Feuer im Herbst

Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Némirovsky, Irène
2008, Knaus Verlag, München 2008, ISBN10: 3442740908

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2010 

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Rezension / Compte rendu:
Bange Ahnung des Unheils

Anfangs scheint alles harmlos. Bürger streifen durch ihr geliebtes Paris und freuen sich an Himmel und Mode. Dann erfasst der Erste Weltkrieg die Gesellschaft, und bevor die Wunden verheilen konnten, ist der nächste Krieg da. "Les feux de l'automne", 1941/42 geschrieben, 1957 posthum erschienen, wurde nun erstmals ins Deutsche übersetzt. Es war das letzte Manuskript, das Irène Némirovsky (1903-1942) ihrem Verleger über- geben konnte. Bis Juni 1942 schrieb sie am Fragment gebliebenen Roman "Suite française", dann wurde sie deportiert.
Feuer im Herbst schildert die Milieus dreier Familien (Jacquelain, Brun und Humbert). Bernard Jacquelain stürzt sich patriotisch in den Ersten Weltkrieg und verliert bald seine Illusionen, doch auch moralische Hemmungen kommen ihm abhanden. Nach dem Krieg will er das verpasste Leben nachholen und Geld machen und gerät dabei in schlechte Gesellschaft. Thérèse Brun ist neben Bernard die zentrale weibliche Figur. Zu Kriegsbeginn heiratet sie den seriösen Arzt Martial Brun, den sie alsbald verliert; im Lazarett verkämpft er sich für Verwundete und kommt um. Die verwitwete Thérèse verliebt sich in Bernard Jacquelain und heiratet ihn. Doch ihre Gemeinschaft mit "Blümchentapete im Schlafzimmer" ist kurz. Bernard lässt sich auf krumme Abenteuer ein und entfernt sich von Ehe und Kindern.
Im Roman werden auch mehrere Nebenfiguren geschildert, insbesondere Frauen, die in Gedanken an Kalbsbraten und blumenbestückte Hüte Männer zur Verzweiflung treiben. Diese hingegen "salbadern" mit "ausholenden Gesten" und sind im Übrigen kaum einer Lage gewachsen. Das Buch berührt durch seinen nüchternen Tonfall voller Emotionen. Erzählt wird aus der Perspektive von Figuren, die eine perfide Realität zu zermürben droht. Trauerflor überall. Ideologische Irrwege und dubiose Finanzgeschichten zerstören den Wunsch nach bürgerlicher Redlichkeit: "Es waren keine Geschäfte mehr, sondern Spekulationen. Es war kein Geld mehr, sondern Papiere, Symbole, Zeichen, Abstraktionen, im Grunde eine Art Spiel, das tödlich war."
Der Zweite Weltkrieg beginnt, Frankreich wird besetzt; Bernards Leichtsinn bröckelt, zunächst durch den Tod seines Sohnes bei einem Flugzeugunfall. Er selbst wird in ein Lager nach Deutschland verschleppt, träumt von Rückkehr und läutert sich moralisch. Indes bringt Thérèse - trotz Alltagsnöten - Zuneigung für ihre Kinder auf.
Der Roman endet mit Bernards überraschender Heimkehr. Hoffnung mitten im Unheil? Bedenkt man, dass die Autorin zu diesem Zeitpunkt bereits diskriminiert war und schließlich deportiert wurde, kann dieses Happy End jedenfalls ebenso wundern wie die fehlende Thematisierung der Judenverfolgung im Roman.
So konsequent kann Literatur sein, will sie doch mehr auf die Seelen als auf die Fakten blicken. Aber bereits die ersten Seiten des Buches verraten eine Ahnung: "Die Bruns wohnten im Herzen eines stark bevölkerten Viertels in der Nähe der Gare de Lyon. Die wehmütigen, lang gezogenen Pfiffe der Züge drangen bis zu ihnen, voller Rufe, die sie nicht vernahmen."
Cornelia Frenkel

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