Ernst Robert Curtius als journalistischer Autor (1918-1932)

Auffassungen über Deutschland und Frankreich im Spiegel seiner publizistischen Tätigkeit

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Müller, Stefanie
2008, Peter Lang, ISBN10: 3039114352

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Rezension / Compte rendu:
Curtius als Journalist

Der Romanist Ernst Robert Curtius (1886-1956) gilt mit Fug und Recht als einer der bedeutendsten Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts. Der Nachruhm des in Marburg, Heidelberg und Bonn lehrenden Romanisten verdankt sich insbesondere seinem vor stupender Gelehrsamkeit strotzenden Hauptwerk "Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter" (1948), in dem er mittels der Toposforschung Kontinuitäten in der europäischen Literatur nachzeichnete, sowie seinen zahlreichen Publikationen über das zeitgenössische Frankreich und über die deutsch-französischen Beziehungen.
In den Jahren der Weimarer Republik war Curtius als Publizist ausgesprochen rege und veröffentlichte sowohl in romanistischen Fachzeitschriften als auch in Kulturmagazinen und Tageszeitungen unzählige Aufsätze, Essays und feuilletonistische Artikel. Dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Luxemburg und der Schweiz. Der Kosmopolit Curtius warb unermüdlich für die deutsch-französische Verständigung und war - neben Romanisten wie Viktor Klemperer, Karl Vossler oder Eduard Wechssler - einer der führenden Vertreter der so genannten "Kulturkunde"-Bewegung in den Neuphilologien. Er rührte die Trommel für moderne Autoren wie James Joyce, dessen literarische Bedeutung Curtius als einer der Ersten erkannte, und betätigte sich auch als Übersetzer vorzugsweise zeitgenössischer Autoren, darunter die Franzosen Paul Valéry und André Gide, der Spanier Jorge Guillén und die Engländer T. S. Eliot und Stephen Spender. In die letzten Jahre der Weimarer Republik und in die Zeit des Nationalsozialismus, von dem sich Curtius im Gegensatz zu vielen seiner Fachkollegen nicht vereinnahmen ließ und dem er als Humanist und Konservativer ablehnend gegenüberstand, fällt die Arbeit an seinem dickleibigen Hauptwerk, das seit 1948 immer wieder neu aufgelegt wird. Der "Journalist" Curtius schwieg im Dritten Reich, erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges betätigte er sich wieder als literarischer beziehungsweise kulturkritischer Publizist. Von den Aufsatzsammlungen Curtius', die nach 1945 erschienen, sind insbesondere seine 1950 erstmals vorgelegten "Kritischen Essays zur europäischen Literatur" zu erwähnen. Hier wird die gesamte Breite des literarischen Spektrums und des kritischen Interesses von Curtius deutlich. Die Essays weisen ihn als einen profunden Kenner fast aller Einzelliteraturen des westlichen Europas von der Antike bis hin zur Gegenwart aus.
Stefanie Müller untersucht in ihrer flüssig geschriebenen, die umfangreiche Forschungsliteratur zu Curtius souverän überschauenden Freiburger Dissertation aus dem Jahre 2005 das publizistische Werk von Curtius in der Weimarer Republik im Hinblick auf die von ihm vertretenen Auffassungen über Deutschland und Frankreich. Sie untersucht also die Frankreich- und Deutschlandbilder von Curtius vor 1933 und nimmt hierzu 154 Artikel und Aufsätze von Curtius aus den Jahren 1918 bis 1932 unter die Lupe.
Dreh- und Angelpunkt im Denken von Curtius in der Weimarer Republik ist, wie Stefanie Müller belegen kann, seine Auffassung vom "deutschen Geist" als Ausprägung der Romantik und des Humanismus. Dem steht ein ambivalentes Frankreichbild entgegen. Die Haltung von Curtius zu Frankreich wurde zunehmend ablehnend, er unterschied zwischen einem "guten", sich an den deutschen Idealismus und die Romantik anlehnenden, und einem "schlechten", dem Rationalismus und dem Klassizismus verpflichteten Frankreich. Allerdings betrieb Curtius im Gegensatz zu vielen Fachkollegen seiner Zeit keine antagonistische deutsch-französische "Wesenskunde", sondern war um die deutschfranzösische Verständigung bemüht - was ihm zum Beispiel von seinem Fachkollegen Eugen Lerch den unsäglichen Vorwurf der "Anbiederung an die Nigger-Nation" eintrug.
Die umfangreiche Studie von Stefanie Müller über Ernst Robert Curtius als journalistischer Autor ist ein wichtiger Beitrag zur Fachgeschichte der Romanistik und zur Geschichte der deutsch-französischen Kultur- und Geistesbeziehungen in der Weimarer Republik.
Horst Schmidt

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Ernst Robert Curtius als journalistischer Autor (1918-1932)