Kalahari

Ein wahrer Roman

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Harig, Ludwig
2007, Zu Klampen Verlag, ISBN10: 3446208194

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 6/2007 

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Rezension / Compte rendu:
Ludwig Harig, literarischer Botschafter

Es gab eine Zeit, da fanden Deutschlands Dichter die Helden und Stoffe für ihre Bücher in Frankreich. Friedrich Schiller setzte der "Jungfrau von Orléans" ihr klassisches Denkmal; Georg Büchner brachte "Dantons Tod" auf die Bühne. Der Pariser Exilant Heinrich Heine klärte seine deutschen Leser über "französische Zustände" auf; Heinrich Mann verarbeitete "die Jugend und Vollendung des Henri Quatre" zu einem königlichen Roman. Dem Meisterbiographen Stefan Zweig lag der "Balzac, mein zentrales Werk", wie er selbst schrieb, besonders am Herzen.
Doch diese vielfältige französische Inspiration gehört der literarischen Welt von Gestern an. Die Studienjahre, die Günter Grass in Paris verbrachte, haben keine Spuren in seinem Werk hinterlassen. Martin Walser, der nicht eben weit entfernt von Frankreich lebt, blieb stets dem Bodensee verhaftet. Selbst Peter Handke, der seit vielen Jahren bei Paris seinen Wohnsitz hat, ignoriert als Schriftsteller seine Wahlheimat. Umso lieber hebt man den Saarländer Ludwig Harig hervor, dessen Buchtitel bereits für sich und ihre französische Affinität sprechen: "Reise nach Bordeaux" (1965), "Rousseau" (1978), "Spaziergänge mit Flaubert" (1997). Zu seinem diesjährigen 80-jährigen Geburtstag am 18. Juli machte sich der Schriftsteller selbst ein Geschenk mit zwei neuen Büchern, die von seiner Vertrautheit mit Frankreich beredte Auskunft geben. "Aufs Erzählen kommt’s an", befindet Harig und beim ebenso ausgefeilten wie augenzwinkernden Fabulieren macht ihm so schnell keiner etwas vor. "Es war das Jahr 1947, der Hunger groß, nicht nur nach Brot und Kartoffeln." Da entdeckt der 20-jährige "eine Zeitschrift, die mit Titel und Titelbild so anziehend auf mich wirkte, dass ich nicht widerstehen konnte und sie mir kaufte – für eine Reichsmark fünfzig, obwohl ich jeden Pfennig dreimal umdrehen musste, bevor ich ihn aus der Hand gab. ‘Lancelot, der Bote aus Frankreich’, brachte mir Nachrichten aus einem Land, mit dem wir viele Male verfeindet und in schreckliche Kriege verwickelt waren." Der vielfach kolportierte Mythos des edlen Ritters wird zum Sendboten eines Landes, das der angehende Lehrer selbst erkunden will. Später wird Harig "die ganze Bretagne auf den Kopf stellen", um Lancelot und den Rittern der Tafelrunde auf die Spur zu kommen. Von dieser Suche erzählt er umso anregender, als die alte Sage mit aktuellen Impressionen aus dem Land der Dolmen und Menhire kombiniert wird. Am Ende wird der Bretagne- Reisende in einem Golfhotel namens "Roi Arthur" fündig, wo "sich die spirituelle Heilkraft des Grals für Auserwählte in ein wundersames Wellness-Programm für alle verwandelt."
Seine ersten Erfahrungen mit Frankreich machte Ludwig Harig freilich nicht im äußersten Westen des Landes, sondern in Lyon, wo er 1949 eine Assistentenstelle als Deutschlehrer antrat. Dort lernt er den aus dem Burgund stammenden Kollegen Roland Cazet kennen, mit dem er sich umgehend anfreundet. In "Kalahari" erzählt Harig von dieser lebenslangen Freundschaft. So wie er selbst darauf brannte, in die Bretagne zu kommen, zog es seinen Freund von jeher in die titelgebende Wüste. Zwar kommt Cazet nie dorthin, aber indem er seinen Beruf als Lehrer in Frankfurt, Alexandria, Addis Abeba, Dschibuti, Damaskus, auf Tahiti und in Singapur ausübt, erweist er sich als kosmopolitischer Lebenskünstler. Von seinen Reisen zu erzählen, findet Cazet ausgiebig Gelegenheit im Hause Harig im saarländischen Sulzbach, das er regelmäßig besucht. Der weltläufige Franzose und der bodenständige Deutsche kommen immer wieder zusammen. Zum 40. Jahrestag ihrer ersten Begegnung unternehmen sie eine gemeinsame Erinnerungstour nach Lyon.
Einen "wahren Roman" nennt Ludwig Harig sein Buch, und dieser Untertitel umreißt die altersweise Mischung aus Fakten und Fiktion. An der Freundschaft zwischen dem Schriftsteller und dem Globetrotter besteht kein Zweifel. Allerdings stilisiert Harig seinen Freund zum ebenso exemplarischen wie außergewöhnlichen Franzosen. Dabei lässt der zivilisationsmüde Dichter Rimbaud ebenso grüßen wie der die letzten Paradiese suchende Maler Gauguin. Darüber hinaus legt Harig ein historisches Geflecht deutsch-französischer Beziehungen frei, wie es beispiel- und lehrhafter kaum sein könnte. Indem er sich in die Familienchronik seines Freundes einliest, stößt er auf dessen Großvater Isidore. Dieser betrieb Grabungen in jenem Alesia, wo Cäsar mit Hilfe der Germanen die Gallier besiegte. Um genaue Auskunft über einen Stein zu bekommen, wandte sich der französische Archäologe an einen deutschen Edelsteinschleifer in Idar-Oberstein, von dem er als Geschenk einen "kalaharigelben Achat" erhielt. Die Väter von Roland Cazet und Ludwig Harig hätten sich schon in Verdun begegnen können, wo beide in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges lagen. Als die befreundeten Söhne sie in den 1950er Jahren tatsächlich zusammenbringen, bleibt das Treffen freundlich reserviert. Auf die wiederholte Bitte des Franzosen, ihm doch "die deutsche Gemütlichkeit" zu erklären, bleibt Vater Harig die Antwort schuldig.
Die romanesken Passagen des Buches, bei denen Alain-Fourniers "Le grand Meaulnes", der Siegfried-Zyklus von Giraudoux oder auch Vercors’ "Le silence de la mer" motivisch aufblitzen, kontrastieren mit extrem realistischen Beschreibungen wie etwa der ausladenden Gastmähler im Hause Harig oder auch der tödlichen Alterskrankheit des Freundes. Nicht nur mit der anregenden Spannung von Fernweh und Heimatverbundenheit, sondern auch mit seinem Changieren zwischen gewitzter Einfallsgabe und konkreter Beobachtung lotet Ludwig Harig literarisch eine Freundschaft aus, die bei aller Ambivalenz auf soliden Füßen steht. Unter der Hand pointiert er damit die deutsch-französische Befindlichkeit.
Medard Ritzenhofen

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