Landauer Schriften zur Kommunikations- und Kulturwissenschaft.
2005, Knecht-Verlag, ISBN10: 393092790X
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 3/2007
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Rezension / Compte rendu:
Interregionalität – nein danke?
"Wenig Deutsch an Schulen im Elsass", so titelte die Stuttgarter Zeitung vom 24. Oktober 2006 und zitierte den Bürgermeister von Ingersheim, Gérard Cronenberger: "Die Zweisprachigkeit ist auf dem Rückzug, als wäre Deutsch immer noch die Sprache des Feindes". Auf der anderen Seite des Rheins sieht es nicht viel besser aus. "Wachsender Widerstand gegen Französisch" (Reutlinger Generalanzeiger, 17.1.2007), "Französisch? Bitte nicht!" (Süddeutsche Zeitung, 5.2.2007), das sind Schlagzeilen aus den letzten Wochen, die den erbitterten Widerstand der Eltern gegen Französisch als erste Fremdsprache an Gymnasien der Rheinschiene formulieren. Von "verordneter Freundschaft" ist die Rede, denn, nachdem seit 2003 Französisch in der Grundschule Pflicht ist, soll nun auch an Gymnasien in Klasse 5 ausschließlich Französisch gelehrt werden, und dagegen wehren sich die Eltern vehement. Schon allein diese wenigen Artikel zeigen, wie prekär die Situation in der Grenzregion immer noch ist.
In diesem Zusammenhang ist ein Buch aktuell, das sich mit grenzüberschreitender Kommunikation als Aufgabe der Schule befasst. Zentrum und Ausgangspunkt der Untersuchung von Annette Kliewer ist eine Umfrage an grenznahen Schulen in der Südpfalz und im nördlichen Elsass. Befragt wurden 158 Schüler der 10. Klasse in Deutschland und 109 Schüler der Seconde in Frankreich. Zum Vergleich wurde der Fragebogen auch 116 Erwachsenen, meist Eltern von Schülern, vorgelegt. Die Fragen bezogen sich auf die Einstellung der Jugendlichen beziehungsweise Erwachsenen zu ihrer Region, zum Nachbarn jenseits der Grenze, zu Fremdsprachenkenntnissen und zum Dialekt. Wie steht es mit der Suche nach der eigenen Identität und der Abgrenzung gegenüber dem Anderen? Hat die Öffnung der Grenzen zu einer Destabilisierung des Selbstbildes geführt, und welche Rolle spielt die europäische Einigung? Das herauszufinden war Ziel der Befragung, denn aufgrund der Ergebnisse sollte für die deutschen grenznahen Schulen ein didaktisches Konzept erstellt werden. Aus den Ergebnissen der Umfrage entwickelt die Autorin "Acht Thesen zur regionalen Identität von Jugendlichen in der Region", aus denen sie im dritten Teil des Buches acht Thesen für den Unterricht ableitet. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Ergebnisse der Befragung sind durchweg negativ, oder zumindest negativ interpretiert.
Zusammengefasst ergibt sich etwa folgendes Bild: Eine Kommunikation über die Rheingrenze hinweg ist kaum möglich, weil man die Sprache des Nachbarn gar nicht oder unzureichend beherrscht – das ist jedenfalls die Selbsteinschätzung der Befragten. Erschwerend kommt hinzu, dass auch der (germanische) Dialekt im Elsass zurückgeht. Das hat sich gegenüber der vorigen Generation deutlich verschlechtert. Auch die Kontakte zum Nachbarland, die Besuche, sind stark zurückgegangen ("eher selten" bis "selten"). Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, in Frankreich beziehungsweise in Deutschland zu leben, antwortete die überwiegende Mehrheit auf beiden Seiten mit "nein, niemals". Auch hier lagen die Werte bei den Erwachsenen etwas besser. Das ist ein erstaunliches Ergebnis, denn eine Umfrage, die die Verfasserin dieser Rezension selbst bei Deutschen und Franzosen gemacht hat (allerdings nicht im Grenzgebiet) brachte jüngst ganz andere Ergebnisse. Offenbar sind die Vorbehalte in den Grenzregionen größer als in den anderen Landesteilen. Das Wissen über die eigene Region ist gering, eine grenzüberschreitende regionale Identität existiert kaum. In der Regel fühlen sich die Jugendlichen dem Nationalen eher verpflichtet als dem Regionalen. Auf die Frage, ob sie sich eher als Bewohner der PAMINA-Region (Pfalz, Mittlerer Oberrhein, Nordelsass), als Pfälzer/Elsässer, als Deutsche/Franzosen, als Europäer oder als Weltbürger (S. 53) fühlen, antworteten die meisten, sie fühlten sich am ehesten als Franzosen, beziehungsweise Deutsche. Bei den Elsässern ist der Stolz auf die nationale Identität noch deutlicher zu spüren als bei den Pfälzern. Erstere gaben aber auch an, sich als Europäer zu fühlen, während die pfälzischen Schüler gegenüber der EU und dem Euro sehr kritisch eingestellt sind. Interessant ist die Tatsache, dass viele Befragte eine Antwort auf die Frage nach Stereotypen verweigerten. Dabei sollten sie Elsässern, Pfälzern, Franzosen und Deutschen je drei aus zehn vorgegebenen Begriffen zuordnen. Dass dieses Vorgehen problematisch ist, thematisiert die Autorin selbst. Auch hier stellt sie fest, dass bei denen, die sich doch zu einer Antwort durchgerungen hatten, in der Fremd- und Selbstbeschreibung nationale, nicht regionale Stereotypen genannt werden.
Es gibt, so lautet das Fazit Kliewers, kein grenzüberschreitendes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Zusammenarbeit beschränkt sich auf politische und wirtschaftliche Bereiche. Eine Öffnung der Grenze auf emotionaler Ebene sei, so ihre These, Aufgabe der Schulen auf beiden Seiten. Die didaktischen Konsequenzen ergeben sich fast zwangsläufig aus den aus der Umfrage gewonnenen Erkenntnissen: Förderung der Kommunikationsfähigkeit, Auseinandersetzung mit der Region in Geschichte und Gegenwart, Sensibilisierung für eine Kultur der Vielfalt, Unterstützung der Jugendlichen bei der Herausbildung ihrer regionalen und nationalen Identität, Erziehung zur Europakompetenz.
Bevor sie sich den Unterrichtsbeispielen zuwendet, widmet die Autorin ein kurzes Kapitel den möglichen Methoden. So sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, Eigenes und Fremdes stärker wahrzunehmen, "Alphabetisierung der Sinn" nennt sie das. Sie sollen produktorientiert arbeiten, verschiedene Medien und außerschulische Lernorte sollen berücksichtigt werden. Vor allem letzteres ist natürlich speziell im Fall der Rheinschiene sinnvoll, denn vom Kino bis zu Gedenkstätten sind die kulturellen Manifestationen des Nachbarn leicht erreichbar.
Bei der Umsetzung ihrer Thesen in konkrete Unterrichtsvorschläge betont Kliewer, wie wichtig es ist, zu erkennen, dass nicht nur die Fremdsprachen für die Entwicklung grenzüberschreitender Kommunikation zuständig sind. An 15 mehr oder weniger ausgearbeiteten Unterrichtsvorschlägen von verschiedenen Lehrern zeigt sie, dass sich nahezu alle Schulfächer beteiligen können. Diese Beispiele machen deutlich, dass es nicht an engagierten Lehrern und interessanten Projekten fehlt. Die Schwierigkeiten liegen also offenbar nicht am guten Willen der Schulen, sondern am Widerstand der Betroffenen. Es hat an Bemühungen diesseits und jenseits des Rheins in den letzten Jahren nicht gefehlt: Einführung der Sprache des Nachbarn in der Grundschule, bilinguale Züge und bilingualer Sach-Fachunterricht. Im Elsass gibt es im Collège das Fach "Enseignement de Culture Régionale"; da es freiwillig ist, wird es jedoch kaum gewählt. Was also tun, wenn die Schüler die Angebote nicht annehmen? Die Antwort der Autorin ist klar: "Wenn didaktische Planung allein auf der Basis des Lustprinzips beruhte, dann wäre nicht nur das Thema ‘Interregionalität’ entbehrlich. Es befände sich in guter Gesellschaft mit den Themen ‘NS-Vergangenheitsbewältigung’ oder ‘Geschlechterdifferenzierung’, die SchülerInnen und auch LehrerInnen ebenso wenig vermissen." (S. 77). Gerade die geringe Akzeptanz, so meint sie, zeige, wie notwendig das Thema ist. Ob aber eine Festschreibung im Lehrplan die richtige Lösung ist, sei dahingestellt. In der Untersuchung scheint insgesamt eine gewisse Diskrepanz zu herrschen zwischen den doch als geglückt beschriebenen Unterrichtseinheiten und den schlechten Ergebnissen der Umfrage. An den Schulen scheint es demnach nicht zu liegen. Doch es handelt sich bei der Interregionalität um ein hochpolitisches Thema, das die Bevölkerung auch außerhalb der Schulen bewegt. Hier wäre zu fragen: Wie konnte es dazu kommen, dass die Eltern, die angeben, die Sprache des Nachbarn zu beherrschen und Kontakte jenseits des Rheins zu pflegen, nun für ihre Kinder Französisch als erste Fremdsprache ablehnen, und wie kommt es, dass diese Kinder so wenig Interesse am Nachbarland zu haben scheinen? Warum hat sich die Situation so stark verändert? Aber das wäre Thema eines anderen Buches.
Renate Overbeck



