Enfants maudits. Ils sont 200000. On les appelait les "Enfants de Boches"

Die Kinder der Schande. Das tragische Schicksal deutscher Besatzungskinder in Frankreich (d)

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Picaper, Jean-Paul; Norz, Ludwig
2005, Piper Verlag / Édition des Syrtes, ISBN10: 2845450885

Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 3/2005 

Voir ce livre sur Amazon.fr
Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 3/2005 

Rezension / Compte rendu:
"Enfants de Boches" - mangelnde historische Aufklärung

1940 wird Frankreich von deutschen Truppen besetzt, - Beziehungen zwischen Französinnen und Deutschen sind verboten, doch sie finden statt: Mindestens 200 000 uneheliche Kinder sollen daraus hervorgegangen sein. Die meisten verbergen bis heute ihre Herkunft, sofern sie ihnen überhaupt bekannt ist. In dem Buch "Enfants maudits", letztes Jahr in Frankreich erschienen und unter dem Titel "Die Kinder der Schande" rasch ins Deutsche übersetzt, brechen nun einige Personen das erzwungene Schweigen. Sie wagen über die Ungewissheit ihrer Herkunft zu sprechen und über den Wunsch, ihren Vater zu kennen. Aufgewachsen als Halbwaisen, oft geächtet von Nachbarn, Lehrern, Familienangehörigen, waren sie als "Enfants de Boches" stigmatisiert. Es hat lange gedauert, bis jemand wagte, das Tabu zu brechen und eine so aufwühlende Recherche über die Kinder deutscher Besatzungssoldaten durchzuführen.
Der Journalist Jean-Paul Picaper und der Historiker Ludwig Norz haben 15 Lebensläufe dieser Soldatenkinder aufgezeichnet, die zwischen 1941 und 1945 geboren wurden, und stellen damit Biographien vor, die traumatisch belastet sind: von einem destruktiven Geheimnis, emotionalem Mangel, einem lückenhaften Selbstbild, Schuldgefühlen und unverstandenen Strafen, - von dem Umstand, als vaterloser "Balg" im Nachkriegsfrankreich aufzuwachsen und nicht selten auch noch die Mutter zu entbehren, die, oft kaum 18-jährig, ihr Kind im Stich lassen musste.
Seit 1997 haben diese Kinder immerhin das Recht, den Namen ihres Vaters zu erfahren, falls er sich überhaupt finden lässt. Einer der Autoren des Buches, Ludwig Norz, ist Mitarbeiter der "Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht" in Berlin, kurz "Wehrmachtsauskunftsstelle" (WASt). Täglich gehen hier rund 50 Anfragen ein. Die WASt ist verpflichtet, Briefe der Suchenden an ihre Väter weiterzuleiten, was nicht nur schwierig, sondern meist voller Peinlichkeiten ist. Einer deutschen Familie muss etwa angekündigt werden, sie werde von einem Verwandten aus Frankreich gesucht, der ihnen bislang völlig unbekannt war. Viele der Betroffenen leben nicht mehr, die meisten Väter wollen gar keinen Kontakt, einige sind zum Austausch von Informationen bereit. Manchmal nur kommt es zu einem Treffen, auch mit weitläufigen Verwandten, Onkeln, Tanten oder Halbgeschwistern. Die Gesuchten haben oft Angst vor Erbansprüchen, - unbegründet, denn solche stehen den Soldatenkindern gar nicht zu. Sie möchten vor allem die Wahrheit erfahren und ihre Herkunft nicht mehr verstecken müssen. Die deutsche Wehrmacht hat in Frankreich Tod und Zerstörung hinterlassen - und zudem Schmerz bei Lebenden, bei Frauen, Männern und insbesondere Kindern, deren Existenz im Bewusstsein beider Länder kollektiv verdrängt wurde. 60 Jahre danach sind nun viele angetreten, ihre anonyme deutsch-französische Herkunft zu eruieren.
Der erste Teil des Buches enthält persönliche Berichte über die einzelnen Schicksale. Der zweite Teil erhellt den historischen Kontext und liefert einen konsistenten Abriss der deutschen Besatzung Frankreichs, der Verordnungen für Wehrmachtssoldaten und für die französische Bevölkerung. Er bietet darüber hinaus auch eine Analyse der mentalen Situation, in der die "illegitimen" Kinder geboren wurden. Zahlreiche Mechanismen der Ausgrenzung summierten sich: Prinzipiell wurde in dieser Zeit ein uneheliches Kind, noch dazu von einem feindlichen Soldaten, als "Makel" für die Frau angesehen. Sofort nach der militärischen Eroberung Frankreichs 1940 organisierte die deutsche Wehrmacht die Prostitution im besetzten Land und richtete rund 500 Bordelle ein. Für Offiziere standen gesonderte "Absteigehotels" zur Verfügung. Um das Bordell als ausschließliche Stätte der Zusammenkunft von deutschen Soldaten und Französinnen durchzusetzen, steuerten Verordnungen ihr Verhältnis nach rassepolitischen Kriterien. Kommandantur-Ärzte waren zuständig für Repressalien. Unreglementierte sexuelle Kontakte sollten verhindert werden, Ehen waren nicht erlaubt. Doch nicht nur Prostituierte, so genannte "filles soumises", wurden auf diese Weise überwacht und der sexuellen Ausbeutung unterworfen. Auch Frauen, die sich etwa alleine in Lokalen aufhielten oder andere Formen von "Renitenz" an den Tag legten, landeten wegen "illegaler Prostitution" im Bordell. Für viele Frauen war es eine Frage des Überlebens, in deutschen Militäreinrichtungen zu arbeiten, dort gingen sie mitunter private Liebesverhältnisse und selbständige Kontakte ein. Als Huren denunziert, konnten sie von den Besatzern vor die Wahl gestellt werden: Internierungslager oder Wehrmachtsbordell.
Wahrscheinlich hat die Mehrzahl der Frauen weniger mit dem Feind kollaboriert oder Landsleute verraten, als die rassistischen Gesetze der Nationalsozialisten übertreten. Sie gingen ein hohes Risiko ein, ebenso wie die Wehrmachtssoldaten, die ihren Gefühlen folgten und daher vom Naziregime desertierten.
Nach der Befreiung im Sommer 1944 traf Französinnen, die sich mit Deutschen eingelassen hatten, der geballte Volkszorn. Die so genannte "collaboration horizontale" galt als Landesverrat. Oft wurden die Frauen kahl geschoren und auf dem Marktplatz verhöhnt. Persönliche Details interessierten kaum. Schon vor einigen Jahren begannen zwei Untersuchungen, dieses unrühmliche Kapitel auszuleuchten: "Wehrmacht und Prostitution im besetzten Frankreich" von Insa Meinen und "La France 'virile' - Des femmes tondues à la Libération" von Fabrice Virgili.
Der Band "Enfants maudits" des Autorenduos Picaper / Norz legt erschütternde Schicksale dar: von Daniel, Jeanine, Gérard, Norbert, Else, Julie und vielen anderen sowie diejenigen ihrer oft kaum 20-jährigen Mütter und entschwundenen Väter. Eine dieser Geschichten, nämlich diejenige Henriettes, hat Marita Häp-Pursche bereits 2002 in DOKUMENTE veröffentlicht (siehe Heft 4/2002).
Jede dieser Biographien ist eine unerhörte Angelegenheit, die mehr Aufmerksamkeit verdient, als hier zur Verfügung steht. Die Lektüre des Buches kann nur empfohlen werden, auch wenn sie bestürzt und sprachlos macht. Denn es geht um eine Vergangenheit, deren Personen nicht historisch sind, sondern die mitten unter uns leben, beladen mit unbequemen Fragen, die weiterhin verdrängt werden. Wie könnte hier mehr Offenheit erreicht werden? Die an dieser Stelle notwendige Transparenz käme sicherlich auch anderen Bereichen der deutsch-französischen Beziehungen zugute.
Cornelia Frenkel

Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Voir ce livre sur Amazon.fr
Enfants maudits. Ils sont 200000. On les appelait les "Enfants de Boches"