Von der Residenz zur Hauptstadt

Paris im hohen Mittelalter

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Sohn, Andreas
2012, Jan Thorbecke, Ostfildern, ISBN10: 3799507345

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2013 

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Rezension / Compte rendu:
Wie Paris wurde, was es ist
Der Weg einer Siedlung zur Weltstadt

Einzelne erhaltene Gebäude, Embleme des mittelalterlichen Paris wie Notre-Dame oder die Sainte-Chapelle, sind zu Inseln im Meer einer sich ständig wandelnden Topographie geworden und scheinen durch ihre Isolierung inmitten des "neuen" Paris nur um so mehr zu bekräftigen, wie fern und vergessen das mittelalterliche ist.

Angesichts der Wandlungen der Stadt an der Seine seit dem 19. Jahrhundert wird indes oftmals nicht nur ihre mittelalterliche Entwicklung vergessen, sondern auch die Frage, warum und wie Paris zur Hauptstadt eines Königreichs werden konnte, das über Jahrhunderte in Europa und der Welt als Maßstab für kulturelle Blüte und politische Machtentfaltung galt. Mit seinem Buch über die Entwicklung "Von der Residenz zur Hauptstadt" greift der in Paris lehrende Historiker Andreas Sohn diese Frage auf und lenkt den Blick auf die Entwicklungen während des Hochmittelalters, durch die Paris erst das werden konnte, was es heute ist – und er stellt nüchtern und quasi nebenbei einige scheinbare Selbstverständlichkeiten in Frage.
Zum Beispiel jene, dass Paris zwangsläufig die Hauptstadt des Königreiches wurde: Für den Mediävisten Robert-Henri Bautier war die Hauptstadt Paris "Quelle der politischen Macht und beispielgebend für das politische Denken des Landes", wobei er sich auf Victor Hugos Charakterisierung der Hauptstadt als "Brunnen der Zivilisation" stützen konnte – aber, so stellt Andreas Sohn fest, es hätte doch alles auch ganz anders kommen können. Zwischen Metz und Reims im Osten, Senlis und Compiègne im Norden und vor allem dem ca. 120 Kilometer südlich gelegenen Orléans war Paris zunächst nur eine unter mehreren Residenzstädten der frühmittelalterlichen Frankenkönige. Detailreich zeichnet Sohn nach, wie sich dann die Stadt an der Seine in dem sich herauskristallisierenden Machtgefüge zwischen Normannen, Kapetingern und Saliern als idealer Vorposten empfahl, um die Krondomäne gegen die Begehrlichkeiten der das spätere Heilige Römische Reich deutscher Nation formierenden Ostfranken und vor allem gegen jene der auf der britischen Insel so erfolgreichen Normannen zu schützen. Dabei war das Vexin, jener Landstrich am Unterlauf der Seine zwischen Paris und Rouen, gleichsam das Glacis der Auseinandersetzung mit den Normannenherzögen, die immer wieder versuchten, die Kapetinger zu verdrängen bzw. zu unterwerfen; dies machte die Anwesenheit der Könige an diesem Knotenpunkt des aus römischer Zeit stammenden Straßensystems um so erforderlicher und ließ die Siedlung auf der Seine-Insel zur Haupt-Residenz und schließlich zur Hauptstadt werden.
Die Entwicklung dieser Siedlung zur Hauptstadt sei "weder ‚naturgegeben‘ noch eine Laune der Geschichte", sondern die Folge machtpolitischen Kalküls, das von Heinrich I. initiiert und von Philipp II. sowie dessen Enkel Ludwig IX. (dem Heiligen) zur Perfektion geführt worden sei. Die beiden Letzteren seien Frankreichs wichtigste Herrscher und nicht der Sonnenkönig Ludwig XIV., dem so oft und gerne dieses Attribut verliehen wird: Denn prägend für die Stadtentwicklung und damit für das zukünftige Kraftzentrum des Königreichs war vor allem Philipp II., der überdies das Territorium der Krone ausdehnte, indem er den Einfluss der Engländer zurückdrängte; während seiner Regierungszeit wurden die entscheidenden Weichen durch den von ihm veranlassten Mauerring gestellt sowie durch den Bau der beiden Festungsanlagen, die diesen Ring nach Westen und nach Osten abriegelten. Seitdem sind Louvre und Bastille die Koordinaten der Stadt, innerhalb derer sich ihre Geschicke entscheiden. Philipps Enkel Ludwig IX. hat dann die religiöse Legitimation der Königsherrschaft durch den Bau der Sainte Chapelle, dieses idealtypischen Baus der französischen Gotik, zu Stein werden lassen: Letztlich ist sie ein überdimensionaler Reliquienschrein und macht die französischen Könige zu Hütern der Dornenkrone und des Kreuzes.
Wenngleich Andreas Sohns Schlussfolgerung plausibel ist, der zufolge "die Gotik als architektonische Besiegelung des Aufstiegs von Paris zur Hauptstadt Frankreichs" anzusehen ist, so ist ihm weniger leicht zu folgen bei seiner lakonischen Feststellung, die Gotik sei nicht das Resultat der scholastischen Theologie oder der von Abt Suger von Saint-Denis dargelegten Lichtsymbolik. Unterläuft ihm hier nicht ein Anachronismus, wenn er die Architektur des Hochmittelalters zwar als Bedeutungsträger interpretiert, allerdings lediglich in funktionaler (nämlicher sakralisierender) Hinsicht – woraus folgt, dass sie immer schon dem Machtkalkül untergeordnet gewesen sei? Sind Notre-Dame, die Sainte-Chapelle oder die Basilika von Saint-Denis nicht vielmehr das, was der Ethnologe Lucien Lévy-Bruhl meinte, als er von der Bannung eines Numinosen, Abwesenden, Nicht-Bewältigten in das Hier und Jetzt durch die Architektur sprach – und damit authentische Zeugnisse einer Zeit, in der die sichtbare politische Herrschaft nicht anders gedacht werden konnte als durch den legitimierenden Bezug auf eine höhere, unsichtbare bzw. nur allegorisch zu sehende Macht?

Inbegriff der Moderne

Gleichwohl ist Andreas Sohns detailreich illustrierter These zuzustimmen, dass die Ile de la Cité Weltliches und Geistliches verband (und verbindet) und darin ihre Strahlkraft auf die von den Händlern beherrschte "Ville" auf dem rechten Seineufer ebenso ausüben konnte wie auf das von den Schulen und den Intellektuellen avant la lettre beherrschte linke Ufer. Womöglich liegt in der spannungsgeladenen Dialektik von Sakralität und säkularer Herrschaft – vergleichbar derjenigen, die im Rom der Päpste herrschte, das seit der Renaissance so sehr die Stadtentwicklung von Paris beeinflussen sollte – der eigentliche Grund der Dynamik einer Stadt, die als Inbegriff der Moderne gilt. Zu zeigen, dass diese Dynamik in dem von der Moderne zu oft miss- oder gar verachtete Mittelalter entstand, ist nicht das geringste Verdienst dieser interessanten Studie über Paris im hohen Mittelalter.
Clemens Klünemann

Paris capitale
L’historien allemand Andreas Sohn, ancien directeur adjoint du Centre de Recherches sur les espaces, les sociétés et les cultures à Paris, décrit les profondes transformations de la capitale, pas celles engendrées par les gigantesques travaux du baron Haussmann au 19e siècle, mais par les développements pendant le haut-Moyen Age. Pourtant Metz et Reims à l’est, Senlis et Compiègne au nord ou encore Orléans au sud auraient pu prétendre devenir chacune capitale de la France, mais la volonté des rois de France, en particulier Saint-Louis, et l’association de l’emprise religieuse et commerciale auront fait de Paris le symbole de l’époque moderne, la vitrine de la richesse culturelle. L’intérêt de cette étude fort détaillée est de remettre en cause quelques évidences historiques, même si certaines affirmations mériteraient de faire débat.
Réd.

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Von der Residenz zur Hauptstadt