2012, Pattloch, Droemer-Kanur, München, ISBN10: 3629130097
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Rezension / Compte rendu:
Advokatorischer Humanismus
Viel hat man von Stéphane Hessel in letzter Zeit gehört, doch biographische Details blieben offen. Diese beantwortet nun eine hochkarätige Arbeit von Manfred Flügge, der die Familie Hessel seit über 30 Jahren begleitet und kennengelernt hat. Bereits von den Eltern her gesehen ist deren Geschichte ein außergewöhnliches Stück an persönlichem Eigensinn. Das trifft auch auf den Sohn Stéphane zu. Schaut man sich dessen Kindheit und Jugend, sein politisches Engagement und Berufsleben an, kann man dem Autor von "Stéphane Hessel. Ein glücklicher Rebell" nur zustimmen: "Wenn man über Stéphane Hessel schreibt, hat man leicht das Gefühl, ein Märchen zu erzählen. Sein Leben klingt wie ausgedacht, seine Persönlichkeit wirkt wie ein Wunschbild. Ein Roman, ein Drehbuch mit diesem Inhalt würde nicht überall auf Glauben stoßen." 1917 in Berlin geboren, 1924 mit Mutter und Bruder nach Paris gezogen, 1940 "Résistance", Überleben des KZ-Systems. Nach dem Zweiten Weltkrieg Mitarbeiter der UNO, dann für das französische Außenministerium weltweit unterwegs, vermittelte er in Konflikten und trat für Entkolonialisierung ein. Schließlich wurde er vor zwei Jahren, mit den schmalen, millionenfach gelesenen Streitschriften "Empört Euch" und "Engagiert Euch", zum Gewährsmann einer transnationalen Protestbewegung gegen das "Unannehmbare". In dem soeben publizierten Buch "Empörung – Meine Bilanz" vertieft Hessel die Themen dieser Streitschriften und berichtet aus reichen Erfahrungen. Der mittlerweile 94-Jährige, der in Paris lebt, ist nicht nur Politiker und Diplomat, sondern auch schöngeistiger Denker, dessen Ideen, Ideale und Kämpfe von europäischen Werten geprägt sind.
Zu Beginn dieses Jahres wurde er – für sein Lebenswerk – an der staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe mit dem Myschkin-Preis ausgezeichnet. Dieser ehrt "kulturschöpferische und ethische Leistungen", deren Urheber "sich durch vorbildhafte Beiträge zur Schaffung eines Klimas der Generosität hervorgetan haben". Bei der erstmaligen Preis-Verleihung wurde der Aspekt des "advokatorischen Humanismus" hervorgehoben, der besagt, dass sich die Geehrten als Anwälte von Zeitgenossen betätigt haben, die ihre eigenen Interessen nicht verteidigen können (z. B. Staaten- und Obdachlose). Ein Gründungsmitglied des Myschkin-Preises, Maren Sell, schreibt im Vorwort zu "Empörung – Eine Bilanz": "Stéphane Hessel schenkt uns mehr als nur ein neues Buch. Er öffnet uns die Augen, schärft unser Bewusstsein und weckt unser Gewissen."
Nicht zuletzt möchte er ermutigen, dass wir uns der Gegenwart stellen und für das eintreten, was in humaner Hinsicht notwendig erscheint.
Cornelia Frenkel-Le Chuiton



