Manchmal sind es nur Bilder

Ein Pariser Leben

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Henry, Ruth
2010, Aisthesis, Bielefeld 2010, ISBN10: 389528801

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2011 

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Rezension / Compte rendu:
Ein anderer Kontinent

Un portrait superbement illustré de la traductrice et journaliste allemande Ruth Henry qui a vécu à Paris du début des années 50 jusqu'à sa mort en 2007.

Über das facettenreiche Leben und Schaffen der Publizistin und Übersetzerin Ruth Henry zu schreiben, bedeutet eine kleine Kulturgeschichte der Pariser Nachkriegszeit und zugleich einen bemerkenswerten Beitrag deutsch-französischer Beziehungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzublättern. Allein die Liste der Namen von Personen, mit denen die Anfang der 1950er-Jahre in Paris ankommende Deutsche zusammentraf oder arbeitete, spiegelt eine künstlerische Moderne, wie sie in dieser Zeit und in dieser Dichte in kaum einer anderen Stadt zu vermerken ist. Der im Aisthesis Verlag erschienene sorgfältig und mit ausgefallenen schwarz-weiß Fotografien besonders schön gestaltete Band "Manchmal sind es nur Bilder". Ein Pariser Leben versammelt Rückblicke, Impressionen und Essays der 2007 verstorbenen Ruth Henry, die in ihren letzten Lebensjahren entstanden sind, die sie aber, so die Herausgeberin Stefanie Baumann, seit langer Zeit begleitet haben. Unter den Texten, die in ihrer Abfolge nicht eine "chronologisch geordnete, homogene, nahtlose Geschichte" erzählen, befinden sich auch leicht geänderte oder ergänzte Beiträge, die sie im Laufe der Jahrzehnte für Zeitschriften, Bücher oder den Rundfunk verfasste. So entsteht ein schillerndes "Erinnerungsmosaik", das zwischen leicht hingeworfener Momentaufnahme des Großstadtlebens sowie sinnlich-behutsamer Portraitierung befreundeter Künstler oszilliert und in seiner Fragmentierung ganz den in Paris entworfenen Formen der Moderne entspricht. Geboren 1925 in der Pfalz, deren französischer Einfluss sich u. a. noch in der Sprache der Großmutter äußerte, die von "Pensées" sprach, wenn sie Stiefmütterchen meinte und sagte "Kind es regnet, nimm de Parapluie", verbringt sie Kindheit und Jugend in Mannheim. Während ihres Studiums in Heidelberg wechselt sie von der Literaturwissenschaft, wo ihre Referate als zu literarisch eingestuft werden, zur Philosophie. Der unzufriedenen Doktorandin, die mit der Wissenschaft hadert, vermittelt der Autor und Freund Erwin Wickert eine Tätigkeit beim Rundfunk. Das "Poetische als Lebens- und Denkform", ein Gestus, den damals vor allem der Surrealismus propagierte, und den Ruth Henry noch in seinen Ausläufern persönlich erfuhr, beschreibt sie eindrücklich in einem in der dritten Person verfassten Beitrag. "Für die aus der Nachkriegszeit kommende Deutsche war Paris wie ein anderer Kontinent. Für die junge Frau von damals galt es, neue Ufer zu entdecken, zumal sie privilegiert war. Durch die Heirat mit einem französischen Künstler gelangte sie sogleich in die poetische Mitte der Hauptstadt, die Freunde der ersten Wochen hießen Jacques Prévert, Pablo Picasso, Man Ray. Die alte Gruppe der Surrealisten leuchtet noch im Abendrot ihrer Berühmtheit, während – wie Maurice Blanchot es so richtig schreibt – 'ihr Geist längst im Alltag allgegenwärtig geworden ist'." Mit ihrem Ehemann Maurice Henry bezieht sie ein Zimmer im legendären Pariser Hotel Istria am Montparnasse. Sich anfangs nur schwer gewöhnend an die künstlerische Radikalität ihres Mannes, ist es doch er, der sie in die Welt des Surrealismus einführt, was sie später dazu bewegt, nichts Geringeres als '"Les manifestes du surréalisme" zu übersetzen. 1955 zieht das Paar nach Saint-Germain-en-Laye, wo sie Beiträge über Duchamps, Breton u. a. für das deutsche Radio verfasst. Vier Jahre später beziehen sie eine Atelierwohnung am Boulevard Edgar Quinet, in der sie, auch nach der späteren Trennung, Zeit ihres Lebens wohnt und die zum Salon einer ein- und ausgehenden Künstlerszene wird. Nur einige besonders wichtige Begegnungen können hier erwähnt werden: Bei den berüchtigten Zusammenkünften von Charles und Marie-Laure de Noailles an der Place des Etats-Unis, die als die Avantgardisten unter den Pariser Mäzenen galten – sie finanzierten u. a. den Film "L’âge d’or"–, versammeln sich beinahe täglich Künstler, Fürsten, Stierzüchter und anderes illustres Personal. Hier erlebt Ruth Henry noch die mittlerweile fast verlorengegangene "Gabe zum Fest". In Picassos Häusern schildert sie eine der zahlreichen Begegnungen mit dem Jahrhundertkünstler. Der Achtzigjährige empfängt sie und ihren Mann in Mougins in Badehose und einem um die Hüften geschlungenen Handtuch. Zum ersten Mal hatte sie ihn 1952 in Vallauris besucht. Auch sie kann sich seiner besonderen Anziehungskraft kaum entziehen: "Es schwebt alles an ihm zwischen Lächeln und Wissen, zwischen Zärtlichkeit und Gewalt." Bei seiner damaligen Gefährtin Françoise, selbst Malerin, meint die Besucherin einen "unfrohen Zug um die Augen" wahrnehmen zu können. Bei der Eröffnung der "Exposition surréaliste internationale" (1959) in der Galerie Cordier fallen ihr die besonderen Gesichtszüge einer Frau auf; es ist Unica Zürn, die bereits Anagramme und Zeichnungen veröffentlicht hatte. Einige Jahre später trifft sie die fragile Künstlerin wieder, die ihr Strahlen im Laufe mehrerer Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken verloren hatte. Jedoch betont Ruth Henry, wie sehr diese Dichterin "das Zerstörerische, die Krankheit, durch die Bewältigung der selbst gestellten Aufgabe in ein Positives, in ein Werk umgesetzt" hat. Kaum jemand hat so behutsam und treffend über die Dichtung und Krankheit der Unica Zürn geschrieben wie sie, so etwa im Nachwort zu "Der Mann im Jasmin" und in zahlreichen anderen Beiträgen. Eine über 26-jährige Freundschaft verband sie zudem mit Meret Oppenheimer. An ihr bewundert sie die Entscheidung zur Einsamkeit und deren Arbeiten, die vom Traum geleitet werden, vom plötzlichen Fund, der Trouvaille, und entsprechend rätselhafte beunruhigende Objekte und Gemälde hervorbrachten. Sie übernimmt Regieassistenzen bei Jean-Louis Barrault und Jorge Lavelli, arbeitet zusammen mit Claude Régy. Daneben entstehen Theaterkritiken für die Frankfurter Rundschau. Mit dem langjährigen Freund Jacques Prévert führt sie zu seinem 70. Geburtstag ein Interview, das im Januar 1970 in der deutschen Wochenzeitschrift Publik erscheint, lobt dessen "instinktive Redekunst, dem Sprachgenie des Volkes verwandt" und nennt ihn einen "poetischen Realisten, kein friedlich-genügsamer, sondern ein zärtlich-aggressiver". Sie schreibt ein Feature über Philippe Soupault für das deutsche Radio. Und ein weiteres entsteht als fiktiver Dialog mit Simone de Beauvoir und deren Werk "Das Alter", das sie zusammen mit Anjuta Aigner-Dünnwald übersetzt hat. Der Text beschäftigt sie später nochmals, als sie ihr eigenes Altern reflektiert und sich über das von Beauvoir postulierte unumgängliche Unglück des Alterns ärgert. Eine ihrer letzten Notizen dazu lautet: "Für Frauen gibt es das Rollenfach der "Komischen Alten". Eine Rolle, die gestattet, der Welt eine Nase zu drehen, und die auf die Umwelt provozierend, nicht bloß lächerlich wirken kann. Bewusst geübte Komik im Alter scheint einen harten Kern von Humor vorauszusetzen, aber wenn es gelingt, dann ist das eine große, wohltuende Kraft." Emphatisch, heiter, zärtlich erweist sich der Blick sowie die Tonlage dieser außergewöhnlichen Frau bis zum Schluss und lässt uns sehnsuchtsvoll auf diese einzigartige Ära des Pariser Künstlerlebens zurückschauen.
Marion Gees

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