Mutations et intégration. Les rapprochements franco-allemands dans les années cinquante (f)
2005, Oldenbourg Verlag, ISBN10: 3486578022
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Rezension / Compte rendu:
Mehrdimensionale Bilanz deutsch-französischer Annäherung
Der vorliegende Band geht auf eine internationale Konferenz zurück, die auf Anregung der Forschergruppe "Identités, Relations internationales et Civilisations de l'Europe" (UMR 8138, IRICE, Paris IV, Paris I, CNRS) von Hélène Miard-Delacroix (Ecole Normale Supérieure Lettres et Sciences humaines, Lyon) und Rainer Hudemann (Universität des Saarlandes) in Paris in 2004 organisiert wurde. Die Organisatoren und Herausgeber nahmen den 50. Jahrestag der Pariser Verträge von 1954 zum Anlass, um "die - schon recht gut bekannte - diplomatische Geschichte [dieser] Verträge in ihrem politisch-strukturellen Zusammenhang mit neueren sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Forschungstendenzen zu kombinieren beziehungsweise zu korrelieren" (S. 13).
Der Band gliedert sich in vier Hauptsektionen, in denen 25 ausgewiesene Experten der deutsch-französischen Beziehungen die vielfältigen und multidimensionalen Wandlungen, Annäherungen und Transfers zwischen Frankreich und Deutschland von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zum Anfang der 1960er Jahren hinterfragen und analysieren. Trotz unterschiedlicher Ansätze gehen die meisten Autoren an den zentralen und mehrdimensionalen Begriff des "Rapprochement" methodisch vergleichend heran. In mehreren Beiträgen stehen auch die Auswirkungen der "forces profondes" im Mittelpunkt, das heißt jener Kräfte, die die deutsch-französische Annäherung nicht nur beeinflussten, sondern zugleich bedingten und untermauerten.
Die erste Sektion untersucht die Verträge als Spiegelbild europäischer Wandlungsprozesse und beleuchtet die verschiedenen Faktoren des Wandels auf der politischen (Georges-Henri Soutou, Geneviève Maelstaf), diplomatischen (Ulrich Lappenküper), militärischen (Beatrice Heuser), wirtschaftlichen (Bernard Poloni) und, last but not least, europa- sowie außenpolitischen (Sylvie Guillaume, Armin Heinen und Jean-Paul Cahn) Ebene. In den verschiedenen Artikeln wird zum einen deutlich, dass die Pariser Verträge eine wesentliche Etappe auf dem Weg zur heutigen bi-lateralen Zusammenarbeit darstellen, wobei das deutsch-französische Verhältnis eine fundamentale Umwandlung durch die 1950er Jahre hindurch erfuhr. Zum anderen verdeutlichen die Autoren, dass gemeinsame Interessen die deutsch-französische Annäherung zugleich notwendig und attraktiv machten.
Der zweite Abschnitt ist der bilateralen Annäherung im multilateralen Kontext gewidmet. Aspekte der wirtschaftspolitischen Angleichung und Integration im europäischen und transatlantischen Rahmen werden von Christoph Buchheim und Andre Steiner herausgearbeitet. Hartmut Kaelble, Klaus-Jürgen Müller und Alfred Wahl untersuchen jeweils am Beispiel des Massenkonsums, militärischer Strukturen und deutsch- französischer Sportbeziehungen gesellschaftliche Entwicklungen in den beiden Ländern. Als Fazit für dieses Kapitel ist festzuhalten, dass die Konvergenz zwischen beiden Ländern auf wirtschaftspolitischer Ebene viel größer gewesen ist als im gesellschaftlichen Bereich.
Die dritte Sektion analysiert, inwiefern Prozesse des Austausches sowie der Selbst- und Fremdwahrnehmung als Annäherungsfaktor angesehen werden können. Die Autoren, die mal einen historisch-soziologischen (Stereotypische Perzeption / Hans-Jürgen Lüsebrink, Radio und Fernsehen / Andreas Ficker), mal einen kulturellen (Kulturpolitik / Corine Defrance, Netzwerke / Emmanuelle Picard, Intellektuelle / Christophe Charle), mal einen sozialen (Gewerkschaften / Sylvain Schirmann) beziehungsweise verfassungsrechtlichen (Parlamentarisches System / Thomas Raithel) Zugang haben, ziehen eine kontrastreiche Bilanz, indem sie beispielhaft Kontinuitätslinien und Brüche in den Wahrnehmungsmustern und Annäherungsformen zeigen. In mehreren Beiträgen (Defrance, Picard, Charle, Schirmann) wird auch die zentrale Rolle von Akteuren, vor allem von Netzwerkern und Mittlern, sowie Strukturen betont.
In der letzten Sektion stehen die "Wege nach Westen" im Mittelpunkt. Damit schließen sich die verschiedenen Autoren einem relativ neuen Forschungstrend an. Hier werden Prozesse der Amerikanisierung, der Westernisierung beziehungsweise Europäisierung in Deutschland und Frankreich erforscht und in einen breiteren transatlantischen Rahmen eingebettet. Die vielseitige Analyse der sozialen und gesellschaftlichen (Jugend / Jean-Sirinelli, Massenkultur / Andreas Wirsching) beziehungsweise demographischen und genderbedingten sozialen (Michel Hubert) sowie kulturellen (Film / Thomas Lindenberg, Musik / Dietmar Hüser) Aspekte dieser Prozesse zeigt eine globale und richtungsweisende Konvergenz gesellschaftlicher und sozialer Entwicklungen in beiden Ländern besonders deutlich, auch wenn bestimmte, bisweilen grundsätzliche Unterschiede weiterbestehen, die sowohl Rahmenbedingungen, Ausmaß als auch Ablauf dieser Vorgänge betreffen.
Insgesamt zieht dieser Band eine multidimensionale und differenzierte analytische Bilanz deutsch-französischen Wandels und Integration in den 1950er Jahren, wobei auch frühere und spätere Entwicklungen berücksichtigt werden. Es sollte jedoch angemerkt werden, dass der Band sich eher an Spezialisten richtet - wenn auch nicht ausschließlich an Experten der deutsch-französischen Beziehungen -, wobei der Leser manchmal von dem sicherlich unausweichlich Essayhaften der Beiträge etwas irritiert wird. Dafür erforscht dieser Sammelband sowohl traditionnelle als auch neuere Forschungswege und bietet eine beeindruckende Fülle von Erkenntnissen über politische, gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Annäherungsprozesse zwischen Frankreich und Deutschland in diesem in verschiedener Hinsicht für das deutsch-französische Verhältnis entscheidenden Jahrzehnt.
Carine Germond



