Les voleurs de rêve

Cent cinquante ans d’histoire d’une famille algérienne

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Hadjadj, Bachir; Lacouture, Jean (Préface)
2007, Editions Albin Michel, ISBN10: 2226176160

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 4/2008 

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Rezension / Compte rendu:
Schmerzhafte Erinnerungsarbeit

"Die Erinnerungsarbeit baut auf Wunden, Trennungen und Verschiedenartigkeit auf", so Derrida. Zwischen Frankreich und Algerien sind die Wunden noch nicht verheilt, weil die Erinnerungsarbeit erst langsam einsetzt. Das Buch von Bachir Hadjadj setzt allerdings einen Meilenstein und belehrt uns auf unterhaltsame Weise mit tiefer Humanität.
Gedrängt durch seine Tochter, die als Kind algerischer Einwanderer kein Arabisch gelernt hat und sich nahezu hundertprozentig als Französin fühlt, aber dennoch darunter leidet, die Wurzeln ihrer Vorfahren nicht zu kennen, reiht sich Hadjadj, nachdem er wie viele Algerier über Jahrzehnte geschwiegen hat, in die Ahnenreihe der Erzähler seiner Familie ein und legt Zeugnis ab über die 150-jährige Geschichte seines Stammes, so wie sie ihm von seiner Familie übermittelt worden ist.
Ausgangspunkt der Erzählung ist der Clan der Mérachdas zur Zeit der osmanischen Besatzung, aus dem der Autor immer wieder neue Lebensgeschichten hervortreten lässt. Von den Hirten und Halbnomaden auf den Hochebenen in Nord-Constantine führt die Odyssee seiner Autobiografie über seinen Urgroßvater und seinen Großvater, die im Laufe des 19. Jahrhunderts über Szenen der Kolonisierung Bericht erstatten, über seinen eigenen Vater, der in den Schützengräben vor Verdun mit den Franzosen gegen die Deutschen kämpft und die Ehrenlegion erhält, schließlich zu seiner eigenen Lebensgeschichte, die zwischen zwei Welten pendelt: der archaisch arabisch-berberischen und der "freiheitlich"- republikanischen.
Der Autor wird 1937 geboren und wächst unter 18 Geschwistern, die von vier verschiedenen Müttern zwischen 1921 und 1956 zur Welt gebracht werden, im elterlichen Haus in Sétif und in umliegenden Dörfern auf. Er erlebt die Gewalttätigkeiten seines polygamen Vaters, der in der schulischen Bildung seiner Kinder die einzige Chance sieht, um aus der scheinbar naturgegebenen Misere aufzusteigen. Bachir wird die Schule der Republik besuchen, ungewollt seine Wehrpflicht als Soldat im Algerienkrieg gegen seine Landsmänner ableisten und sich am Ende des Krieges wiederum freiwillig freiwillig in der algerischen Befreiungsarmee an der tunesischen Grenze engagieren. Nach der Unabhängigkeitserklärung von 1962 werden ihm seine Träume für ein demokratisches und freies Algerien "gestohlen" und er entschließt sich, nach Frankreich auszuwandern: Durch sein kommunistisches Engagement in einer Studentenorganisation, welche den totalitären Anspruch der algerischen Befreiungsfront ablehnt, wird er politisch verfolgt. Für Hadjadj erweist sich die Wahrheit der FLN-Partei genauso als Staatslüge wie das vorangegangene System der Kolonialmacht.
Sich seiner problematischen, ambivalenten und teilweise aporematischen Vergangenheit in unverblümter Authentizität zu stellen, ohne zu beschönigen, zu verdrängen, zu verurteilen oder durch Vereinfachung zu verfälschen, ist eine große Aufgabe, die Bachir Hadjadj mit Bravour löst und dadurch dazu beiträgt, einem größeren Publikum die Ambivalenz der Kolonialgeschichte in ihrer historischen und emotionalen Multiperspektivität vor Augen zu führen. Die autobiographische Darstellung der Erinnerungsarbeit und Vergangenheitsbewältigung erscheint dabei als ein Akt der Selbstbefreiung in psychologischer Schwerstarbeit, zumal Hadjadj seine persönliche Berichterstattung bewusst von der Arbeit eines Historikers abgrenzt.
Dadurch, dass er keine geschichtliche Realität mit ontologischem Wahrheitsgehalt beansprucht, sondern seine eigene subjektive Wirklichkeit mit allen Widersprüchen konstruiert, wird der Authentizitätsanspruch und die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen erhöht, ohne ideologisch majorisieren oder moralisieren zu wollen. Seine Wahrheit hat viele Facetten und bleibt nicht zwischen den beiden Kulturen stehen, in denen er aufgewachsen ist, sondern entwickelt sich mit Hinblick auf einen dritten Ort der Transkulturalität.
Die von Bachir Hadjadj in seiner Autobiographie geleistete Erinnerungsarbeit zeigt, dass die Geschichte des algerischen und des französischen Volkes in ihren multiplen Facetten nicht identisch ist mit der Geschichte der Regierenden und auch nicht der offiziellen Geschichtsschreibung. Die Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Authentizität des Erzählers leistet einen instruktiven, spannenden, mitreißenden und gefühlvollen Beitrag zum besseren Verständnis der französisch-algerischen Beziehungen – jenseits aller Klischees.
Manfred Overmann

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Les voleurs de rêve