Die Schuld der anderen

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Lustiger, Gila
2015, Berlin Verlag, Berlin, ISBN10: 3827012279

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2015 

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Rezension / Compte rendu:
Pariser Sumpf
Seit fünf Jahren schreibt Marc Rappaport, Redakteur einer Pariser Tageszeitung, "nichts anderes als Meldungen und Artikel über Morde, Sexualverbrechen und Finanzskandale"; dann erhält er folgenden Fall auf den Tisch: Die Polizei hat einen Mann, Gilles Neuhart, festgenommen, der 27 Jahre zuvor eine 19-jährige Prostituierte erdrosselt haben soll; er wurde mittels neuester Techniken der DNA-Analyse überführt. Als Marc den Beschuldigten in einem Verhör erlebt, ist er sich fast sicher: Neuhart ist unschuldig. Die Polizei hat den Fall abgeschlossen, also muss Marc selbst mehr herausfinden. Seine Recherche führt ihn bis in die 1980er-Jahre zurück und tief in die Niederungen der Gesellschaft hinein, vom Rotlichtmilieu bis zur Pariser  Polit- und Wirtschaftselite und zu seiner eigenen Familie. In ihrem ersten Krimi lässt die deutsche, seit langem in Paris lebende Schriftstellerin Gila Lustiger den Journalisten Marc einen Chemieskandal aufdecken. Sie erzählt von skrupelloser Geldmacherei und Vertuschung, Machtmissbrauch und Gewalt und von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein, Not, Tod und Überleben, wobei die Figuren und Milieus immer differenziert und in ihren Widersprüchen höchst lebendig gezeichnet sind – alternde Prostituierte, die ausgebeutet und geschlagen wurden und heute selbst ausbeuten; ein Polizist, der Marc "sein Aktionsfeld, die Straße, erschlossen hatte" und sich durch seine Beförderung nun am Schreibtisch ausrangiert und alt fühlt. Marcs Chefredakteur und Schulfreund Pierre, wie Marc einst Sympathisant der autonomen Szene, nun fürsorglicher Familienvater und vorsichtig abwägender Publizist, lässt sich ab und zu in Marcs Junggesellenwohnung richtig gehen. Pierre und Marc verkörpern auch unterschiedliche Journalisten-Typen, wie es überhaupt in diesem Roman auch um Arbeitsethos, Lust und Leid einer solch aufregenden und aufreibenden Tätigkeit und die Balance zwischen Job und Privatleben geht. Marc fragt sich manchmal, wie sein Freund ein solcher Spießer werden konnte, er selbst geht jeder Bindung aus dem Weg. Sogar von der unabhängigen Deborah fühlt er sich eingeengt. Fast hätte er auch sie verlassen, bringt es dann aber doch nicht übers Herz. Mit Marc hat Lustiger einen komplexen Charakter geschaffen. Auch wenn er über 40 ist, so ist er doch permanent hin und hergerissen zwischen den Polen seiner Herkunft, Eigen- und Fremdwahrnehmung und fremden Ansprüchen und Bedürfnissen und seinen eigenen, die sich ohnehin oft genug widersprechen. Marc will es allen recht machen und sich dennoch treu bleiben – nicht einfach als Spross einer Pariser Industriellen- (mütterlicherseits) und einer jüdischen Akademikerfamilie (väterlicherseits), der sich als Rebell gegen das Establishment versteht, aus dem er hervorgegangen ist. Für seine reiche Verwandtschaft galt er schon vor dieser Geschichte als Nestbeschmutzer und naiver Moralist. Rast- und ruhelos, fast besessen, zieht er nun durch die hochsommerliche Provinz und die glühend heiße Großstadt und gräbt sich immer tiefer in den Fall ein. Dieses Mal genügt es ihm nicht zu berichten, er will selbst für Gerechtigkeit sorgen, als ob er etwas gut zu machen hätte. Seine eigene Familiengeschichte nimmt im Laufe des Romans zunehmend mehr Raum ein. Am Schluss zeigt sich wieder einmal, dass Liebe blind macht und die Schuld oft ganz nahe liegt; der Roman endet wenig überraschend, aber sehr realistisch.
Jeannette Villachica

Compte rendu du dernier roman de Gila Lustiger qui attend sa traduction en français.
Réd.

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Die Schuld der anderen