Le naufrage. 16 juin 1940

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Roussel, Eric
2009, Éditions Gallimard, Paris 2009, ISBN10: 2070734943

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2010 

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Rezension / Compte rendu:
Brennpunkt der Geschichte

Auf den von den deutschen Besatzern nach Buchenwald verschleppten Soziologen und Historiker Maurice Halbwachs geht die nüchterne Einsicht zurück, dass historische Erinnerung oftmals darin bestehe, Ereignissen der Vergangenheit eine Bedeutung beizumessen, die deren Zeitgenossen
noch gar nicht wahrnehmen konnten - oder wollten. Unter diesem Vorbehalt steht die seit Jahren erscheinende und ständig weitergeführte Reihe "Les journées qui ont fait la France" des Pariser Gallimard Verlags; in ihr werden Ereignisse und Daten der französischen Geschichte - von der Taufe Chlodwigs bis zur Befreiung von Paris im August 1944 - wie Mosaiksteinchen zu dem gewaltigen Gründungsmythos eines Landes zusammengefügt, das sich so seiner Geschichte und ihrer dramatischen Wendepunkte zu versichern sucht. Wie erhellend diese der Theorie der "longue durée" widersprechende Fokussierung auf einzelne Daten und Akteure der Geschichte indes sein kann, zeigt die zuletzt erschienene Veröffentlichung dieser Reihe unter dem Titel "Le naufrage (Der Untergang)", in deren Zentrum der 16. Juni 1940 steht.
Die anstehenden siebzigsten Jahrestage in Erinnerung an den Sommer 1940 fest im Blick verzichtet der Autor ganz bewusst darauf, den Londoner Aufruf de Gaulles zum Widerstand am 18. Juni 1940 (siehe Dokumente/Documents 2/2010), hervorzuheben, aus dem sich doch, so scheint es, viel mehr Funken im Sinne eines glänzenden Gründungsmythos schlagen ließen als aus dem Gedenken an einen der schwärzesten Tage in der Geschichte des nachnapoleonischen Frankreich. In akribischer Analyse noch der kleinsten Details wird vielmehr der Tagesablauf des 16. Juni 1940 rekonstruiert, an dem die letzte Regierung der Dritten Republik, die sich vor den anrückenden deutschen Truppen nach Bordeaux geflüchtet hatte, zerbrach. Hauptakteure dieses Dramas waren Ministerpräsident Paul Reynaud, ein Staatssekretär namens Charles de Gaulle sowie Edward Spears, Churchills Verbindungsoffizier, der die dramatischen Ereignisse und Entscheidungen in Bordeaux beobachtete. Überaus anschaulich schildert Roussel, wie sich die Linie der Pazifisten, also derer, die zu einem Waffenstillstand mit Deutschland und zu einer Zusammenarbeit mit dem übermächtigen Nachbarn bereit waren, gegen den erklärten Willen von Staatspräsident Lebrun und Ministerpräsident Reynaud durchsetzte. Denn im Hintergrund wartete bereits Philippe Pétain, der "Held von Verdun", auf seine Stunde, und er wußte sich einig mit einer Bevölkerung, in der viele mit dem Schriftsteller Jean Giono "lieber ein lebender Deutscher als ein toter Franzose" sein wollten. Reynaud überließ Pétain das Feld, überzeugt davon, dass schon nach wenigen Tagen dessen Annäherungsversuche an Hitler brüsk zurückgewiesen und damit der zum Frieden mit Nazi-Deutschland bereite Teil der französischen Eliten desavouiert sein würde. Dass es anders kommen würde, war nur einem der Beteiligten an diesem späten Juniabend klar: Als Charles de Gaulle an Bord eines britischen Flugzeugs Bordeaux in Richtung London verließ, nahm er im Gepäck die Legitimität Frankreichs mit, die er souverän der formalen Legalität des nun unter Führung Pétains in Vichy entstehenden Kollaborationsregimes entgegensetzte. Statt aber die abstrakten Debatten um das Verhältnis zwischen Legalität und Legitimität nachzuzeichnen, zeigt Roussel vielmehr den 16. Juni 1940 als einen Tag, "an dem die Masken fielen", und zwar diejenigen, welche seit der Gründung der Dritten Republik im Zeichen der Niederlage gegen Bismarck, vor allem aber seit dem Siegestaumel nach dem Ersten Weltkrieg der französischen Bevölkerung und ihren Eliten den Blick für die Realitäten verstellt hatten: Einer Verweigerung der Moderne mit all ihren Herausforderungen komme das Verhalten der Zwischenkriegsregierungen unter den Ministerpräsidenten Herriot, Poincaré und schließlich dem unglücklichen Daladier gleich, der im September 1938 von Hitler und Mussolini vorgeführt wurde. Hier macht sich Roussel freilich das Urteil de Gaulles zu eigen, der mit seinem Akt des Widerstandes gegen das Einknicken vor Pétain und seiner Entourage keinesfalls die ungeliebte Dritte Republik hat retten, sondern ein neues republikanisches System mit einer starken, vom Parlament unabhängigen Exekutive hat errichten wollen. Und fragwürdig, weil die Weimarer Republik einfach ignorierend, erscheint die (freilich von Antoine Prost übernommene) These des Autors, dass das massenhafte Sterben im Ersten Weltkrieg die Franzosen kriegsmüde gemacht, in Deutschland jedoch die Kriegsbegeisterung gefördert und die deutsche Politik militarisiert habe.
Überzeugend ist die Studie Roussels jedoch dort, wo sie durch den Schleier der Wahrnehmung dieser dramatischen Tage im Juni 1940 dringt, der sich nach der Befreiung von deutscher Besatzung über diese Zeit gelegt hat: So wohlfeil es ab August 1944 war, in Pétain den Verderber des Vaterlandes zu sehen und in de Gaulle oder - je nach politischer Couleur - in der kommunistischen "Résistance" das wahre Frankreich, so verblüffend ist die Einsicht, dass der Mythos vom Retter des Vaterlandes, der Pétain im Sommer 1940 auf einer Woge der ängstlichen Zustimmung an die Spitze Frankreichs geführt hatte, keinesfalls nur auf der politischen Rechten verbreitet war. Und geradezu ernüchternd ist, zu erfahren, dass de Gaulle das Bemühen seines Mentors Pétain um einen Waffenstillstand mit den Deutschen keinesfalls so kategorisch ablehnte, wie er es in seinem über die BBC verbreiteten Appell vom 18. Juni 1940 betonte: Frankreich, sagte de Gaulle in einem Gespräch nach dem Krieg, brauche immer zwei Optionen, ja es brauche zwei Sehnen an dem Bogen, mit dem es sich verteidige: Im Juni habe der eine de Gaulle geheißen, aber der andere namens Pétain sei ebenso wichtig gewesen.
Diese Freimütigkeit mag den einen oder anderen Bewunderer de Gaulles verstören, aber es gelingt Roussel, das Lebenswerk de Gaulles als dasjenige eines wahrhaft freien Menschen zu würdigen, der sich von den selbstauferlegten Fesseln einer in Defätismus und Angst erstarrten Gesellschaft zu lösen wusste. Während die meisten Franzosen dem greisen Marschall Pétain und seinem opportunistischen Regierungschef Laval zujubelten, auch dann noch, als diese mit ihrem zunehmenden Antisemitismus das politische Erbe der Revolution verspielten, rettete de Gaulles einsamer Widerstand, zu dem er sich am Abend des 16. Juni entschlossen hatte, die Legitimität jeder französischen Nachkriegsregierung. Während de Gaulle am Abend des 16. Juni 1940 die Tragweite dessen erkannte, was sich beim Zusammenbruch der Dritten Republik und durch die Übertragung der Macht auf Philippe Pétain tatsächlich ereignet hatte, brauchten die meisten Franzosen noch vier bittere Jahre, um sich zu dieser Einsicht durchzuringen und de Gaulle bei der Befreiung von Paris im August 1944 zuzujubeln - um nach dem Krieg zu vergessen, dass sie im Sommer 1940 ganz anders gedacht hatten. Eric Roussels Studie über den 16. Juni 1940 bestätigt letztlich die These Maurice Halbwachs', nach der die kollektive Erinnerung den Ereignissen der Vergangenheit immer eine andere Bedeutung beimesse, als ihnen im Moment ihres Geschehens zugekommen ist.
Clemens Klünemann

Le jour du naufrage
Dans son ouvrage sur le 16 juin 1940, Eric Roussel renonce volontairement à se fixer sur l'Appel lancé par le général de Gaulle deux jours plus tard à Londres pour mieux s'intéresser dans le moindre détail au déroulement de cette journée historique du 16 juin, au cours de laquelle échoua le dernier gouvernement de la Troisième République réfugié à Bordeaux, celui de Paul Reynaud qui confiera au maréchal Pétain la charge du pouvoir à Vichy. C'est le 18 juin que de Gaulle décidera de mener le combat contre l'occupant allemand depuis la capitale britannique.
Réd.

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Le naufrage. 16 juin 1940