibe: "Die Empörung ist der Schlüssel zum Engagement." Der Abstand zwischen Arm und Reich nehme zu, deregulierte Finanzmärkte verursachten Schäden, Sozial- und Rentensystem ließen ebenso zu wünschen übrig wie die Lage von Migranten und Staatenlosen sowie der Umgang mit natürlichen Ressourcen. "Gleichgültigkeit" hält Hessel für unmenschlich und kritisiert eine Gesellschaft, die zu ungebremstem Wettbewerb bläst, ihr Gedächtnis und die Hoffnung auf Gerechtigkeit aufgibt. Auch die Pressefreiheit sieht er in Gefahr.
Er fragt sich, wie Grundwerte verteidigt werden können, die für ihn, seine Zeitgenossen und Weggefährten, von existentieller Bedeutung waren, Ideale, die aus der Opposition gegen die NS-Diktatur hervorgingen und zum Programm des Nationalen Widerstandsrates von 1945 führten, auf das er sich ausdrücklich bezieht. Um festzuhalten, dass Veränderungen möglich sind, benennt er Fortschritte der letzten Jahrzehnte: Entkolonialisierung, Ende der Apartheid, Fall der Berliner Mauer, Europäische Integration. "Indignez-vous! (Empört Euch!)" meint gewiss keinen Kritizismus mit beschränkter Haftung, der hinter Demokratie und Rechtsstaat zurück will.
Kritische Reaktionen
Stéphane Hessels Appell wird teils als Hoffnungsanker gefeiert, teils als anachronistisch und demagogisch qualifiziert. Seine Diagnose sei zu einfach und biete keine konkreten Perspektiven. Boris Cyrulnik befindet etwa in "Le Monde", man solle die Leute zum Nachdenken auffordern anstatt zu Empörung, die nur folgenlose Luft sei; auch Luc Ferry bezweifelt in einem Essay für den Figaro den Wert emotionaler Entrüstung, gefragt seien vielmehr "Intelligenz, Mut und Tatkraft". Das bringt eine Debatte ins Rollen und präzisiert Begriffe, die sich meist nicht ausschließen, Denken heißt umdenken. Machtproben allerdings flammen auf, als eine Veranstaltung in Paris ausfallen muss, da Stéphane Hessel ein Israel feindlicher Araberfreund sei; unterstützt er doch schließlich das "Russel Tribunal" zu Palästina.
Den sensationellen Absatz von "Indignez-Vous!" dürfte, gerade vor Weihnachten 2010, gesteigert haben, dass das kleine Buch erschwinglich ist (3 Euro) und Diskussionsansätze für Themen bietet, die zu dieser Jahreszeit besonders virulent sind, nämlich das Gute, Wahre, Schöne - und Engel. Ein Engel ist gleich am Anfang des Buches präsent, in Form des Aquarells "Angelus Novus" von Paul Klee. Walter Benjamin, Erstbesitzer des Bildes und intellektueller Freund der Familie Hessel, der 1940 durch die NS-Verfolgung in den Tod getrieben wurde, hat das Bild 1939 so interpretiert: "Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen (...) Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."
Welche Richtung wird die Geschichte nehmen, wie lässt sie sich verstehen? fragt Stéphane Hessel indem er auf Konzeptionen Hegels und Benjamins zurückblickt. Dass er selbst zu einem engagierten Menschen im Sinne von Jean-Paul Sartre werden konnte, der gegen das simple "Voranschreiten" der Geschichte revoltiert, das versteht sich aus seiner biographischen Erfahrung und Leistung. Im Übrigen zeichnet den 93-Jährigen ein phänomenales Langzeitgedächtnis aus; er kann sein Leben auch poetisch erzählen, in 88 Gedichten, die er rezitiert und als Buch kommentiert hat. Das Alter sieht er als "grande chance" und Möglichkeit, sich furchtlos zu exponieren.
Zahlreiche Länder bekunden ihr Interesse an Übersetzungen von Indignez-vous! Das Buch bietet keine Verheißungen, auf diese ist längst ein Schatten gefallen, das weiß der Autor. Doch erinnert er uns an die Träume des 20. Jahrhunderts und er hat die Fähigkeit zu trauern noch nicht verlernt. Wohl wissend, dass das 21. Jahrhundert schwierig werden könnte, wünscht er seinen Lesern einen Grund zu pazifistischer Empörung, um nicht in Resignation zu verfallen - "résister, c'est créer".
Während in Frankreich "Indignez-Vous!" die Bestsellerlisten stürmt, toppt den deutschen Buchmarkt Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich ab". Das zeigt, woran sich die jeweilige Öffentlichkeit reibt und welche nationalen Besonderheiten mitwirken. Was die Gemüter erregt, formt den Zeitgeist, der um ziviles Bewusstsein, Argumente und Handlungsansätze ringt.
Cornelia Frenkel-Le Chuiton
Stéphane Hessell kam 1917 in Berlin zur Welt, in einer dem Protestantismus zugeneigten jüdischen Familie, die 1924 nach Frankreich emigrierte. Im Zuge der deutschen Besatzung floh er 1940 nach London und schloss sich der "France-libre"-Bewegung Charles de Gaulles an. 1944 fiel er als Widerstandskämpfer den Nazis in die Hände, wurde nach Buchenwald deportiert und konnte sich retten. Nach dem Krieg war er als Mitarbeiter der Vereinten Nationen an der Formulierung der Menschenrechtserklärung beteiligt und ging danach als Botschafter Frankreichs in mehrere Hauptstädte der Welt.
Indignez-vous !
« Ce livre n'aurait pas eu de sens il y a dix ans. En 2000, on sortait d'une décennie admirable : après la chute du mur de Berlin, il y a eu cinq grandes conférences mondiales - à Rio sur l'environnement, à Vienne sur les droits de l'homme, à Pékin sur les femmes, à Copenhague sur l'intégration sociale et à New York sur les objectifs du développement du millénaire - qui nous permettaient d'aborder le 21e siècle avec confiance. Depuis, on est sur une pente descendante, avec le 11 septembre, la guerre contre le terrorisme, huit ans de Bush, puis la crise financière, avec, au final, le sentiment qu'aucun gouvernement n'est capable de résoudre les problèmes. »



