Jean Cocteau et l'Allemagne

Mythes et réalité de la réception de son théâtre

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Wolter, Christoph
2007, L'Harmattan, ISBN10: 2296034063

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 3/2008 

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Rezension / Compte rendu:
Anerkennung im Nachbarland

Das Buch stellt die erste Analyse zur Rezeption von Jean Cocteaus "Theaterpoesie" östlich des Rheins dar, dessen Stücke dort zwischen 1915 und 2000 in mehreren hundert Produktionen auf die Bühne kamen. Die Forschungsarbeit beleuchtet das Cocteausche Werk unter verschiedenen Aspekten und untersucht die Mechanismen einer Rezeption, die sich im Laufe der Epochen veränderte. Die Beziehung des Dichters zu Deutschland ist ganz offensichtlich affektiv, fast sinnlich. Seine Kindheit war ganz in deutschen Einfluss gehüllt. Dies sollte nachhaltige Auswirkungen auf seine verschiedenen künstlerischen Produktionen haben. Er erklärte übrigens selbst: "Goethe lehrte mich, Verständnis für ein jedes Ding aufzubringen, Nietzsche, nicht Akt und Verehrung zu verwechseln." Er bekannte auch, bei vielen seiner deutschen Freunde jene Anmut wieder zu finden, die in Frankreich seit Jahrhunderten verloren gegangen war.
Doch vor allem eröffnete Deutschland dem Mitglied der Académie française ein weites Feld, um mit den Identitäten zu spielen. Denn Jean Cocteau war der Dichter des 20. Jahrhunderts, der am stärksten auf die Rezeption seiner Werke bedacht war. Wie er gegenüber William Fifield bekannte, schätzte er sich glücklich, dass sein Werk eine solche Anziehungskraft auf das deutsche Publikum ausübte. Diese Tatsache ist auch keineswegs zu leugnen. Der Schriftsteller ist ein Spiegel der französischen Avantgarde. Cocteaus Rezeption beginnt lange vor dem Theater mit seinem Ballett. Dieses Genre führt den Dramaturgen in das kollektive Bewusstsein eines Publikums ein, das aus Spezialisten und Amateuren für Tanz und aus all jenen besteht, die sich für diese Avantgarde, die sich über Frankreich und ganz Europa ausbreitet, interessieren.
Parallel dazu findet er in der deutschen Kultur das Ferment für seine Inspiration. Er jongliert geschickt mit der Sprache, verbirgt sich dahinter wie hinter einer gerne getragenen Maske. In ihr wird er jene dichterische Freiheit finden, die gänzlich befreit ist von dem lästigen Gewicht, das die Folgen von Handlungen in der Realität haben. Hinzu kommt, dass Cocteau für Deutschland ein Erbe Voltaires im 20. Jahrhundert ist - in geistiger Hinsicht. "La Machine infernale" ("Die Höllenmaschine") wird zum Erfolg, deren multiformen Charakter die Kritiker rühmen: "Die Begegnung zwischen der Sphinx und Ödipus ist der wesentliche Teil des gesamten Dramas, dies ist eine in ihrer Komplexität und ihrer Kühnheit so großartige Kreation mit ihrer exotischen Atmosphäre, ihrer poetischen Ausdruckskraft und ihrem surrealen Spiel mit dem Mythos", konnte man damals in der "Neuen Zürcher Zeitung" lesen. Dies sind die Stätten, wo der Schriftsteller ein aufmerksames, neugieriges, intelligentes und respektvolles Publikum findet.
Cocteau, dem die Anerkennung in seinem Herkunftsland fehlt, versucht, seinen Landsleuten im Spiegel zu zeigen, wie seine Rezeption sein sollte, wie sie eines Tages wohl sein wird, da sie ja andernorts bereits existiert. Der Blick über die Grenzen ist daher ein Blick in die Zukunft, eine Projektion. Die Poetik Cocteaus nimmt insofern die Theorie von Hans Robert Jauss vorweg, indem er Unverständnis und Ablehnung durch das Publikum zum Maßstab für die Neuartigkeit eines Werkes macht - deren Opfer er selbst ist.
Deutschland bietet Jean Cocteau die Möglichkeit, sich selbst zu erkennen, und zwar in dem konkreten Sinn verschiedener Interpretationen, die ihm seine deutschen Leser in der Korrespondenz anbieten. Es ist ein Deutschland, das in der Lage ist, den Wegen eines französischen Geistes in seiner Weltoffenheit zu folgen. "Hier habe ich jenen Anschluss gefunden, der auf gleichen Wellenlängen beruht", sagt er zusammenfassend. "In Deutschland habe ich es gewagt, manche Geheimnisse meines Herzens ohne Furcht zu offenbaren." Cocteaus Arbeit in Deutschland ist die Geschichte einer glücklichen Vorsehung, zusammengesetzt aus einzelnen Aufführungen, die ihm die schönsten Kritiken eintrugen. Das Werk dieses Autors ist wie er selbst - unberechenbar und überraschend.
Chantal Guionnet, Übersetzung: Dr. Erika Mursa

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