L’esprit de la ville dans tous ses quartiers
2006, Parigramme, ISBN10: 2840964007
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Rezension / Compte rendu:
Ein eigenwilliger Blick auf Pariser Sehenswürdigkeiten
Historische Schilderungen Pariser Sehenswürdigkeiten für den eiligen Reisenden und thematische Spaziergänge links und rechts der Seine für Besucher, die sich Zeit nehmen für das kulturelle Zentrum Frankreichs, das nicht von ungefähr auch als Hauptstadt der Künste, der Diplomatie oder der Literatur apostrophiert wird, – solche Bücher gibt es inzwischen zuhauf und in unterschiedlicher Qualität innerhalb der fast unüberschaubaren Paris- Literatur. Ähnliches gilt für soziologische Betrachtungen dieser Weltstadt, die einst als das Modell gelingender Integration galt. Um so interessanter, wenn sich der Autor eines Paris-Buches den Sehenswürdigkeiten dieser Stadt mit ganz anderen Fragen nähert: Was ist der "esprit de Paris", und wo weht dieser Geist? Wie definiert sich ein Pariser "quartier", diese Einheit, die man allenfalls erspüren kann und die sich der klaren Abgrenzung der 20 Arrondissements entzieht? Und schließlich: Wie wird aus dem Besuch der Stadt eine Begegnung mit ihr, die dann nicht mehr als ein anonymes Museum betrachtet, sondern als Personifizierung nicht nur ihrer, sondern der Geschichte überhaupt wahrgenommen wird?
Nichts Geringeres, als auf diese Fragen zu antworten, hat sich Alain Rustenholz mit seinem – das sei gleich gesagt – wunderbaren Paris-Buch vorgenommen. Und noch mehr: Den Mauern der Gassen im Quartier Latin will er die Worte entlocken, die seit Generationen von ihnen widerhallen, und den stolzen Fassaden der Boulevards die Protestgesänge der Massen. Dabei geht es Rustenholz, einem Reisejournalisten, der dem deutschen Publikum als Mitautor des Buches "Legendäre Reisen in Frankreich" (und eines ähnlichen Bandes über Deutschland) bekannt ist, keinesfalls um eine Sozialgeschichte der französischen Hauptstadt oder darum, das Stimmengewirr zwischen "Paris rouge" und den "Versaillais" zu versöhnen. Vielmehr leuchtet er die verborgenen, weniger bekannten Winkel dieser Welt links und rechts der Seine mit einem warmen Licht aus, das sich wohltuend unterscheidet von dem der Scheinwerfer auf die so genannten Attraktionen, die beim erstmaligen Paris-Besuch vielen ein Muß sind. Für den, der sich zum ersten Mal der Stadt nähert, bleiben Rustenholz’ "Traversées de Paris" indes ein Buch mit sieben Siegeln: Zwar reich bebildert, sowohl mit zeitgenössischen Fotos als auch mit historischen Aufnahmen und Abbildern historischer Gemälde, ist dieses Werk jedoch so übervoll von Erzählungen und Geschichte(n), von Anekdoten und Anspielungen auf Tragisches, Bizarres und Komisches, dass dem erstmaligen Besucher schwindelig werden muss bei diesem Blick auf das Panorama einer Welt, die Paris heißt und in der selbst das Neue immer schon die Patina des Historischen hat: In Paris gebe es "rien de neuf, pas même la statue posée d’hier sur laquelle un gamin a déjà mis son nom" heißt es in Balzacs "Ferragus", und Balzac ist nur einer der vielen "personnages parisiens", die Rustenholz’ "flâneries" so anschaulich machen – neben Benjamin und Racine, Corneille und Breton, Cézanne und natürlich Hugo, aber auch de Gaulle und Colbert, Louis XIV. und Michelet, Desnos, der erste sowie der dritte Napoleon, Sand, Musset und so fort.
Wer sich indes in dieses Labyrinth der Epochen und Personen, der Namen und Ereignisse begeben hat, dem werden Rustenholz’ Geschichten und Erzählungen mehr sein als nur ein Ariadne-Faden: Mit neuem Genuss wird er sich auf weitere Spaziergänge an der Seine einlassen. Wie der im Uhrzeigersinn kreisende Lichtkegel eines irgendwo zwischen Île de la Cité und Tuilerien stehenden Leuchtturms richtet Rustenholz seinen Blick in 15 verschiedene Richtungen vom Zentrum zur Peripherie und schildert dabei in ebenso vielen Varianten die Entwicklung vom keltischen Dorf am Ufer der überbordenden Seine bis zur stolzen Weltstadt, die inzwischen ihrerseits längst den letzten, inzwischen zum sechsspurigen "boulevard périphérique" verkommenen Stadtmauerring überspült hat. Die Sprache dieser Schilderungen ist in Tempo und Diktion die des Flaneurs und begnadeten Erzählers, dem es bei aller Liebe zum Detail immer ums Ganze geht. Dies zeigen nicht zuletzt die Überschriften einzelner Kapitel ("La Seine, des harengères au patrimoine de l’humanité", "La Sorbonne, sous le latin, la plage" oder "Bastille, de la prise aux reprises"), welche die klassische Dreiteilung in Cité, Ville und Université selbstverständlich respektieren.
Liebe zum Detail heißt hier allerdings nicht die Ablenkung durch verspielte Arabesken, die durchaus als solche wahrgenommen werden (so, wenn Rustenholz die zeitgenössischen Idealisierungen des Parc des Buttes-Chaumont, die in dem Satz "sa beauté est celle de la fille chérie du prophète" gipfelten, mit der heutigen Wirklichkeit vergleicht, S. 366); und diese Liebe bedeutet auch nicht Blindheit für das Widerständige (die Zentralachse der künftigen Champs-Elysées, deren Ursprung im Jardin des Tuileries liegt, war eine "invention toute virtuelle [...]: en réalité, son allée était prise entre le palais et un égout où elle finissait en un cul-de-sac qui ne serait enjambé qu’une quarantaine d’années plus tard.", S. 93). Der Autor verlangt seinem Leser vielmehr einiges ab, nämlich Leidenschaft für den Facettenreichtum dieser Stadt und nicht zuletzt die Bekanntschaft mit ihren mehr oder weniger illustren Bewohnern: "Que m’importe qu’ ‘Untel habita ici’ si Untel m’est inconnu et si je ne sais pas ce qu’ici il vécut" warnt Rustenholz in seinen "Avant-traversées" zu Beginn seines Buches, dessen Leitmotiv in der Tat die zwei Seiten der Liebe zu dieser Stadt sind: nämlich Leidenschaft und Nostalgie, ja Melancholie. Allgegenwärtige Referenzen der Entwicklung von Paris sind nämlich der "plan Turgot" von 1739 und der "plan Maire" von 1808, aus deren Perspektive die Haussmann’schen Boulevards als – im wahrsten Sinn des Wortes – tiefe Einschnitte erscheinen, ja als schlecht verheilte Narben im Gesicht der Stadt. Aber, so möchte man den Autor fragen, haben denn nicht die Baumaßnahmen des 19. Jahrhunderts, die mit dem Lineal gezogenen Straßen gerade die "clarté" und den "esprit géométrique" vergangener französischer Jahrhunderte konsequent auf die Stadtplanung übertragen? Nein, wird uns wohl der Flaneur Rustenholz antworten, der "esprit de Paris" zeigt sich im Punkt und nicht in der Linie, und statt im ewigen Gesetz der Symmetrie oder administrativer Ein- und Aufteilungen in verschiedene Arrondissements scheint der Geist von Paris im vertrauten Rahmen des quartier auf, der so flüchtig ist wie die Zeit: "Il est rare qu’un quartier dure plus que ses habitants" zitiert Rustenholz den Historiker und Essayisten Daniel Halévy und macht aus seinen "Traversées de Paris" eine Suche nach den Spuren einer Stadt, wie sie in den Köpfen früherer Generationen existiert haben mag.
Eines merkt der Leser erst nach der Lektüre dieser zahllosen Geschichten aus den verschiedenen Vierteln und Epochen der Stadt, nach dem Betrachten der vielen Gemälde und Aufnahmen und nach dem Vergleich all dieser Erzählungen und Schilderungen von Bistros, Restaurants und ihrer illustren Besucher sowie der Blicke auf historische Gebäude, in verwunschene Gärten, hinter prächtige Fassaden und auf noch so viele andere Details mit den eigenen Erinnerungen – jetzt nämlich merkt er, dass er langsam von demselben Phänomen angesteckt wird, unter dem der Autor offenkundig leidet und das Paul Valéry einmal so beschrieben hat: "Penser PARIS? Plus on y songe, plus se sent-on, tout au contraire, pensé par Paris." In seinem Paris-Buch definiert Alain Rustenholz schließlich den Begriff der Sehenswürdigkeit neu: Nicht das einzelne Objekt, das flüchtig betrachtet und noch flüchtiger fotografiert wird, ist eine Sehenswürdigkeit, sondern die Haltung des Betrachters, dessen Blick der Würde des Betrachteten entspricht: "Il y a la visite que l’on fait – circulez, y a tant a voir! –, c’est le tourisme des choses, qui s’en tient à la surface des pierres, et la visite que l’on rend – et qui vous le rend bien –, l’écoute, la rencontre."
Clemens Klünemann



