2007, Mückenschweinverlag, ISBN10: 3936311366
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 6/2008
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 6/2008
Rezension / Compte rendu:
Reisenotizen aus dem Libanon
Dieses Buch ist ein Blickfang, soviel steht fest. Zunächst einmal wegen seines typografisch originell gestalteten Covers und seines weitschweifigen und vielversprechenden Titels: Bei einem solchen Anspruch kann man nicht umhin, mit dem Blättern zu beginnen - tatsächlich wird man von der Einleitung nicht enttäuscht: "Hallo! Ich heiße Sylvain, ich bin Franzose, und wohne seit drei Jahren in Berlin ... Ich bin glücklich."
Damit ist die Tonlage des Romans angestimmt. Der 26-jährige Autor Sylvain Mazas ist Illustrator und gelernter Grafiker. 2004 als Erasmus-Student nach Berlin gekommen, machte er es wie so viele seiner Kommilitonen: Er blieb. Während der Niederschrift seiner Diplomarbeit in Visueller Kommunikation nimmt die Idee des vorliegenden Buches Form an. In dem schmalen Band beschreibt Mazas eine 3-monatige Reise in den Libanon, auf der er nach Inspiration für seine Diplomarbeit suchte, und illustriert die unvorhergesehen Ereignisse, die ihm dabei zustießen. Großzügig mit Skizzen, Schemata und handschriftlichen Texten ausgestattet, führt dieses abwechslungsreiche Buch den Leser durch die Auseinandersetzung des Autors mit der libanesischen Kultur und dem Nahost-Konflikt. Das Buch, das weder eine "bande dessinée" im klassischen Sinne, noch eine illustrierte Erzählung darstellt, gehört Sylvain Mazas zufolge in die Kategorie "romangraphique".
Die stark vereinfacht formulierten Sätze machen das Buch leicht zugänglich und extrem flüssig zu lesen. "Ich wollte aus meiner Schwäche einen Vorteil machen", erklärt Sylvain Mazas. "Da mein Wortschatz im Deutschen ohnehin nicht so reich ist wie im Französischen, musste ich mich so einfach wie möglich ausdrücken. Genau das mache ich täglich, wenn ich mich auf Deutsch ausdrücken muss." Mit demselben, bewusst einfachen Ansatz widmet er sich dem schwierigen Nahost-Konflikt: "Ich weiß, dass ich bei weitem nicht der Richtige bin, um zu diesem Thema lange Texte zu schreiben, also wollte ich mich ihm als Grafiker nähern", erzählt er. Dieser Konflikt ist auch ein Konflikt der Bilder, und genau aus dieser Perspektive wollte Mazas ihn betrachten: die Bilder inszenieren und den Anstoß geben zu einem kritischen Blick auf das, was zu sehen ist. So erfährt man in diesem autobiografischen Bericht auch, dass der Autor es nicht bei der Theorie bewenden lassen möchte. Das vorgestellte Projekt einer palästinensischen Blaskapelle, die Songs von Britney Spears spielt, wartet in der Schublade: "Wie ich im Buch erkläre, geht es natürlich darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Aber das eigentliche Ziel ist die Arbeit über den Kontrast. Viele Leute zappen von einem Britney Spears-Clip auf MTV zu einem Sender, der Bilder vom Nahost-Konflikt zeigt, aber sie trennen beides. Mich interessiert gerade, was aus der Mischung entstehen kann".
Als in Berlin lebender Franzose nutzt Sylvain Mazas auch die Gelegenheit, eine sehr originelle Version interkultureller Kommunikation zwischen Frankreich, Deutschland und dem Libanon zu vermitteln. Er skizziert, wieder in Form von Schemata, die Klischeevorstellungen der Franzosen über die der Deutschen, die als "carré" ("viereckig") gelten - mit den dazugehörigen Vor- und Nachteilen: "stabil, ernst, langweilig, seriös, fest, kalt ...". Der Autor erläutert jedoch, dass sich, vom Libanon aus betrachtet, die Unterschiede zwischen Franzosen und Deutschen stark relativieren und die Europäer im Allgemeinen "quadratisch" sind, während die Libanesen eher als "dreieckig" gelten, wobei beide Visionen ihre guten und schlechten Seiten haben: Die beste Lösung bestünde in einer intelligenten Kombination der beiden.
Eine französische Ausgabe des Buches ist bereits in Vorbereitung, während man auf weitere Folgen warten darf: "Es wird einen Band 2, 3, 4, 5 und so weiter geben, bis ich die drei im Titel vereinten Ziele erreicht habe", verkündet Sylvain Mazas lachend. Also: Fortsetzung folgt.
Sébastien Vannier, Übersetzung: Dr. Nicola Denis



