2014, Rowohlt, Reinbek, ISBN10: 3498030264
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2014
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Rezension / Compte rendu:
Aufstand der Masken
Nachdem er seine Miete nicht mehr bezahlen kann und ihm auch die Arbeitslosenunterstützung verweigert wird, zieht Jean Deichel mit wenigen Habseligkeiten bestückt in ein Auto, das irgendwo in Paris an einer angeblich noch gebührenfreien Stelle geparkt steht und von dort auch nicht fortbewegt wird. Von hier aus beobachtet er nun die Welt, liest Beckett, Rousseau und Marx, es heißt, seine Untätigkeit "hatte die Form einer stillen Verweigerung angenommen". Alles sieht hier zunächst nach einer dieser sympathisch-eskapistischen Romane aus, die der konsumkritischen Verweigerungshaltung das Wort reden und dem Verzicht als solchen eine tiefere Sinnhaftigkeit verleihen. Als Deichel nun zusehen muss, wie ein Mann eines Morgens tot aus der Trommel der Müllabfuhr gezogen wird, ist sein apokalyptischer Furor erwacht. Sein zuvor eher diffuser Hass auf Staat, Polizei und die generelle Gleichgültigkeit nimmt noch weit krassere Formen an, als zwei Schwarze, die keine Aufenhaltsgenehmigung haben, von der Polizei, wie es heißt, "in die Seine getrieben" werden und dabei umkommen.
Deichel sucht ein Ventil für seine Empörung, schließt sich den "bleichen Füchsen" an, einer lockeren wie geheimnisumwitterten Organisation von Stadtrebellen, die sich mythische afrikanische Masken aufsetzen und gegen alles, was die verhasste französische Bürokratie verkörpert, auf die Straße ziehen. Wichtig ist ihnen, wohl im Sinne einer kollektiven Reinigung, ihre bürgerliche Identität zu verlieren, indem sie ihre Personalausweise zerschnipseln und verbrennen. Und damit endet der erste, der rein fiktionale Teil des Romans. Es folgt der zweite Teil, der mit dem ersten nur noch durch einen theoretischen Unter- bzw. Überbau verbunden ist: Was folgt, ist eine Art Pamphlet, eine fulminante Wutrede, in der der Leser antibourgeoise Invektiven, staatskritische, anarchische Umsturzgedanken nur so um die Ohren gehauen bekommt. Plünderung etwa gilt dem Vortragenden als "die natürliche Antwort auf den Überfluss der Waren". Immerzu wendet sich der Sprecher an ein diffuses "Ihr" oder "Ihr in Euren Häusern", also an den Normalbürger, den verhassten Spießer, der vor den wirklichen Problemen die Augen verschließt und sich vor allem Fremden verbarrikadiert. Auf der Straße hingegen, wo die Autos der Bürger angezündet werden, herrschen fortan die Masken, die am Ende, in ihrem Zug zur Place de la Concorde, ihre Ausweise verbrennen, und "durch die Flammen die Utopie einer von der Identität befreiten Welt" entstehen lassen.
So vielversprechend das Buch anfängt, so enttäuschend ist sein Fortgang. Das liegt auch an den politischen Anachronismen und wohlfeilen Schnittmustern in schwarz/weiß. Deichsel entdeckt jäh die Revolte, aber was sind seine Motive? Womöglich hilft ihm ja eine gewisse Anna, die zu den "bleichen Füchsen" gehört. Wir erleben, wie beide wodkaselig Sex haben, und das nicht irgendwo, sondern auf dem Friedhof Père-Lachaise, auf dem Grab eines Generals der Pariser Kommune ... Haenel hatte vor drei Jahren mit seinem Roman Das Schweigen des Jan Karski für Aufsehen gesorgt, in dem es um den legendären polnischen Offizier und Kurier des Widerstands gegen die Nazis, Jan Karski, ging. Sein neues Buch lässt kaum zwei Meinungen zu.
Thomas Laux
L'insurrection des masques
Le roman de Yannick Haenel, Les renards pâles, a été traduit en allemand. Ce récit est aussi un appel à la révolution culturelle de chacun, contre la mollesse de toute forme de résignation et indignation.
Réd.



