Pariser Dilemmata im Prozess der deutschen Wiedervereinigung

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Harbaum, Lutz-Philipp
2008, Bouvier, Bonn, ISBN10: 3416032381

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 2/2009 

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Rezension / Compte rendu:
Das französische Dilemma

Dieses kleine Buch, das auf eine Forschungsarbeit des Autors aus Bonner Studienzeiten zurückgeht, erscheint ein paar Monate vor dem 20. Geburtstag des Berliner Mauerfalls genau im richtigen Moment. Lutz-Philipp Harbaum, der gerade einmal acht Jahre alt war, als 1989 die ersten Risse die Mauer ins Wanken gebracht und anschließend die deutsche Wiedervereinigung befördert haben, verfolgt die Geschichte bis zum Deutsch-Französischen Krieg von 1871 zurück, um die französische Haltung gegenüber der deutschen Einheit, gewöhnlich schlicht als "die deutsche Frage" bezeichnet, nachzuvollziehen. Mithin legt der Autor ein Buch über die "französische Antwort" vor, mit zahlreichen Zitaten zur Untermauerung seiner These, der zufolge sich Frankreich lange in einem existenziellen Dilemma befunden habe: eine moralische und solidarische Position einerseits, die auf nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft ausgerichtet war; andererseits die ständige Sorge Frankreichs um das in Jalta festgelegte europäische Gleichgewicht. Das Wort Dilemma, so der Autor unter Berufung auf die lexikalische Definition, bezeichnet die Wahl zwischen zwei gleichermaßen unangenehmen Optionen. So erklärt sich, dass die deutsche Wiedervereinigung in Frankreich bis 1989 als eine abstrakte Größe galt, die zugleich herbeigewünscht und abgelehnt wurde. Es fehlt nicht an Zitaten von Politikern, um diese Analyse zu bestätigen. Jean-Pierre Chevènement, später Verteidigungsminister der Sozialisten in Paris, erklärte 1980 in der Welt: "Die Drohung einer deutschen Wiedervereinigung ist für Frankreich gefährlicher als die einer sowjetischen Aggression." Und der frühere Innenminister Michel Ponatiowski scheute sich nicht, im März 1990 zu erklären, dass "Helmut Kohl sich so verhält, als sei er dabei, das Vierte Reich zu gründen". Nach einem (etwas zu) raschen Überblick über die Jahre 1871-1945 verfasst Lutz-Philipp Harbaum ein Kapitel über die von Frankreich während der V. Republik bis zur Wiedervereinigung 1990 betriebene Deutschlandpolitik. Während de Gaulle im Jahr 1959 schrieb: "die Wiedervereinigung der beiden gegenwärtig getrennten Teile zu einem Deutschland, das völlig frei wäre, betrachten wir als das Ziel und das normale Schicksal des deutschen Volkes", fügte derselbe de Gaulle wenige Seiten später hinzu: "Unsere Vorstellung von Deutschland ist, dass es zur Stunde nicht zweckmäßig ist, an den Gegebenheiten etwas zu ändern." Selbst nach den glorreichen Stunden der Versöhnung 1963 sollte der französische Präsident so weit gehen, später wie folgt von Alain Peyrefitte zitiert, zu erklären, die Deutschen "würden es verdienen, dass wir den Vertrag kündigen und einen Allianzenwechsel vollziehen und uns mit den Russen einigen".
Die knappen Zusammenfassungen der Amtszeiten von Pompidou, Giscard d'Estaing und Mitterrand gehen dem in diesem Buch wichtigsten Kapitel voran, das die Wiedervereinigung aus Pariser Sicht, anders gesagt: die konkrete Antwort auf die deutsche Frage darstellt. Ein deutscher Journalist der Zeit hatte folgenden Vergleich formuliert, um die französische Haltung in dieser Angelegenheit zu erläutern: "Jeder fromme Christ möchte gerne in den Himmel kommen, doch keiner will, dass der Fall schon bald eintritt."
Der Autor zitiert den Berater des Staatsoberhauptes, Jacques Attali, der in seinem Buch offenbart, was François Mitterrand gegenüber dem deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher geäußert haben soll: "Entweder die deutsche Einheit geschieht nach der europäischen Einheit oder Sie werden sich gegen eine Dreier-Allianz finden, und das wird in einen Krieg führen. Wenn die deutsche Einheit nach derjenigen Europas stattfindet, werden wir Ihnen helfen". Eine Aussage, die in einer anderen Form im November 1989 vor dem Europarat unterstrichen wurde: "Die deutsche Frage ist eine europäische Frage."
In seinem Fazit analysiert Lutz-Philipp Harbaum den von Frankreich vollführten "undankbaren Spagat", dieses Dilemma, das die zahlreichen bilateralen Spannungen erklärt. Michel Tournier war es, der 1990 sagte, es gehe nicht um die Frage, ob man für oder gegen die Wiedervereinigung sei, sondern darum, ob man sie für unumgänglich halte. Und er lieferte selbst die Antwort: "Da haben wir keine Wahl."
Gérard Foussier

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Pariser Dilemmata im Prozess der deutschen Wiedervereinigung