Heinrich Mann et la France

Une biographie intellectuelle

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Simonin, Chantal
2005, Presses Universitaires du Sepentrion, ISBN10: 2859399011

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 3/2007 

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Rezension / Compte rendu:
Frankreich-Diskurse bei Heinrich und Klaus Mann

Die Auseinandersetzung mit Frankreich nimmt im Leben und Werk von Heinrich Mann (1871– 1950), seinem Bruder Thomas Mann (1875– 1955) und dessen – wie ihr Vater und ihr Onkel ebenfalls schriftstellerisch und publizistisch tätigen – Söhnen Klaus Mann (1906–1949) und Golo Mann (1909–1994) breiten Raum ein. Insbesondere für Heinrich und für Klaus Mann sind ihre lebenslangen Diskurse mit Frankreich von großer Bedeutung für ihre Biographien und ihre Schriften.
Als "biographie intellectuelle" bezeichnet die französische Germanistin Chantal Simonin ihre Untersuchung über "Heinrich Mann et la France", die erste umfangreichere monographische französischsprachige Studie zu diesem Thema, das vor allem deutsche Germanisten und Heinrich-Mann-Forscher schon mehrmals ausführlich behandelt haben. Im Zentrum dieser älteren Studien standen entweder die vielfältigen persönlichen Beziehungen Heinrich Manns zu französischen Autoren (zum Beispiel sein umfangreicher Briefwechsel mit dem französischen Germanisten Felix Bertaux), seine Exiljahre in Frankreich, seine zahlreichen Essays zur französischen Literatur, seine "Henri IV."-Romane oder ganz allgemein sein Frankreichbild. Simonin, die an der Universität Lille Germanistik doziert, hat sich bereits durch mehrere einschlägige Publikationen als Heinrich-Mann-Spezialistin ausgewiesen, im Jahr 2002 gab sie unter dem Titel "L’écrivain dans son temps. Essais sur la littérature française (1780–1930)" eine französische Übersetzung von Essays Heinrich Manns zur französischen Literatur heraus. In ihrer erstmals auch Heinrich Manns persönliche Bibliothek französischer Autoren und Bücher zu französischen Themen mit einbeziehenden Untersuchung beschäftigt sich Chantal Simonin nun aus mehreren Blickwinkeln mit seinem Frankreich-Diskurs. Sie weist zum einen in positivistischer Manier durch einschlägige Lektüren und durch persönliche Kontakte bedingte Einflüsse französischer Autoren auf Heinrich Manns intellektuelle Entwicklung und auf sein publizistisches und schriftstellerisches Schaffen nach. Zum anderen widmet sie sich ausführlich mehreren Fällen, die ihr für seinen produktiven, das heißt in Veröffentlichungen Ausdruck findenden Frankreich-Diskurs paradigmatisch scheinen. So zum Beispiel Manns großer Zola-Essay von 1915, der den Anlass für das Zerwürfnis zwischen ihm und seinem Bruder Thomas bildete. Thomas Mann beschimpfte seinen Bruder Heinrich, der sich nicht nur in seinem Zola-Essay für die Ideale der Aufklärung, der französischen Revolution und ein gleichermaßen von Rationalität und Humanität bestimmtes Verhältnis zwischen den vermeintlichen "Erbfeinden" Deutschland und Frankreich aussprach, in seinen deutschnationalen "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918) und mehreren anderen Texten verächtlich als Beispiel eines "Zivilisationsliteraten", der die "deutsche Kultur" verrate. Das nicht zuletzt den unterschiedlichen Frankreichbildern geschuldete Zerwürfnis zwischen den Brüdern wurde erst gekittet, als Thomas Mann sich nach einem Umdenkprozess ostentativ zur Weimarer Republik bekannte und sich seinem mit der SPD und der KPD liebäugelnden Bruder politisch annäherte.
Weitere Bezugspunkte Heinrich Manns zu Frankreich, die Chantal Simonin in ihrer leider nicht sehr sorgfältig lektorierten Studie, in deren Literaturverzeichnis es von Tippfehlern nur so wimmelt, untersucht, sind unter anderem die Einflüsse Paul Bourgets und Jules Michelets auf den frühen Heinrich Mann, die Dreyfus-Affäre und die im französischen Exil geschriebenen beiden Romane über den von ihm als Verkörperung der Ideale von Toleranz und Humanität portraitierten französischen König Henri IV. Eine gelungene Überblicksdarstellung ist die "Chronologie" am Ende des Buches, in der Simonin die Biographie Heinrich Manns unter besonderer Berücksichtigung seines Frankreich-Diskurses zusammenfasst. Zeit seines Lebens im Schatten seines berühmten Onkels und seines noch berühmteren Vaters stand Klaus Mann, Thomas Manns ältester Sohn, der sich 1949 im Alter von gerade 42 Jahren im südfranzösischen Cannes das Leben nahm und dort auch seine letzte Ruhestätte fand. Klaus Mann, so bemerkte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einmal treffend, war ein "dreifach Geschlagener": er war homosexuell, er war drogensüchtig, und er war der Sohn Thomas Manns. Nach dem Selbstmord schrieb sein Vater in einem Nachruf: "Wie viele Raschheiten und Leichtigkeiten seinem Werk abträglich sein mögen, ich glaube ernstlich, dass er zu den Begabtesten seiner Generation gehörte, vielleicht der Allerbegabteste war." Diesem Urteil schließt sich allmählich auch die Literaturwissenschaft an, die sich erst Jahrzehnte nach seinem Tod ernsthaft für das trotz seines kurzen Lebens sehr umfangreiche Werk des zunächst in deutscher und nach seiner Einbürgerung in die USA in englisch-amerikanischer Sprache schreibenden Kosmopoliten zu interessieren begann. Besondere Meriten erwarb sich hierbei der amerikanische Germanist Fredric Kroll, der 1976 den ersten Band einer von ihm herausgegebenen und maßgeblich mitverfassten "Klaus-Mann-Schriftenreihe" vorlegte, deren sechster und letzter Band erst im letzten Jahr erschien und minutiös Klaus Manns Leben während der Jahre 1934 bis 1937 nachzeichnet. Jene Jahre also, als der engagierte Antifaschist und Exilant unter anderem die Romane "Symphonie Pathetique" und "Mephisto" schrieb und 1935 in Paris Schriftsteller aus aller Welt zu einem Kongress versammelte, um mit ihnen angesichts der Bedrohung durch den europäischen Faschismus und vor allem den deutschen Nationalsozialismus über Möglichkeiten zur "Verteidigung der Kultur" zu diskutieren. Aus seiner Liebe zu Frankreich hat Klaus Mann nie einen Hehl gemacht. Mit der Kultur, Literatur und Sprache von Deutschlands großem Nachbarn im Westen und mit den Franzosen selbst verband Klaus Mann ein lebenslanges, sehr enges Verhältnis. Viele französische Landschaften und Orte, insbesondere die Metropole Paris waren Klaus Mann aus eigener Erfahrung von vielen Reisen her bekannt. Mit der französischen Sprache und mit der französischen Kultur und Literatur seiner Zeit war er bestens vertraut, zu vielen französischen Autoren hatte er engen persönlichen Kontakt und pflegte Freundschaften mit ihnen: Insbesondere zu Jean Cocteau, dessen Roman "Les Enfants terribles" er 1930 unter dem Titel "Geschwister" dramatisierte, oder zu René Crevel und vor allem André Gide, den Klaus Mann zutiefst bewunderte und verehrte und über den er 1943 im amerikanischen Exil das Buch "André Gide and the Crisis of Modern Thought" schrieb.
Klaus Mann veröffentlichte außerdem unzählige Zeitungsartikel und Essays zu französischen Themen. Und auch in seinen vielfach autobiographisch gefärbten Romanen, Erzählungen und Dramen sowie erst recht in seinen autobiographischen Schriften sind Erfahrungen mit Frankreich beziehungsweise mit Franzosen oft entweder direkt greifbar oder spielen zumindest als Subtext eine Rolle, wie der junge Germanist Veit Johannes Schmidinger jetzt in gleich zwei Büchern schlüssig nachweist. 2005 legte der 1972 geborene Schmidinger unter dem Titel "Klaus Mann und Frankreich. Eine Untersuchung dieser Beziehung" beim Tectum Verlag die Buchfassung seiner an der Universität München eingereichten Dissertation vor. Im Herbst 2006 veröffentlichte er beim auf homosexuelle Literatur spezialisierten Männerschwarm Verlag mit dem umfangreichen Essay "Wo freilich ich ganz daheim sein werde …". Klaus Mann und Frankreich eine populärwissenschaftliche, vor allem auf einen ausführlichen Anmerkungsapparat verzichtende Bearbeitung seiner Dissertation. Das Thema "Klaus Mann und Frankreich" dürfte mit Schmidingers auch bislang unveröffentlichte Archiv-Materialien berücksichtigenden beiden Büchern erschöpfend behandelt sein. Zumal der Autor, der seine Untersuchungen ausdrücklich auch als Beitrag zur homosexuellen Literatur- und Kulturwissenschaft verstanden wissen will, nicht nur Klaus Manns Frankreich-Diskurs unter die Lupe nimmt, sondern sich auch mit der Rezeption des Autors in Frankreich beschäftigt.
Es wäre sicher eine lohnenswerte Aufgabe für die Germanistik, die Zeitgeschichtsforschung und die deutsch-französische Komparatistik, die Frankreich-Diskurse von Heinrich, Thomas, Klaus und Golo Mann einmal ausführlich miteinander zu vergleichen. Einzelstudien zum Verhältnis von Thomas, Heinrich und Klaus Mann zu Frankreich, zu ihrem Frankreichbild und zu ihrer Rezeption in Frankreich liegen bereits vor, für Golo Mann und seine historischen, publizistischen und autobiographischen Schriften mit Frankreichbezug stehen solche Untersuchungen noch aus. Signalwirkung für weitere Forschungen könnten die vorgestellten Neuerscheinungen und ein längst überfälliges wissenschaftliches Kolloquium über "Die Familie Mann und Frankreich" haben. Interessierte Teilnehmer und Beiträger für ein solches Kolloquium gäbe es gewiss zu Genüge.
Horst Schmidt

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