1933-1945
2003, Presses Universitaires de France, ISBN10: 2130536719
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 1/2005
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Rezension / Compte rendu:
Bilanz des deutschen Widerstands
Die Autorin, in Deutschland geboren, emeritierte Professorin an der Universität Rennes für deutsche Literatur und Philosophie, bemüht sich um eine möglichst vollständige Bilanz des deutschen Widerstandes, dessen einzelne Zweige zwar bisher schon durchleuchtet wurden, der aber trotzdem in seinem ganzen Ausmaß immer noch nicht genügend bekannt ist und wohl auch noch nicht genügend gewürdigt wird.
Es mag für viele Leser eine Überraschung sein zu erfahren, dass die Gesamtzahl der am Widerstand gegen den Nationalsozialismus während seiner 12-jährigen Herrschaft Beteiligten auf 600 000 bis 700 000 Menschen geschätzt wird. Das gescheiterte Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 war nur ein dramatischer Höhepunkt und ein tragisches Ende der innerdeutschen Bemühungen zur Beseitigung des nationalsozialistischen Regimes. Ihm sind aber sehr verschiedenartige Bestrebungen und oppositionelle Aktionen kleinerer Gruppen und auch von Einzelpersönlichkeiten vorausgegangen. Es liegt ferner die Vermutung nahe, dass bisher die Haltung der Kirchen etwas zu einseitig und zu negativ beurteilt wurde. Barbara Koehn bemüht sich auch um den glaubwürdigen Nachweis, dass sich die führenden Kräfte des 20. Juli sehr eifrig und ehrlich um die Beteiligung aller sozialen Schichten bemühten. Selbst mit den Kommunisten wurden Kontakte aufgenommen. Der Widerstand der Militärs begann bereits 1935, die antinationalsozialistische Aktion des ehemaligen Bürgermeisters von Leipzig, Goerdeler, etwa zwei Jahre später. Mehrere Putschpläne mussten im letzten Augenblick aufgegeben werden. Auf nicht wenigen Auslandsreisen nach England, Schweden und in die Schweiz bemühten sich die Sendboten der Opposition gegen Hitler um politische Unterstützung. Besonders aktiv zeigte sich in diesem Sinne Goerdeler. Sehr oft spielten diese "Verschwörer" in ihren jeweiligen Kreisen mit offenen Karten. Über die Putschpläne wurden auch einige sehr hohe Offiziere unterrichtet. Mehrere gaben deutlich zu verstehen, dass sie nicht mitmachen wollten, aber keiner hat die Putschisten denunziert, selbst nicht Generalfeldmarschall Keitel, der sich später vor dem Nürnberger Gericht zu rechtfertigen hatte. Der Imperativ der Ethik war in diesem deutschen Widerstand - von den Sozialdemokraten bis zu den Konservativen - ein entscheidender Faktor.
Barbara Koehn unterstreicht schließlich sehr deutlich, dass die deutschen Widerstandskämpfer bei ihren ausländischen Kontakten auf größte Skepsis stießen. Besonders enttäuschend waren einige Gespräche mit dem damaligen britischen Außenminister Lord Halifax in London, der mit Blindheit geschlagen schien. Einerseits unterschätzte man Hitler, andererseits unterstellte man den deutschen Militärs und auch einem Mann wie Goerdeler überwiegend nationalistische Absichten. Außerdem sah man in ihnen Vertreter einer betont konservativen und damit rückständigen Ordnung. Man darf daran erinnern, dass jahrelang im Ausland alle Informationen über die Gräuel der nationalsozialistischen Konzentrationslager im sturen Unglauben verhallten. Es war so bequem, nicht wissen zu müssen.
Alfred Frisch


