Die Lebenden reparieren

Originaltitel: Réparer les vivants

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Kerangal, Maylis de
2015, Suhrkamp, Berlin, ISBN10: 3518424785

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2015 

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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 3/2015 

Rezension / Compte rendu:
Tabuthema und Nebensächliches
Zwei französische Autoren in deutscher Übersetzung

Bis jetzt wurden erst zwei Romane der französischen Autorin Maylis de Kerangal ins Deutsche übersetzt; etliche Werke von Pierre Michon hingegen haben deutsche Verlage bereits seit 1990 entdeckt.

Traductions
Deux nouveaux ouvrages d'auteurs français ont été traduits en allemand: Réparer les vivants de Maylis de Kerangal (2013) et Corps du roi de Pierre Michon (2002).
Réd.

Maylis de Kerangal hat in ihrem zweiten Buch in deutscher Übersetzung sich eines Themas angenommen, das eher ungern diskutiert wird, weil es noch immer mit allerlei Ängsten und Tabus versehen ist: der persönlichen Organspende. Das Thema in einem Roman unterzubringen, ist aber ein geschickter (und gelungener) Versuch nachhaltiger Sensibilisierung.
Drei Jugendliche treffen sich zum Surfen in Nordfrankreich – regelrechte Freaks, enthusiastische junge Männer, die sich diesem Sport verschrieben haben und immer auf der Suche nach der schönsten Welle sind. Dann erfolgt jäh der Schock. Auf der Rückfahrt nach Hause gerät ihr Auto von der Straße ab, es kommt zu einem schweren Unfall, und einer der drei jungen Surfer, Simon, muss mit einem Schädelhirntrauma ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Diagnose ist niederschmetternd: irreversibles Koma, die Zerstörung seines Gehirns ist nicht aufzuhalten, der Tod kündigt sich an. Simon wird nur noch künstlich am Leben erhalten.
Nun gilt es, gravierende Entscheidungen zu treffen. Der zuständige Arzt klärt die Eltern über den Zustand ihres Sohnes auf, spricht das Thema Organentnahme an, das fassungslose und überforderte Elternpaar ist noch außerstande, an so etwas zu denken, aber alles muss jetzt schnell gehen. Nach zögerlichem Hin und Her geben die Eltern dann ihre Zustimmung, und man wohnt nunmehr dem ganzen technischen Prozedere bei – der Begutachtung der Echografien, der Evaluierung der Organe, der Entscheidung für die Verteilung der Spenderorgane etc. Schließlich geht der Blick auf die potentiellen Adressaten der Organe, Menschen, die jahrelang darauf gewartet haben, eine neue Leber oder ein neues Herz zu bekommen. Jeglicher Ablauf ist minutiös getaktet, alles muss haargenau stimmen, von der Entnahme der einzelnen Organe über das Verpacken derselben bis hin zum Transport. Ganz nebenbei klingen ethische Überlegungen an: Simons Mutter fragt sich, was bei dieser Aufsplitterung von der Einheit ihres Sohnes bleiben wird? Eine gewisse Claire, die Simons Herz bekommen wird, weiß natürlich um ihr Glück, beklagt hingegen, dass sie sich nie wird bedanken können, denn der Spender und dessen Entourage bleiben anonym. Am Ende nochmals ein Blick auf Simons Körper, in ihn wird nach der Organentnahme ein Polster aus Abdecktüchern und Kompressen gelegt, um Volumen vorzutäuschen; er wird dann, zumindest äußerlich, „in unversehrtem Zustand“ den Eltern übergeben. Maylis de Kerangal hat dieses brisante, gerne verdrängte Thema ebenso spannend wie sensibel zur Sprache gebracht; ein nicht zu unterschätzendes Verdienst dieses überaus lesenswerten Romans.
Thomas Laux

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