Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers
2011, Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2011, ISBN10: 3821862424
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Rezension / Compte rendu:
Leidenschaftlicher Denker
Zum 140. Geburtstag von Paul Valéry (1871-1945)
Das Interesse am kulturellen Erbe Europas und an den deutsch-französischen Beziehungen – während und zwischen zwei Weltkriegen – sind Konstanten im Werk von Paul Valéry. In Berlin sprach er 1926 vor prominentem Publikum über die Freiheit des Denkens und Europas Verantwortung für den Frieden. Dem heutigen Brandenburger Tor findet sich daher sinnfällig, in Richtung Pariser Platz, ein Paul-Valéry-Zitat eingemeißelt. Er war Mitglied der Académie Française, viele Jahre Präsident des PEN-Clubs und wirkte im Völkerbund mit. "Die Krise des Geistes" beschäftigte den leidenschaftlichen Denker in allen Facetten.
Eine zentrale Bedeutung hatte für Paul Valéry das Schreiben der sogenannten Cahiers, die durch eine bibliophile Neuedition unter dem Titel "Ich grase meine Gehirnwiese ab" in Erinnerung gerufen werden. Zudem steht dem deutschen Leser nun endlich eine umfassende Valéry-Biographie zur Verfügung, vorzüglich übertragen aus dem Französischen.
Die Cahiers:
In 263 simplen Schulheften, die er über fünfzig Jahre hinweg führte (1894 bis 1945), entwickelte Valéry eine beispiellos kritische Aufmerksamkeit für sein Denken und die eigene Person. Fast täglich, beginnend zwischen fünf und sechs Uhr morgens, notierte er Gedanken, Widerreden, Wahrnehmungen und befragte sich, wie er sein Leben bewusst zu führen vermöchte. Viele Themen ergänzte er zeichnerisch, durch anatomische Studien, Landschaften, Portraits und Fahrzeuge – mittels Bleistift, Aquarell, Ölfarbe und Radierung. Er suchte in der Formel CEM ("Corps-Esprit-Monde") zu erfassen, in welchem Spannungsfeld er sich im Dialog mit der Welt bewegte. Ein philosophisches System, "in dem der Körper des Menschen nicht eine grundlegende Rolle spielt", hielt er für misslungen; der Geist sei "ein Moment der Antwort des Körpers auf die Welt". Valéry wollte Spezialist für sich selbst werden und vertraute dabei auf keine Autorität. Indem er sich rückhaltlos des eigenen Verstandes bediente, zeigt er sich als Vertreter des antiken Skeptizismus, der französischen Moralisten und der europäischen Aufklärung. Sogar "Dummheiten" wollte er nicht achtlos vorübergehen lassen, diese sagten oft mehr über uns als "unsere besten Werke". Postum (1957–1961) wurden die Cahiers zunächst in 29 faksimilierten Bänden ediert. Die 2011 erschienene Auswahl geht auf eine sechsbändige Edition zurück, die von Hartmut Köhler und Jürgen Schmidt-Radefeldt – den wichtigsten deutschen Valéry-Forschern – übersetzt und vor rund zwanzig Jahren (1987–1993) herausgegeben wurde. Textgrundlage dieser ersten deutschen Edition sind die in der "Bibliothèque de la Pléiade" erschienenen "Cahiers", die circa ein Zehntel des Ausgangsmaterials umfassen. Valérys "Denkhefte" gelten als wesentliches intellektuelles Experiment der Moderne. Es sind keine Tagebücher, die aktuell autobiographisches Geschehen notieren, sondern Protokolle einer beharrlichen geistigen Suchbewegung. Zunächst vermischen sich in den fortlaufend geschriebenen Heften alle Themen, später wurden diese in dreißig Rubriken geordnet und etwa betitelt: Ego, Sprache, Philosophie, System, Psychologie, Sensibilität, Gedächtnis, Zeit, Traum, Bewusstsein, Aufmerksamkeit, Das Ich und die Person, Eros, Gladiator, Mathematik, Wissenschaft, Geschichte und Politik, Kunst und Ästhetik, Poesie, Literatur. Thomas Stölzel, der die Auswahl für "Die Andere Bibliothek" besorgt hat und im einleitenden Essay die geistigen Konturen Valérys skizziert, schreibt: "Die Rubriken sind so arrangiert, dass jede einzelne jeweils die volle Zeitspanne der Cahiers durchläuft und also neben der thematischen Ordnung auch noch die Chronologie der Denk-, Probier-, Such- und Erkenntniswege" mitverfolgbar macht.
Cornelia Frenkel-Le Chuiton



