60 Jahre nach dem 8. Mai 1945
2006, Wallstein Verlag, ISBN10: 3835300490
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Rezension / Compte rendu:
Der 8. Mai in der "kollektiven Erinnerung"
"Dass der 8. Mai 1945 ein Schlüsseldatum ist - wer würde das ernsthaft bestreiten?" (S. 25). Diese hier von Edgar Wolfrum knapp formulierte Erkenntnis dürfte allgemein konsensfähig sein: Sie liegt dem von Steffen Kaudelka und Rudolf von Thadden herausgegebenen Band "Erinnerung und Geschichte. 60 Jahre nach dem 8. Mai 1945" zugrunde. Der Band ist aus einer internationalen Konferenz hervorgegangen, die anlässlich des 60. Jahrestages der Kapitulation des Dritten Reiches Ende April 2005 von der Stiftung Genshagen (Berlin-Brandenburgisches Institut für deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa) veranstaltet wurde. Die Beschäftigung mit dem Thema Kriegsende liegt bekanntlich seit mehreren Jahren im historiographischen und feuilletonistischen Trend1. Politik-, militär-, ereignis- und erinnerungsgeschichtliche Erkenntnisse werden dabei überprüft und auf den neuesten Forschungsstand gebracht, während innovative Methoden etwa aus der Alltagsgeschichte oder Kulturanthropologie unser Geschichtsbild um neue Ansätze bereichern. Das Phänomen stellt wohlgemerkt kein deutsches Unikum dar, wie ein Blick auf die französische Forschungssituation zeigt. Dass diesem Themenkomplex in Deutschland eine besondere Forschungsintensität entgegengebracht wird, ist dennoch nicht von der Hand zu weisen und ist an sich auch leicht verständlich. Wer sich also ausgesprochen in diesem erinnerungssaturierten 60. Nachkriegsjahr trotz zu erwartender Hochkonkurrenz mit einer Studie zum Jahr 1945 hervortat, riskierte sehr wohl, inmitten einer schier unüberschaubaren Publikationsflut schlicht unterzugehen.
Es gehört deshalb gleich eingangs festgehalten, dass der von Steffen Kaudelka und Rudolf von Thadden herausgegebene, bündige Band dank einer Reihe noch zu erörternder Vorzüge aus dieser Masse von Veröffentlichungen entschieden hervorsticht und den Vergleich selbst mit Publikationen einiger der wirkungsmächtigsten Zeithistoriker nicht zu scheuen braucht.
Ziel der Herausgeber ist, eine Bilanz von 60 Jahren Geschichtspolitik insbesondere in Deutsch- land, Polen und Frankreich zu ziehen, dem programmatischen regionalen Arbeitsschwerpunkt der Stiftung Genshagen.
Zu Recht - womit ein erster Vorzug des Bandes gleich genannt wäre - haben die Herausgeber angesichts der interkontinentalen Dimensionen des Weltkrieges ihr übliches geographisches Feld diesmal entschieden um weitere Horizonte und Fallbeispiele erweitert: Die sowjetisch-postsowjetische Komponente wird mit doppeltem Blick auf Russland und den speziellen Fall Kaliningrad gebührend untersucht. Auf sehr interessante Weise wird die Dimension des französischen Empire nicht wie noch allzu üblich außer Acht gelassen, so dass neben der selbstverständlichen kontinentaleuropäischen Fokussierung auch nach den Funktionen des 8. Mai in der (zumindest französischen) Entkolonisierungsgeschichte Ausschau gehalten wird. Diesen geographisch weit gespannten Bogen zu bewältigen hilft eine dezidierte Fokussierung auf das epochale Ereignis der Kapitulation und den Gedenktag, zu dem der 8. Mai 1945 in den europäischen Erinnerungsritualen längst geworden ist.
Der Band zeichnet sich dadurch aus, und das ist sein zweiter Vorzug, dass er sowohl wissenschaftlich distanzierte Beiträge zum Thema Kriegs- ende im kollektiven Gedächtnis dreier exemplarischer europäischer Länder - Deutschlands, Frankreichs und Polens - sammelt, als auch persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen das Wort gibt, sowie schließlich zwei groß angelegte Podiumsdiskussionen über den "8. Mai 1945, das Ende des Kalten Krieges und die Einigung Europas" sowie den "8. Mai 1945-1985-2005" mit Prominentesten unter den Prominenten transkribiert, die zum Teil Zeitzeugen des Kriegsendes waren und/ oder erstrangige Akteure der Geschichtspolitik nach 1945 wurden, darunter der frühere Bundesminister Egon Bahr und vor allem Altbundespräsident Richard von Weizsäcker in einem spannenden Selbstkommentar zu den Entstehungsbedingungen seiner berühmten Rede von 1985. Die mit dieser bewusst herbeigeführten Genrevielfalt notwendig verbundenen kleineren Ungehobeltheiten schaden mitnichten der Kohärenz des Gesamtprojektes. Vielmehr liegt in der polyphonen und interdisziplinären Gegenüberstellung der einzelnen Beiträge einer der Hauptreize des Bandes. Unter diesem Aspekt der Vielstimmigkeit unterscheidet sich das von Kaudelka/von Thadden herausgegebene Buch bewusst von dem seinerseits beeindruckenden und fast erfüllten Vollständigkeitsanspruch des zweibändigen Katalogs "Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen", der den Stellenwert des Jahres 1945 in der Erinnerungskultur von circa 30 europäischen Ländern dokumentiert und die gleichnamige Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin um die Jahreswende 2004-2005 begleitete.
Statt jener ambitionierten flächendeckenden Bearbeitung des Themas gelingt es dem Band von Steffen Kaudelka und Rudolf von Thadden an jene höchst aktuelle Befindlichkeit anzuknüpfen, die mit dem allmählich eintretenden Ableben der letzten Zeitzeugen verbunden ist. Unter den Gründen, warum die bereits sehr tiefgehende gegenwärtige "Geschichtsversessenheit" weiter um sich greift und sich noch ausbreitet, spielt ja zweifelsohne der biologisch bedingte Epochenwechsel und die Gefahr einer natürlich eintretenden "Geschichtsvergessenheit" eine Kernrolle, um hier den von Ute Frevert und Aleida Assmann geprägten begriffliche Gegenpol ins Spiel zu bringen: Die Reihen derer, die sich noch leibhaftig der Katastrophen und der Verbrechen erinnern können, werden Jahr für Jahr lichter, die "Ära der Zeitzeugen", wie sie von der französischen Historikerin Annette Wieviorka in ihrer ausgezeichneten Studie analysiert worden war, neigt sich, zumindest was den Zweiten Weltkrieg angeht, ihrem Ende zu. Die Überrepräsentation der Generation der 80-Jährigen in dem hier besprochenen Band (Richard von Weizsäcker ist Jahrgang 1920, Egon Bahr 1922 geboren, der ostdeutsche Historiker Fritz Klein und sein französischer Kollege Marc Ferro 1924 usw.) war deshalb bewusstes Programm und verleiht dem Band einen Wert eigener Prägung. Dagegen ist die fast komplette Außerachtlassung der Genderperspektive gerade in jener "Stunde der Frauen" des Jahres 1945 (Krockow) durchaus kritischer zu sehen. Die gelungene Altersmischung der Podiumsdiskutanten sorgte für den generationellen Dialog.
Die ersten zwei Drittel des Bandes präsentieren die Erinnerung an den 8. Mai in Deutschland und im europäischen Ausland in wissenschaftlichen Beiträgen. Positiv fällt die quantitative wie qualitative Gleichstellung zwischen bundesrepublikanischer und DDR-Geschichte sowie die eigenwillige Einbeziehung der Sicht der Immigranten auf. Während Edgar Wolfrum die politischen und gesellschaftlichen Konfliktlinien Westdeutschlands am Beispiel des historischen Gedächtnisses an den 8. Mai nachzeichnet, bettet Fritz Klein die Deutungsgeschichte des 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung" in der DDR in den deutsch-deutschen Systemkonflikt ein. Der dritte Beitrag (Mehmet Tanriverdi) stellt die Frage nach dem Sinn einer an den Erfahrungen des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges orientierten Meistererzählung und politischen Kultur für die nach Westdeutschland gekommenen Einwanderer und betont sowohl die Rolle der kollektiven Erinnerung für die Kultur der Toleranz nach 1945 als auch die Rolle der Immigranten beim Wiederaufbau Westdeutschlands.
Der folgende Block behandelt die Sicht und das Gedächtnis wichtiger Nachbarn Deutschlands. Sehr deutlich werden hier die Ungleichzeitigkeiten und Inkompatibilitäten, ja Konfliktpotenziale zwischen den verschiedenen nationalen Erinnerungen. Marc Ferro zeigt, wie die Erinnerung an die "Libération" im August 1944 die Bedeutung des 8. Mai in Frankreich lange Zeit überlagert hat. Anknüpfend an jüngste Forschungsergebnisse und allmählich aufkommende öffentliche Diskussionen in Frankreich schildert ein Beitrag des Spezialisten der französischen Kolonialgeschichte Guy Pervillé die Erinnerung an den 8. Mai 1945 in Algerien und Frankreich: gilt doch die blutige Unterdrückung des nationalen Aufstandsversuchs im algerischen Sétif just am Tag der deutschen Kapitulation als erstes symbolisches Datum der Eskalation, die zehn Jahre später zum Unabhängigkeitskrieg Algeriens führte. Robert Traba zeichnet die staatliche Lenkung des Opfergedenkens in der Volksrepublik Polen nach, während der Soziologe Alexander Sologubow die konstitutive Bedeutung des Siegesmythos für das Kaliningrader Gebiet unterstreicht.
Im letzten Drittel des Bandes finden sich vier erfahrungsgesättigte Beiträge von Zeitzeugen, die Einsicht geben in unterschiedliche existentielle Situationen und deren notwendigerweise eingeengte Wahrnehmungshorizonte: Feliks Tych als Überlebender des Warschauer Ghettos sowie drei Stimmen aus Grenzregionen, die von Souveränitätswechsel und Zwangsaussiedlungen getroffen wurden: Charles Petri als "Deutschlothringer", Michael Wieck als "doppelter" Überlebender der Königsberger Kriegs- und Nachkriegsjahre in seiner Eigenschaft als deutscher Jude und schließlich Rudolf von Thadden, der von seinem pommerschen Heimatdorf Trieglaff zwischen Eroberung und Vertreibung berichtet.
Reinhart Koselleck hat die theoretische Einführung des Bandes übernommen, die er um das Begriffspaar Geschichte und Erinnerung strukturiert, mit dem Fazit, dass die begriffliche Alternative "besiegt" oder "befreit" für den 8. Mai wenig brauchbar ist. Kosellecks Zweifel am Begriff der "kollektiven Erinnerung", sein Plädoyer zugunsten einer scharfen Differenzbestimmung zwischen Eigenerfahrungen als nicht erlern- und nicht übertragbaren Primärerinnerungen und Sekundärerinnerungen, die eine "schwächere Variante des Erinnerungsbegriffs" (S. 14) darstellen, lesen sich höchst spannend in Zeiten der Hochkonjunktur des Erinnerungsbegriffs. Auch die Nähe zur Lübbeschen Argumentation des "kommunikativen Beschweigens", wenn Koselleck schreibt, dass das Schweigen ein "angemessenere Form der Erinnerung war, als über die nicht vermittelbare Erfahrung bloß anzufangen zu reden, ohne etwas sagen zu können" (S.15), birgt durchaus Provokationspotenzial. Einen unerwarteten Wert gewinnt der Band "Erinnerung und Geschichte. 60 Jahre nach dem 8. Mai 1945" durch die Tatsache, dass diese kompakte Begriffsentfaltung und das Diskussionsangebot der letzte, in jeder Hinsicht höchst spannende Text des inzwischen verstorbenen Autors und Denkers ist.
Thomas Serrier



