Hinter den Kulissen der Grande Nation
2007, PropylSen Verlag, ISBN10: 3549073127
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Rezension / Compte rendu:
Polemik statt Kritik: Sobecks Buch über Frankreich enttäuscht
"Comment peut-on être Persan?" - mit Staunen und Unverständnis begegnet der Besucher eines Pariser Salons einem der orientalischen Briefpartner in Montesquieus "Lettres persanes", und an dieses Symptom eines Kulturschocks denkt unwillkürlich, wer Alexander von Sobecks Frankreich- Buch liest, dessen Titel "Ist Frankreich noch zu retten?" so hohe Erwartungen weckt und dessen Text so bitter enttäuscht. Völliges Unverständnis für das Land, in dem der Autor als deutscher Fernsehkorrespondent arbeitet, zieht sich durch das Buch, dessen im Untertitel angekündigter Blick "hinter die Kulissen der Grande Nation" den neugierigen Leser eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nachbarland und nicht eine weitere der vielen schwärmerischen "Liebeserklärungen" an die "douce France" erwarten lässt. Tatsächlich muss der Topos von der Liebeserklärung jedoch auch in Sobecks Vorwort herhalten, und er gewinnt dadurch bedrückende Evidenz, dass es hier offenbar um enttäuschte Liebe geht, die bekanntlich bisweilen in Hass umschlägt: Wer nicht verinnerliche, dass Franzosen egoistisch seien, werde "nicht ernst genommen und wird anfangen, das Land und seine Bewohner zu hassen" (S. 138), auch wenn ein Spaziergang am "Atlantikstrand [sic!] in der Normandie versöhnt mit allem, was man an Frankreichs Hauptstadt hasst" (S. 198).
Weder Wickerts Gelassenheit noch Scholl-Latours analytische Schärfe, Münchhausens souveräner Blick auf die französische Geschichte oder Götzes spitze Feder zu französischen Affären – um nur einige der deutschen Bücher über Frankreich zu nennen – finden sich in Alexander von Sobecks Buch, das man wohl eher ein Pamphlet nennen muss. Offenbar hat der Autor Kerbers "Deutsche Anmerkungen zur französischen Frage" überbieten wollen, aber anders als die geistreichen und durch profunde Kenntnis geprägten Ausführungen Kerbers zeichnet sich Sobecks Text durch Häme aus, welche eine kritische Auseinandersetzung mit der "exception française" gar nicht zulässt. Über einige sachliche Fehler möchte man ja hinwegsehen (natürlich kann man Napoleons Kunstraubzüge geißeln, aber der Obelisk auf der Place de la Concorde gehört nun einmal nicht zu seinen Beutestücken, genausowenig wie die Pariser Commune 1848 ausgerufen wurde und die Corrèze ein Teil des Elsass ist ...). Aber die Gehässigkeit, mit der im schnoddrigen Ton des Boulevard-Journalismus ein ganzes Land verunglimpft wird, ist mehr als ärgerlich: "Die Hotelgruppe Accor ist ein wenig wie Frankreich: Keiner mag sie, noch nicht einmal die Franzosen, aber irgendwie kommst du daran auch nicht vorbei" (S. 175). Wer sich als Leiter des Pariser ZDF-Studios so über Frankreich äußert, hat sich selbst diskreditiert. Eine Analyse der französischen Gesellschaft und ihrer Eliten, des französischen Begriffs vom Primat des Politischen oder der Auffassung von der "Nation" findet nicht statt – dafür bekommt der Leser den wertvollen Ratschlag, dass aufs Land müsse, wer "nette Franzosen" kennenlernen möchte, denn Paris sei "in Wirklichkeit eine schmutzige, herzlose, anonyme, ja feindselige Großstadt" (S. 206). Es ist erstaunlich, dass ein Fernsehjournalist nicht mit Bildern und Symbolen umzugehen weiß: Unter der Fragestellung "Ist Frankreich eine Republik?" (ab S. 46) findet der Autor schnell eine abschließende Antwort, denn "tief in ihrem Herzen sind sie [die Franzosen] keine Republikaner. Sie sehnen sich nach Pomp und Gloria." Dass es in Frankreich ein anderes Verständnis von politischer Repräsentation geben könnte als in Deutschland – muss diese Andersartigkeit eigentlich nach den Kategorien "gut" oder "schlecht" beurteilt werden? –, kommt Sobeck nicht in den Sinn. Bei Ernest Renan oder Marc Bloch hätte er Erklärungen finden können, aber mit den intellektuellen Traditionen Frankreichs scheint er sich weniger auseinandergesetzt zu haben. Das einzige, was sich zu diesem Thema in seinem Buch findet, ist die etwas gönnerhafte Bemerkung, dass "es in Frankreich nun wirklich nicht an klugen Köpfen, Vorbildfiguren und Menschen, die Großes geleistet haben" (S. 312), mangele. Dass unmittelbar zuvor Napoleon mit Adolf Hitler gleichgesetzt und das eigene Unverständnis über die französische Napoleon- Verehrung zum Ausdruck gebracht wird, lässt sich indes wohl nur durch eine sehr eingeschränkte Sichtweise erklären. Und als nach den Dreharbeiten auf dem Flugzeugträger "Charles de Gaulle" das ZDF-Team mit einigen französischen Soldaten im Hafen von Abu Dhabi von Bord ging, war die Französische Botschaft mit der Organisation des Transfers zum Flughafen "heillos überfordert"; zum Glück "übernahm der Oberst das Kommando und wir die Verteilung auf die Busse" (S. 166).
Mit zunehmender Lektüre beschleicht den Leser der Eindruck, dass sich die Auseinandersetzung mit diesem Buch eigentlich gar nicht lohnt: Ob der Autor sich über französische Frauen ("Schlendern Sie mal durch Paris. Da begegnen Ihnen weibliche Gestalten, auf die Sie nachts auf keinen Fall im Dunklen treffen möchten […] es gibt auch die Charmanten, die Kecken, die Schlagfertigen, aber leider sind sie oft so hässlich, wie die Nacht finster ist", S. 325) oder die Englischkenntnisse der Franzosen äußert ("Spricht ein Franzose Englisch, dann ist er kaum zu verstehen, weil seine Betonungen so systematisch falsch plaziert werden, dass dieser Brei absolut kryptisch klingt", S. 292) – die Polemik ist so billig, dass man sich fragt, wie der Verlag dies hat akzeptieren können. Aber das Buch ist ein doppelter Skandal: Dass hier jemand, der auch als Fernsehjournalist ein großes Publikum erreicht, ein Land und ein Volk in Stammtisch-Manier herabwürdigt, ist das eine; umso ärgerlicher ist jedoch, dass der Autor die Kritik am französischen Nachbarn nicht auf Themen beschränkt, an denen sich der Stammtisch delektieren kann, sondern in gleicher Manier Gebiete anspricht, auf denen in den nächsten Jahren tatsächlich harte Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich zu erwarten sind und die einer seriösen Analyse der Gegensätze zwischen beiden Ländern bedürfen. Sobecks Darstellung der französischen Rolle bei der Gestaltung und Weiterentwicklung der Europäischen Union inklusive der Frage nach dem Beitritt der Türkei sowie auf dem Feld der Industriepolitik beschränkt sich auf Polemik gegen den Egoismus der Franzosen und die Naivität der deutschen Institutionen/Partner. Seitenweise werden vorgefertigte Dossiers zum Komplex Airbus und zum Thema der Unternehmensfusionen eingebaut, deren Quintessenz lautet: "Frankreich zuerst, ohne Rücksicht und ohne Respekt gegenüber den anderen Institutionen/Partnern" (S. 158). Dies ist im Kern sogar womöglich zutreffend, aber Repräsentanten der französischen Regierung und Industrie als "schleimige Wichtigtuer" (S. 156) zu beschimpfen, trägt wohl kaum zu einem vertieften Verständnis französischer Haltungen und Belange bei. Statt die Ursachen von Missverständnissen, ja Verstimmungen zwischen Franzosen und ihren europäischen Institutionen/Partnern zu analysieren und dem deutschen Leser die Augen über Frankreich zu öffnen, ja womöglich Perspektiven der Verständigung aufzuzeigen, wird die Kenntnis des Nachbarlandes eher durch das süffisante Erzählen von Skandalen und Skandälchen unter Beweis gestellt, bei denen Jacques Chirac als sklerotischer Greis mit dritten Zähnen, Jack Lang als "nicht totzukriegender Pausenclown" und Jean-Pierre Raffarin als Alzheimer-Patient bezeichnet werden; und dazu gibt es "absolute Geheimtipps" zu Restaurantadressen.
Nein, das Thema, hinter die Kulissen der französischen Gesellschaft zu schauen, hat einen anderen Autor und ein anderes Buch verdient. Die sozialen Spannungen, unter denen Frankreich leidet, die Schwächung der bürgerlichen Mittelschicht sowie das Phänomen der Parallelgesellschaften und des Kommunitarismus, die Frage der nationalen Souveränität in einem europäischen Kontext, die disparate Sicht auf die eigene Geschichte – kurz: all das, was Alain Peyrefitte vor über 30 Jahren als "Le mal français" bezeichnete und was sich inzwischen zu einem "mal européen", ja "mal occidental" entwickelt hat, ist zu wichtig, um in einem nach billigem Beifall heischenden und nahezu jedes negative Klischee bedienenden Ton abgehandelt zu werden. Zum Schluss weiß man gar nicht, was schlimmer ist: Die Widersprüche, die offenbar einem hastigen und unreflektierten Verfassen des Manuskripts geschuldet sind (so wird das französische System als "noch rückwärtsgewandter und reformunfähiger als das deutsche" bezeichnet, S. 349, und wenige Seiten später heißt es völlig ironiefrei: "Franzosen und Deutsche sind ein wunderbares Beispiel für den Rest der Welt", S. 355), oder der gehässige Tonfall, bei dem alles und jedes, was in Frankreich wahrgenommen wird, über den Kamm wohlfeiler Klischees geschoren wird: Frankreich, so resümiert Alexander von Sobeck nach 360 Seiten, "ist und bleibt eben eine kleine Bananenrepublik, und daran wird sich nichts ändern, egal, wer gerade regiert." Angesichts der – aus der Sicht des Autors – miserablen Zustände scheint sein Denken ständig um die Frage zu kreisen, wie man denn – frei nach Montesquieu – überhaupt Franzose sein könne. Letztlich ist das Buch doch von gewissem Interesse, nämlich als Symptom einer Überforderung und als Dokument eines Kulturschocks.
Clemens Klünemann



