2003, Jena 1800, ISBN10: 3931911276
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 1/2005
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente 1/2005
Rezension / Compte rendu:
Literarischer Produktionsort Paris
Nein, dies ist kein neues, überflüssiges Buch über Paris, mit der Tiefensonde eines erfahrenen Auslandskorrespondenten hat Lutz Hermann eine Lücke geschlossen. Wer spaziert schon gerne mit fünf Kilo Nachschlagewerken in der Hand durch Paris. In 80 Ortsangaben und Portraits werden Leute, die angeblich jeder kennt, dort beschrieben, wo sie das geschrieben haben, was viele schon einmal gehört, zum Teil gelesen haben oder gar nicht kennen.
Es geht nicht um Nachhilfe. Die Auswahl von 80 Autoren zeigt, dass es um die Anerkennung des literarischen Produktionsortes Paris geht. Das bietet vielerlei Überraschungen. Zum Ersten zwei Pariser Landkarten, wer wo war und wie es dort aussieht. Zum Zweiten kann sich der Flaneur in den letzten vier Jahrhunderten tummeln und sich die Frage stellen, wie seine Phantasie mit der literarischen Gestaltungskraft der Autoren sowie meistens abweisenden Mauern und unvergesslichen Leseerinnerungen zusammenpasst. Dabei zeigt sich, dass das Quartier Latin überschätzt wird. Selbst Heine lebte lange auf der Nordseite der Seine am Gare St. Lazare. Die Geburt des Blechtrommlers Oskar Matzerath erfolgte durch Günter Grass in einem Hinterhof der Avenue d'Italie. Karl Marx lebte in der Nähe des Dôme des Invalides. Die Geographie der deutschen Schriftsteller entspricht mehr den Kostenfaktoren ihres Lebens als der angeblichen französischen Konzentration des Geistes auf das 5. und 6. Arrondissement und die Sorbonne. Zugegeben, Joseph Roth wählte ganz richtig: Er starb im Schatten des Palais du Luxembourg.
Das Reise- und Nachschlagebuch überzeugt mit sorgfältig recherchierten Lebensphasen von Literaten in Paris. Natürlich führt die durch den Verlag bedingte Beschränkung auf 80 Namen zu Ungerechtigkeiten. Die französisch schreibenden Größen von Molière bis André Malraux stellen drei Viertel der Namen, die deutschsprachigen und englischsprachigen Autoren sind sorgfältig ausgewählt, aber notwendigermaßen unvollständig. Skandinavische, niederländisch-flämische Schriftsteller wie zum Beispiel Strindberg oder gar spanische wie Jorge Semprun fielen der Begrenzung zum Opfer. Ein weiteres Buch wäre leicht zu füllen. 80 Autoren sind für Paris zu wenig.
Das Schöne an dem Buch ist seine Umsetzung der Promenade im Sinne Walter Benjamins, "Paris, Zaubergarten der Flaneure", Beobachtungen und Gefühle werden eins. Das vor einem Jahr erschienene Buch wirkte auf Schüler im Gespräch mit dem Autor wie eine Offenbarung. Zu Fuß Geist zu entdecken und die Phantasie der Schriftsteller um die eigene zu ergänzen, fanden sie faszinierend.
Abstrakte Namen werden fühlbar, sehbar, riechbar. Mauern werden Abenteuerspielplätze des Geistes. Das Vergnüglichste an diesem Buch ist die ungeheure Anzahl von Anekdoten. Wer hätte gedacht, dass Jacques Prévert, der satirische Ungläubige, mit Gott ein Verhältnis hatte? Bei Anrufen wimmelte er ab: "Ich hab' es eilig. Ich muss in die Kirche" und betete "Vater unser, der du bist im Himmel - und bleib schön dort."
Dieses Buch ist kein Ersatz für ein Literaturlexikon. Es ist ein solider, aber amüsanter Spaziergang durch die Orte literarischer Produktion von Paris, eine nachdenkliche Promenade durch die Geistesgeschichte.
Rudolf Herrmann



