Place de l'Étoile

Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Elisabeth Edl

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Modiano, Patrick
2010, Hanser Verlag, München 2010, ISBN10: 3446233997

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 2/2010 

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Rezension / Compte rendu:
Ein ewiges Zuspätkommen

Im Juni 1942 fragt ein deutscher Offizier in Paris einen jungen Mann, wo sich die "Place de l'Étoile" befinde. Der Befragte zeigt nur wortlos auf die linke Seite seiner Brust. Mit dieser kleinen jüdischen Geschichte leitete 1968 der damals 25-jährige Patrick Modiano seinen ersten Roman "La Place de l'Étoile" ein, dessen Erscheinen bei Gallimard einer Sensation gleichkam und vom Publikum auch so aufgenommen wurde. Hier war ein junger Schriftsteller, der die phantasmagorische Autobiographie eines französischen Juden vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vorlegte, wie man sie sich bizarrer kaum vorstellen kann. Jetzt nach mehr als vierzig Jahren hat auch der deutsche Leser die Möglichkeit, diese "Premiere" in der vorzüglichen Übersetzung von Elisabeth Edl zu bestaunen, die hierzu auch ein sehr detailliertes und kenntnisreiches Nachwort beigesteuert hat.
Im Mittelpunkt steht die Gestalt des Raphael Schlemilovitch, der mal als "Kollaborationsjude" und Liebhaber von Eva Braun, mal als "Feld- und Flurjude", ein anderes Mal als "Snob-Jude" oder als "École-normale-Jude" durch die furiose Romanhandlung halluziniert, um am Ende auf der Couch von Doktor Freud zu landen, der eine "jüdische Neurose" diagnostiziert. Damit wird der Grundakkord von Modianos späterem, mit etlichen Preisen ausgezeichnetem Erzählwerk angeschlagen, in dem die Zeit von Kollaboration und Besatzung die zentrale Rolle spielt. Erst 2007 hat Modiano dann eine Jugendautobiographie ("Ein Stammbaum") vorgelegt, in der er konsequent aus der Perspektive des Kindes das Milieu seines Aufwachsens schildert. Modianos Mutter, 1918 geboren, war eine Flämin, die sich vom Revuegirl zur Theater- und Filmschauspielerin hochgearbeitet, aber wenig Erfolg hatte. Der Vater, Jahrgang 1912, war ein Jude mit italienischen Wurzeln, der nie einen regelrechten Beruf ausübte. Die Eltern Modianos lernen sich während der Okkupationsjahre kennen. 1945 wird Patrick in Paris geboren. Das Kind wird permanent abgeschoben, wechselt von einem Internat zum anderen, die Eltern trennen sich, liieren sich neu, aber kümmern sich so gut wie kaum um den Sohn. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Romanerstling "Place de l'Étoile" verstehen, in dem sich Modiano auf obsessive Weise mit den Kriegsjahren beschäftigt, weil - wie er sagt - die Okkupation der Boden sei, "dem ich entsprungen bin". Auf diesem Tableau agiert Modiano mit gleichbleibender Intensität und Kontinuität. In dem ebenfalls aus dem Frühwerk Modianos stammenden Roman "Die Gasse der dunklen Läden" schöpft Modiano aus seiner eigenen Biographie, ein Verfahren, das er immer wieder anwenden wird.
Guy Roland, ein junger Mann, arbeitet als Assistent in einer Pariser Detektei. Als sein Chef, Monsieur Hutte, eines Tages beschließt, seinen Job aufzugeben und sich an der Côte d'Azur zur Ruhe zu setzen, konzentriert sich Guy auf ein ebenso schwieriges wie ehrgeiziges Projekt, das die Fundamente seiner Existenz und Identität bloßlegen soll. Vor zehn Jahren hat Guy sein Gedächtnis verloren, sein Erinnerungsvermögen speichert nur noch vage Bilder und Hinweise auf eine Herkunft, von der er nicht weiß, ob es sich um die eigene oder die eines anderen handelt. Über ein paar Fotos, die in einer alten Keksschachtel vergilben, über alte Telefon- und Adressbücher aus der Zeit des Krieges tastet er sich in dieser Erinnerungsarbeit - eine Traum- und Trauerarbeit zugleich - an das heran, was er für sein Ego, die Hervorbringung seines Selbst hält. Die Spuren, die er verfolgt, verlaufen dabei keineswegs gradlinig oder logisch. Guy stößt auf Namen und Personen, auf Erinnerungsgegenstände längst Verstorbener, er trifft Leute, die sich an ihn als Kind zu erinnern meinen - und dann doch in Zweifel geraten. Er unternimmt endlose Wanderungen, Taxifahrten und Reisen zu Orten, die ihm irgendwie vertraut oder von früher her bekannt vorkommen. Und er verirrt sich in dem Vergangenheitsgestrüpp der Kriegsjahre, der Zeit der deutschen Okkupation mit ihren zahlreichen tragischen Emigrantenschicksalen. Am Ende holt ihn diese Zeit ein, er ist ein Stück von ihr geworden, ein anderer, um dreißig Jahre zurückgenommen, vielleicht aber doch derjenige, nach dem er in sich so lange gesucht hat, ohne freilich jemals den schlüssigen Beweis für seine wahre Identität gefunden zu haben.

Topografische Obsessionen
Die Zeit des Krieges, der Besatzung und Deportationen spielt bei Modiano immer wieder eine wichtige Rolle. Aber sie wirkt bei ihm wie ein großes schwarzes Loch, in dem die Erinnerung wie in einem Trichter verschwindet. "Ich rechnete oft damit, dass die Menschen, die ich kennenlernte, von einem Augenblick auf den anderen verschwanden", heißt es in einem seiner Bücher. Und so geht es auch in dem Roman Unfall in der Nacht um das Verschwinden einer geheimnisvollen Frau, zu der sich der Ich-Erzähler auf geradezu magische Weise hingezogen fühlt.
Modiano eröffnet diese Erzählung mit einem Unfall. Sein Held wird im nächtlichen Paris beim Überqueren der Straße von einem Wagen angefahren und auf das Trottoir geschleudert. Dem Wagen entsteigt eine geheimnisvolle Frau, die ihn ins Krankenhaus begleitet - und dann spurlos verschwindet. Wenn sie am Ende wieder auftaucht und sich zwischen beiden so etwas wie der Beginn einer zarten Liebesbeziehung andeutet, dann haben wir eine im wahrsten Sinne des Wortes erlesene Erkundungsreise hinter uns, für die das Paris der Nachkriegszeit mit all seiner verschlungenen Topografie das Terrain gibt. Von diesem Ort zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden aus schreibt Modiano in einem fast beiläufigen, gleichwohl aber intensiven Flüsterton, dessen stetes Rühren an die Geheimnisse der Vergangenheit das ist, was seine Figuren am Leben hält. Und es sind diese topografischen Obsessionen von einer unbestimmten Gegend, die sich dem Versuch widersetzen, die untergegangene Welt mit der Kraft der Erinnerung zu vermessen. Denn nicht von ungefähr lastet auf dem Leben des Ich-Erzählers die verschwommene Erinnerung an den Vater, der ihn eines Tages verlassen hat. Wegen einer Frau? Vielleicht wegen jener, die im nächtlichen Paris einen jungen Mann mit ihrem Fiat angefahren hat? Und welche Querverbindungen bestehen zwischen dem Vater und jenem obskuren Büro Otto ..., zwischen Guy Rossotte und dem Ich-Erzähler?
Wir können nur vermuten, dass es sich bei dem "Büro Otto" um die Dienststelle von Otto Abetz handelt, der während der deutschen Besatzung in Paris als Hitlers Botschafter maßgeblich die Fäden zur Pariser Kollaborations-Schickeria knüpfte. Von all dem sagt Modiano nichts in diesem weiteren, ebenso verstörenden wie komplizierten Roman. Von Jean Paul stammt der Satz: "Die Probe eines Genusses ist die Erinnerung." Aber diese Erinnerung wird erst zum Genuss, wenn man sie verlebendigt, wenn man sich über sie beugt. Er versucht mit unterschiedlichem Erfolg, alle im Roman vorkommenden Personen in den Bann der Erinnerung einzuschließen. Und er arbeitet sich zugleich vor, durch Porträts und leere Straßen und Plätze, durch Häuser mit Unbekannten, durch Namen, Jahreszahlen, Erinnerungen an nichts. Der Unbekannte, der ihm im Krankenhaus ein Schuldeingeständnis abtrotzt und ihm
dafür ein dickes Geldbündel überlässt, der Gelehrte, der eines Tages zum Vortrag mit frischen Blessuren im Gesicht erscheint - und niemand weiß, wie er sich die Verletzungen zugezogen hat. "In manchen Nächten", heißt es im Buch, "fragte ich mich, ob dieses Suchen einen Sinn haben konnte und warum ich damit begonnen hatte ..."
Nach dieser Art des fotografischen Erzählens kann man süchtig werden, obwohl wir im Grunde bei Modiano von Buch zu Buch dem immer gleichen Motiv begegnen, dem vertrauten Geschmack der Vergangenheit, einem Bouquet leicht abgewelkter Nostalgie.
Ein weiteres Motiv kommt bei diesem Autor hinzu: Das der lebenslangen Vatersuche. Hier lässt sich die literarische Vorläuferschaft ausmachen - Kafka etwa oder der amerikanische und französische Kriminalroman. Modianos Protagonisten sind halb Opfer, halb Komplize in einem Lemurenreigen, den Modiano als melancholische Parodie vor dem Hintergrund von Krieg und Verfolgung zu einer grandiosen Traum-Recherche verarbeitet. Er vermisst dabei das Land seiner Erfindungen wie ein Kartograph, und jedes Mal bleiben trotz angestrengter Erinnerung weiße Flecken zurück, ungewisse Leerstellen der Realität. Von der "Bauart" her erinnert die fast filmische Konturierung auch an die Anfänge des kurzlebigen "nouveau roman" - etwa in der Nachbarschaft zu Alain Robbe-Grillets Les Gommes von 1953, einem ungelösten Kriminalfall, dessen Text ein möglicherweise begangenes Verbrechen zwar umkreist, aber letzten Endes doch ausspart.

"Ich stelle mir vor"
Genau dies ist eben auch der Angelpunkt in Modianos Erzählen. Eingetaucht in das Dunkel einer unscharfen Erinnerung liest man von obskuren Begebenheiten, von zweifelhaften Geschäftemachern - und häufig begegnet der Ich-Erzähler dann Leuten, die ihn mit dieser düsteren Vergangenheit konfrontieren.Vor einigen Jahren hatte Modiano damit begonnen, sich für seine Romane weibliche Erzählfiguren auszudenken. "Des inconnues (Unbekannte Frauen)" von 2001 erzählt die Geschichten von drei Frauen. Eine stammt aus Lyon und gerät nach Paris, wo sie sich verliebt und in eine düstere Affäre hineingezogen wird. Die zweite verlässt eines Tages das Internat, wird Kellnerin und endet höchst trivial im Verbrechen. Die dritte schließlich nomadisiert zwischen London und Paris, ziellos wandernd in ihrer Einsamkeit. Alle drei haben gemeinsam, dass sie sich auf ihre eigene Biografie besinnen, sich ihres freudlosen Daseins erinnern - das Ganze spielt in den sechziger Jahren - und am Schluss kippen sämtliche Gefühle und Wünsche irgendwie ins Leere, in eine Welt des Nihilismus, des Schweigens: Leben als Déjà-vu-Erfahrung. Kann es sein, dass Patrick Modiano im Grunde sich die Depression vom Hals schreibt, indem er uns von der Neugier der Kindheit träumen lässt, als die Einbildungskraft noch stark genug war, um sich in den Fiktionen der Bücher einzurichten? So wie er es vor vier Jahren in seiner meisterhaften Erzählung "Die Kleine Bijou" vorgemacht hat? Er entwirft nebelgraue Scharaden mit sparsamster Gestik, mit einem herben, pathosfernen Ausdruck, kühl bis ins Herz. Er hat von seiner Herkunft nur selten etwas durchblicken lassen, ein wenig hier und da autobiografische Spuren gelegt - und sogleich wieder verwischt.
Protokolliertes Leben: Die "hübsche, hartherzige" Mutter, der Vater mit seinen krummen Geschäften, seinen Partnern aus der Halb- und Unterwelt, prägende Lektüreerlebnisse, die gespannte Beziehung zu den Eltern - das meiste bleibt im Dunkeln und wird bei Modiano gerade deswegen zum Erhellenden. Häufig weist das in Modianos Romanen verwendete "Ich stelle mir vor" aber auch darauf hin, dass das Erzählte nur vordergründig als realistisch zu begreifen ist. Am Ende bleibt aber die Gewissheit, dass jeder Versuch, die Erinnerung einzuholen, identisch ist mit einem ewigen Zuspätkommen.
Wolf Scheller

Modiano en allemand
Plus de quarante ans après sa sortie en France, le roman de Patrick Modiano « La place de l'étoile » vient d'être publié en allemand. L'œuvre du romancier, né en 1945, est marquée par la Seconde Guerre mondiale, l'Occupation et les déportations. Son dernier roman, « L'horizon », est paru en 2010.
Réd.

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