Aus dem Französischen von Elisabeth Edl
2015, Hanser, München, ISBN10: 3446249087
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2015
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 4/2015
Rezension / Compte rendu:
Außergewöhnliche Geschichten
Französische Bücher in deutscher Übersetzung
Patrick Modiano betreibt ebenfalls Vergangenheitsforschung, aber in Form eines Romans.
Enquêtes et souvenirs
Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier – tel est le titre quelque peu impressionniste du dernier livre de Patrick Modiano, paru en 2014 chez Gallimard. Ce roman relate l’histoire d’un écrivain qui a perdu son carnet d’adresse. En le récupérant, il réalise une véritable enquête mémorielle et identitaire. Peu à peu, les souvenirs reviennent. Modiano, Prix Nobel de Littérature 2014, plonge le narrateur de son récit dans les incertitudes – comme dans un roman policier, sans pour autant dévoiler le mystère – ni décevoir ses lecteurs.
Réd.
Bittersüße Amnesie
Patrick Modiano, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2014 und gerade 70 Jahre alt geworden, mäandert erneut auf den Fährten der (eigenen) Vergangenheit, es ist sein bevorzugtes Terrain. Böse Zungen behaupten, Modiano schreibe immer wieder dasselbe Buch, aber das ist Unfug. Modiano spielt gern mit Zeitebenen und verschiebt Chronologien, verrätselt das Gefüge des Verstehens und Wissens und zwingt auf diese Weise den Leser zu einer genaueren Lektüre. So ist es auch diesmal kein rein nostalgisches Unterfangen, das er bzw. seine Hauptfigur da betreibt, sondern eine Vergangenheitserforschung auf der Basis von Indizien, Ungeklärtheiten, seltsamen oder auffallenden Verhaltensweisen. Unübersehbar sind freilich die Falltüren, die sich der detektivischen Gedächtnisarbeit immer wieder in den Weg stellen.
Ein Anrufer, ein gewisser Gilles Ottolini, meldet sich im Büro von Jean Daragane; er habe sein Adressbüchlein gefunden und wolle einen Treffpunkt vereinbaren, um es ihm auszuhändigen. Daragane ist verunsichert, die Stimme am anderen Ende der Leitung erscheint ihm bedrohlich. Sogleich fällt auf, in welchem Maße Daragane ein Solitär ist und in einer durch und durch analogen Welt lebt, die Moderne in all ihren Erscheinungen nervt ihn, er versucht deshalb, möglichst wenige Kontakte zu haben. Doch seine Neugierde ist jäh geweckt und so kommt es anderntags zu einem Treffen. Es folgt das, was als fester Bestandteil in Modianos Romanen gilt: Bausteine, die sich fügen und auf einmal, da sie hinterfragt werden, nicht mehr zusammenpassen, Erinnerungsfetzen, die zunächst weiterführen und plötzlich trügerisch erscheinen. Da hebt sich aus dem Geplauder der beiden Männer ein Name heraus, der Ottolini beim Durchblättern des Büchleins aufgefallen war: Guy Torstel. Über ihn habe Ottolini weiter nachgeforscht, er solle mit einem Mordfall in Verbindung stehen. Kurioserweise hat Daragane den Namen Guy Torstel selbst einmal in einem seiner frühen Romane verwendet – und kann sich zunächst überhaupt nicht mehr daran erinnern. All dies bringt Daragane aber dazu, weiter zu recherchieren; und es mündet schließlich in einem gedanklichen Rekurs, der ihn in die eigene Kindheit zurückführt – ein Haus an der Pariser Peripherie, ein Kindermädchen, das seinerzeit Ersatz war für die abwesende Mutter, vage Erinnerungen, die aufkeimen und sich verdichten, aber gleichzeitig seine Unruhe verstärken. Sollte er damals womöglich Zeuge eines Verbrechens gewesen sein? Sollte gar dieses Kindermädchen, von dem man noch erfährt, dass es im Gefängnis einsaß, mit der Sache etwas zu tun gehabt haben?
Vieles hier wird nicht aufgeklärt, bleibt rätselhaft, phasenweise auch unheimlich. Alte Fotos und eine Polizeiakte erweisen sich als wenig zielführend. Modiano liefert alle Ingredienzien für einen Krimi und sabotiert auf unnachahmliche Weise das Verfahren. Das wirklich Erstaunliche daran ist: als Leser ist man weit davon entfernt, enttäuscht zu sein.
Thomas Laux



