Frankreich am Rhein

Spuren der "Franzosenzeit" im Westen Deutschlands

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Theis, Kerstin; Wilhelm, Jürgen (Hg.)
2008, Greven Verlag, ISBN10: 3774304092

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 3-4/2009  

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Rezension / Compte rendu:
Französische Einflüsse im Rheinland

Die Geschichte des Rheinlands und Frankreichs sind eng miteinander verflochten. Dies vor allem seit 1794, als mit der Eroberung der linksrheinischen Gebiete durch die französischen Revolutionstruppen die so genannte "Franzosenzeit" begann, die bis zum Sturz Napoleons 1813/14 dauerte und das Rheinland nachhaltig prägte.
Einen lesenswerten, überaus informativen Sammelband mit im besten Sinne populärwissenschaftlichen, penibel recherchierten Aufsätzen zum Thema "Frankreich am Rhein. Die Spuren der Franzosenzeit im Westen Deutschlands" haben die Historiker Kerstin Theis und Jürgen Wilhelm im Auftrag des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) herausgegeben. Der mit zahlreichen Illustrationen versehene Sammelband ist entstanden im Kontext eines im Jahre 2004 initiierten Projektes des LVR, das sich mit den Auswirkungen der "Franzosenzeit" auf das Rheinland bis in die unmittelbare Gegenwart hinein auseinandersetzte.
Die jetzt im Sammelband über die "Franzosenzeit" vorliegenden Beiträge fußen allesamt auf bei diesen Veranstaltungen bzw. Kongressen gehaltenen Vorträgen. Die Publikation leistet, so formulieren es die Herausgeber des Bandes, "möchte einen Eindruck von der Vielfalt der französischen Einflüsse und der Prägekraft, welche die "Franzosenzeit" unverkennbar besaß, vermitteln."
Neben einem umfangreichen Anmerkungsapparat und einem nützlichen Orts- und Personenregister enthält das Buch 13 essayistische Beiträge, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit verschiedenen Aspekten der "Franzosenzeit" und ihrer Nachwirkungen im Rheinland auseinandersetzen.
Im Mittelpunkt gleich mehrerer Beiträge steht Napoleon, die ohne Zweifel markanteste Person der "Franzosenzeit". Alain Ruiz zeichnet die Anfänge des Napoleonkultes im Rheinland im 19. Jahrhundert nach, Wulf Wülfing betrachtet den Napoleon-Diskurs Heinrich Heines, Barbara Besslich beschäftigt sich mit den Napoleon-Imaginationen Karl Immermanns, Matthias von der Bank, Hildegard Brog und Marcus Leifeld zeichnen das Bild Napoleons und Frankreichs im rheinischen Karneval des 19. Jahrhunderts nach und Eckhard M. Theewen beschäftigt sich mit den rheinischen Denkmälern napoleonischer Veteranenvereine.
Anhand der Geschichte von "4711", dem "Eau de Cologne", referiert Julia Kaum über die "Franzosenzeit" in der Werbung. Kerstin Theis beschäftigt sich mit der "Franzosenzeit" im kulturellen Leben des Rheinlands nach dem Ersten Weltkrieg. Mit sozialgeschichtlichen bzw. juristischen Aspekten beschäftigen sich Walter Rummel, der das Nachwirken der französischen Herrschaft im preußischen Rheinland des 19. Jahrhunderts untersucht, Ulrich Soénius mit seinem Beitrag über die wirtschaftliche Selbstverwaltung als Erbe der französischen Zeit und Dieter Strauch mit seinen Ausführungen über den Einfluss des französischen Rechts auf die rheinische und deutsche Rechtsentwicklung im 19. Jahrhundert.
Gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam sind Georg Cornelissens Anmerkungen zu den französischen Einflüssen auf den rheinischen Dialekt, in denen er mit zahlreichen Legenden um vermeintlich "franzosenzeitliche" Lehnwörter aufräumt. Das Französische spielte, so Cornelissen, in der rheinischen "Franzosenzeit" eine weitaus weniger bedeutende Rolle als gemeinhin angenommen wird. Nur die wenigsten Französismen im rheinischen Dialekt stammen aus der "Franzosenzeit", sie sind in der Regel viel älter. Und verbreitete sprachliche Legenden wie die angebliche Herkunft des Begriffs "Fisematenten" oder die "Lamperühr"-Geschichte (als Verballhornung von "vive l'empereur") entlarvt Cornelissen als pure Erfindungen.
Horst Schmidt

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