Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Seigle, Jean-Luc
2017, C.H. Beck, München, ISBN10: 3406697186

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 2/2017 

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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 2/2017 

Rezension / Compte rendu:
Die Verfemte

Der Fall ist belegt, in Frankreich kennt ihn jedes Kind. Pauline Dubuisson wurde Anfang der 1950er-Jahre wegen eines Mordes im Affekt der Prozess gemacht; neun Jahre landete sie dafür im Gefängnis, eine Zeitlang musste sie gar mit der Todesstrafe rechnen, niemand, keine Simone de Beauvoir zum Beispiel, setzte sich für sie ein. Die besondere Schwere ihrer Tat erkannten die Richter indes in einer Begebenheit Jahre zuvor, nämlich in Paulines unterstellter Kollaboration am Ende des Krieges, wofür sie bei der Befreiung, wie viele andere Frauen, kahlgeschoren und brutal gedemütigt wurde. Dieser Kontext ist freilich entscheidend: "Für sie blieb ich die geschorene Frau, die in Friedenszeiten einen Mann getötet hatte." Die Richter seien beseelt gewesen von dem Wunsch, sie zu vernichten. Nun kann bei ihr von Kollaboration nicht wirklich die Rede sein, das junge, gerade 15-jährige, gewiss noch unerfahrene Mädchen entdeckt seine Sexualität und sehnt sich vornehmlich nach Geborgenheit. Es sind die Jahre, in denen Frankreich von der Deutschen Wehrmacht besetzt ist. Pauline hat im heimischen Dunkerque zwar auch Sex mit dort eintrudelnden Matrosen, doch das sind flüchtige Momente ohne Liebe. Das intelligent erscheinende Mädchen hat die Absicht, nach Kriegsende Medizin zu studieren, und bis es so weit ist, will es als Krankenschwester arbeiten. Pauline kommt in einem Krankenhaus unter, dem kriegsbedingt ein deutscher Chefarzt vorsteht; auch mit ihm wird sie sexuellen Kontakt haben, als "Gegenlohn" erhält sie Lebensmittel, die sie mit nach Hause bringt, was von der Familie auch akzeptiert wird. Das Gerücht, ein "Flittchen" zu sein, hat das Elternhaus zu dem Zeitpunkt aber schon längst erreicht.
Bei der Befreiung kommt es nun zu den sattsam bekannten Bilder der Rache, es sind vornehmlich Mitglieder der Résistance, die sich da hervortun: die Frauen, die mit den Deutschen kollaboriert haben, werden durch die Straßen getrieben. Pauline wird bespuckt, ihr werden die Haare geschoren, sie wird mit Hakenkreuzen beschmiert, in einer improvisierten Zelle wird sie mehrfach vergewaltigt. Jean-Luc Seigle erschafft eine Szenenfolge von schier unerträglicher Direktheit, lässt an seiner empathischen Einstellung freilich zu keiner Sekunde einen Zweifel. Und auch der Mann, der sie am vorläufigen Ende all dieser Fürchterlichkeiten zu lieben scheint, Félix, zeigt sich gnadenlos, als er ihre ganze Geschichte erfährt. Aus dem Affekt heraus erschießt sie ihn, dabei hatte sie sich den Revolver ursprünglich beschafft, um sich selbst zu töten.
Ein versöhnliches Ende ist nicht in Sicht. In ihrer Gefängniszeit unternimmt sie in vier Jahren drei Selbstmordversuche, der gramerfüllte Vater nimmt sich gleich zu Anfang des Prozesses das Leben – ein Umstand, der ihr noch persönlich zur Last gelegt wird. Nach der Haftentlassung flüchtet sie nach Marokko, doch Jean, ihre letzte Liebe, verstößt sie, als sie ihm ihre Geschichte erzählt. Pauline setzt ihrem Leben 1963 endgültig ein Ende. Die Wucht dieses Schicksals erscheint, auch wenn einiges hier der Fantasie des Autors geschuldet sein dürfte, nicht von dieser Welt zu sein.
Thomas Laux

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