Kriegstagebuch 1914-1918

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Jünger, Ernst
2010, Klett-Cotta, Stuttgart 2010, ISBN10: 3608938435

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2011 

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Rezension / Compte rendu:
Auf dem Weg zur Selbststilisierung

"Gut ist, wenn in Grase liegt, schlecht ist, wenn in Fresse fliegt ..." Den herben Reimsatz stellt der Noch-nicht-Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) als Motto dem dritten Teil seines Kriegstagebuchs von 1915/1916 voran. Der Leutnant Jünger im Füsilier-Regiment 73 liegt mit seiner Einheit an der Westfront im zermürbenden Stellungskrieg.

Unter dem 17. Oktober 1915 notiert er in sein Tagebuch: "Heut Nachmittag fand ich in der Nähe der Latrine von der Festung Altenburg zwei noch zusammenhängende Finger- und Mittelhandknochen. Ich hob sie auf und hatte den geschmackvollen Plan, sie zu einer Zigarrenspitze umarbeiten zu lassen. Jedoch es klebte, genau wie die Leiche im Stacheldrahtverhau bei Combres noch grünlich weißes verwestes Fleisch zwischen den Gelenken, deshalb stand ich von meinem Vorhaben ab. Um 7 zogen wir wieder in vorderste Linie." Es ist auch dieser bewusst schnoddrige Tonfall, der das spätere Dichterleben dieses konservativen Anarchisten beschattet hat.
1914 war Ernst Jünger als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg gezogen, wurde vierzehnmal verwundet und mit dem Orden "Pour le mérite" ausgezeichnet. Sein fast metaphysischer Bericht über das Kriegsabenteuer ("In Stahlgewittern") wurde das frühe Zeugnis einer kühl abstrakt analysierenden Betrachtungsweise. Es setzte den Autor der Beschuldigung aus, das mörderische Geschehen an der Front verherrlicht zu haben. Davon freilich kann bei den jetzt erstmals publizierten Kriegstagebüchern des Stoßtruppführers Jünger keine Rede sein.
Bei diesen Kriegstagebüchern, die im Nachlass des 1998 im Alter von 102 Jahren gestorbenen Autors im Deutschen Literaturarchiv in Marbach liegen, handelt es sich um fünfzehn Hefte. An manchen Tagen hat Jünger mehrfach Notizen gemacht, in der Regel sind die Aufzeichnungen aus formuliert. Sie zeigen einen jungen Draufgänger, der dem Grabenkrieg in Flandern und in Frank- reich mit einer Mischung von Neugier und Chuzpe begegnet, die im krassen Widerspruch zu der Ungeheuerlichkeit des Erlebten steht. "Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam erschauern." "Gegen Mittag schwoll das Artilleriefeuer zu wüstem Tanze an." Jünger, der Chronist, muss in dieser Feuerhölle bei täglichem Beschuss so etwas wie eine innere Befriedigung erfahren haben, wenn es im Tagebuch heißt: "Mir machte das Kriegsleben jetzt gerade den richtigen Spaß ..." Andererseits hilft er sich mit betonter Lakonie weiter: "Dabei bekam der Gefreite Motullo einen Kopfschuss, dass ihm sein Gehirn über das Gesicht lief. Er war seltsamerweise noch klar bei Verstande, als ich ihn zurücktragen ließ." Wiederholt schwankt die Gemütslage des jungen Truppenführers zwischen Sachlichkeit und Trunkenheit, so als ob das Tagebuchschreiben auch eine Art von Selbstschutz oder Selbsttherapie sei. Auffallend auch die häufige Verwendung von Attributen wie "famos" oder "fidel", egal ob es sich um ein Frühstück unter Granathagel oder um einen saufseligen Besuch im Offizierscasino handelt. Irgendwie steht Jünger aber auch vor Augen, dass es Angenehmeres in Frankreich gibt als den gegenseitigen Brudermord: "Und ich werde die Reise nach Paris und Versailles nicht machen können, mich nicht freuen können im Lande des Weins und der Freude, denn zwischen mir und Euch steht eine Wand, fließt ein Strom von Blut, von Blut vielleicht unnütz vergossen, um Millionen Mütter in Gram und Elend zu stürzen." Dann heißt es am zweiten Weihnachtstag: "Auf dem Höhenzuge nach Hanneschamps sah ich heut einen aufrecht gehenden Mann. Ich schoss mit Visier 800. Er verschwand, es machte den Eindruck, als ob er getroffen wäre. Hoffentlich hat er ordentlich eins bekommen."
Jüngers Tagebücher bilden die Basis für die späteren, zum Teil noch im Selbstverlag erscheinen- den Kriegsbücher - neben den "Stahlgewittern" vor allem "Das Wäldchen 125", "Feuer und Blut" und "Der Kampf als inneres Erlebnis". Während in diesen in den 1920er-Jahren geschriebenen Büchern die Kriegserfahrung literarisiert wird und eine poetische Umsetzung erkennbar ist, zeigt sich der Autor der Kriegstagebücher gerade versessen auf neue Bewusstseinserlebnisse - so als sei er ein Forschungsreisender in den noch unvermessenen Regionen seiner Gehirnzustände: "Ich bin sehr neugierig, wie sich eine Schrappnell-Beschießung ausmacht. Im Allgemeinen ist mir der Krieg schrecklicher vorgekommen, wie er wirklich ist. Der Anblick der von Granaten Zerrissenen hat mich vollkommenkalt gelassen, ebenso die ganze Knallerei, trotzdem ich einige Male die Kugeln sehr nahe habe singen hören. Im Allgemeinen sind mir die Kälte und die Nässe in unseren Erdlöchern das Unangenehmste." Jünger sucht die Gefahr, das "abenteuerliche Herz" will es so. Er meldet sich freiwillig zu riskanten Stoßtruppunternehmen, "meinem Grundsatz getreu, dass der Mut die einzige Tugend des Mannes ist". Und dabei findet er auch noch Muße für die ihn lebenslang begleitende Leidenschaft des Käfersammelns. Eben auch im Schützengraben, in dem er bei "wunderbarem Frühlingswetter" einen Zitronenfalter und ein Tagpfauenauge entdeckt. Aber auch "Ergreifendes" wird wahrgenommen - nach der Schlacht: "Am Vormittag ging ich zur Ortskirche, wo die Toten alle untergebracht werden. Heute standen 39 simple Holzkisten da, fast aus jeder war eine große Blutlache herausgelaufen, es war in der ausgeräumten Kirche ein entsetzlicher Anblick." Später, bei der Beerdigung, redet Pfarrer Philippi "glänzend über den Text ,Sie haben einen guten Kampf getan'. Er sprach unter anderem, Gibraltar, das ist euer Zeichen und fürwahr, ihr habt gestanden wie der Fels am Meer." Für Ernst Jünger war der Krieg kein Mittel, sondern ein Zweck, wie Jorge Luis Borges geschrieben hat. Der Krieg als die intensivste Erfahrung, zu der der Mensch fähig sei. Die Kriegstagebücher zeigen Jünger auf dem Weg zu dieser Selbststilisierung.
Wolf Scheller

Des carnets très personnels
La maison d'édition Klett-Cotta à Stuttgart vient de publier le Journal de guerre 1914- 1918 du soldat Ernst Jünger (1895-1998). Engagé volontaire en 1914, blessé à 14 reprises, promu lieutenant, décoré de l'ordre Pour le mérite, Jünger fournit une chronique personnelle et détaillée du conflit si froidement abstraite qu'on le soupçonne d'avoir voulu glorifier les actions meurtrières sur le front ouest, dans les tranchées du nord de la France.
Ce Journal, publié pour la première fois, est constitué de 15 carnets tenus au jour le jour. Ce sont ces notes qui ont permis au romancier dans les années 20 d'écrire « Orages d'acier (Stahlgewitter) », « Le boqueteau 125 (Das Wäldchen 125) » et « Feu et sang (Feuer und Blut) ». L'ensemble de l'œuvre de Jünger, qui a été entièrement traduit en français, a déjà été édité par Klett- Cotta. Ces carnets sont un précieux complément pour mieux comprendre " l'expérience intense " des hommes avec la guerre et surtout les sentiments de l'auteur face à une guerre qui lui procurait « un vrai plaisir ».
Réd.

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Kriegstagebuch 1914-1918