Memoria: Kultur – Stadt – Museum.

Mémoire: Culture – Ville – Musée.

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Sohn, Andreas (Hg.)
2006, Verlag Dr. Dieter Winkler, ISBN10: 3899110692

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Rezension / Compte rendu:
Sammeln, bewahren, übermitteln: Die Unvermeidlichkeit des Erinnerns

Wie sich in Europa, insbesondere in Frankreich und Deutschland, vom Mittelalter bis zur Gegenwart Gedächtnisse ausgeprägt und materialisiert haben, davon handeln die Beiträge des Sammelbandes "Memoria – Mémoire", dem Ergebnis einer internationalen Vortragsreihe an der Universität Paris XIII. Auf welche Weise gewann das Gedächtnis Form, Inhalt und Bedeutung? Wie entwickelten sich Erinnerungsorte und Erinnerungskulturen im Zusammenhang mit nationalen Identitäten? Solchen Fragen geht der interdisziplinäre Band nach, im analysierenden Blick auf Epochen sowie Ästhetiken der Repräsentation und Musealisierung. Die Beiträge von Autoren aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz sind teils auf Französisch, teils auf Deutsch verfasst; hinzugefügt ist jeweils ein Abstract in der anderen Sprache sowie auf Englisch. Der Leser des Buches wird durch europäische Städte geführt, über Gemälde und Schriftstücke aufgeklärt, streift Kathedralen, Säulen, Kapitelle, Wasserspeier und staunt vor diesem üppigen Universum, das auch immer Kampfplatz rivalisierender Weltanschauungen war.
Museen, Archive und denkmalgeschützte Bauwerke sind zentrale Bewahrer des Kulturerbes (le patrimoine), das an nachfolgende Generationen weitergegeben werden soll. Kraft Erinnerung verbindet der Mensch seine aktuellen Lebensverhältnisse mit vergangenen Zeit-Räumen, sie ist Mittel der Orientierung und Sinnstiftung. Wichtiges Element sind dabei die Kollektiverinnerungen, die dem Einzelnen vornehmlich über soziale Kommunikation vermittelt werden, und zwar in allen Kulturen, mögen sie nun auf Mündlichkeit oder Schriftlichkeit basieren. Diesbezüglich wurde die methodische Abhandlung des französischen Soziologen Maurice Halbwachs, "Les cadres sociaux de la mémoire" (1925), zum Ausgangspunkt wissenschaftlicher Diskussionen. Das Gedächtnis, sowie sein Verhältnis zur Geschichte, wurde im Lauf der Zeit immer genauer erforscht; seine Bedeutung für die Identität von Staaten und sozialen Gruppen ist unbestritten.
Am Anfang des Sammelbandes stehen Ausführungen von Herbert Messner zur Rolle von Judentum und Christentum als religiösen Erzählgemeinschaften. Diese Thematik setzt ein Beitrag des Historikers und Theologen Bernard Adura fort; er verfolgt die Ausbreitung des Mönchtums im Mittelalter, die sich über ganz Europa erstreckte. Sodann werden zwei Beispiele historischer Gedenkpraxis analysiert: Julian Führer geht den Erinnerungen an kapetingische Könige in Pariser Kanonikerstiften sowie in der Abtei Saint-Denis nach, dies anhand der wichtigsten Quellen des 12. Jahrhunderts: Nekrologien, Chartulare, Urkunden. Im Mittelalter setzt auch ein Beitrag von Wolfgang Wüst zu geistlichen Staatsbildungen im Süddeutschland der frühen Neuzeit an. Er zeigt, wie Gedenken Herrschaft legitimiert, etwa in Form von Gründungsjubiläen und Dankfeiern. Dass Kommemorationen politischen Zwecken dienen, ließe sich an vielen Exempeln zeigen.
Universitäten spielen im Rahmen des europäischen Kulturerbes eine herausragende Rolle. Gelehrte fühlten sich stets einer alten institutionellen Wirklichkeit zugehörig, selbst wenn sie über kein ausgeprägt historisches Gedächtnis verfügten. Wie Gründungsmythen an der Herausbildung von universitärem Selbstverständnis mitwirkten, zeigt Jacques Verger anhand von Fällen aus dem Mittelalter. Mit der Genese der Universität Graz beschäftigt sich Helmut Konrad, Zeithistoriker und ehemaliger Rektor dieser Universität. Er verfolgt deren Anfänge als Jesuitenakademie im 16. Jahrhundert und geht zudem auf institutionelle Brüche ein, etwa die Ausgrenzung von Protestanten sowie die Verjagung jüdischer Professoren, was erst Ende der 1990er Jahre in die offizielle Erinnerung aufgenommen wurde.
Symbole und Zeichen – Büsten, Stelen und Gedenktafeln – markieren die Geschichte von Institutionen und städtischen Räumen. Aus dieser Perspektive analysiert Ulrich Schlie politische Denkmale in Deutschland, darunter etwa die Walhalla, verschiedene Bismarck-Säulen, das Brandenburger Tor sowie das Holocaust-Mahnmal. Anschließend zeigt Hermann Weber, inwiefern Erinnerungsarbeit ein Weg zu Versöhnung und Prävention zukünftiger Gewalt ist; denn leider erfolgt die Anstrengung meist erst nach gewaltsamen Konflikten zwischen Ländern und Bevölkerungen. Die "nachsorgende Erinnerungs- und Traumaarbeit" ist somit weltweit von aktueller Relevanz.
Die Bedeutung des städtischen Lebens für den Aufbau eines historischen Gedächtnisses, mittels Stifterkreisen, Festen, Kunstwerken und Inschriften, zeigt Joachim Schneider anhand vier süddeutscher Städte auf: München, Nürnberg, Regensburg und Würzburg. Die Problematik, die sich aus der Tatsache ergibt, dass Deutschland – anders als Frankreich – lange keine politische Hauptstadt kannte, thematisiert Hans-Ulrich Thamer. Mit der städtischen Erinnerungslandschaft Paris beschäftigt sich, ausgehend von Napoleon, der Herausgeber des Bandes, Andreas Sohn: Bereits seit dem 11. Jahrhundert kam ihr, trotz Bruchstellen, eine herausragende Position unter den europäischen Städten zu. An der Konstituierung dieses weltweit bedeutenden Memorialraums war eine Vielzahl von Akteuren beteiligt. Nicht zuletzt der Sitz der UNESCO – die zum Weltkulturerbe erhebt, was als besonders schützenswert gilt – bestärkt ihn auch aktuell.
Der Schluss des Sammelbandes ist der Institution Museum gewidmet, dem konkretesten Aufbewahrungsort von Vergangenheiten, Zeugnissen, Bildern und Objekten. Inwiefern kulturelle Strömungen die Musealisierung bestimmen, zeigt Pierre-Yves Le Pogam anhand des Musée de Cluny, Frankreichs nationalem Museum zur mittelalterlichen Geschichte in Paris. Es entwickelte sich sukzessive im Palais cluniacensischer Äbte aus Spätmittelalter und Renaissance sowie Thermenanlagen aus römischer Zeit. Als weiteres Pariser Museum analysiert Jean-Pierre Willesme die konzeptionelle Entwicklung des Musée Carnavalet, bis es heute schließlich der langen und reichhaltigen Geschichte von Paris gewidmet ist.
Deutschland weist eine ziemlich andere Museumslandschaft auf, sie ist vor allem jüngeren Datums, was drei Einrichtungen zeigen. Ein Text von G. Ulrich Großmann stellt zunächst die sukzessiv entstandene Sammlung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg (gegründet 1852) vor und geht auf deren aktuelle Zielsetzungen ein. Im politischen und öffentlichen Diskurs der 1980er Jahre des 20. Jahrhunderts verortet sodann Hans-Martin Hinz das "Deutsche Historische Museum", sein Grundstein wurde 1987 mitten im historischen Zentrum der Stadt Berlin gelegt. Er sieht es im Rahmen einer neuen Erinnerungskultur der so genannten Zweiten Moderne, die in der ganzen Welt durch Museumsgründungen charakterisiert ist. Abschließend stellt der Historiker Hermann Schäfer das
"Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" vor. 1993 in Bonn eröffnet, zeichnet es sich, ebenso wie das schnell gewachsene Museum in Berlin, durch ausgeprägt museumsdidaktische Ambitionen aus, deren Beschreibung Schäfer in Perspektiven für die Notwendigkeit einer lebendigen Vermittlung von Geschichte münden lässt. Vivant sequentes – Die Nachkommen sollen leben!
Cornelia Frenkel

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Memoria: Kultur – Stadt – Museum.