Vier Jahrhunderte Geschichte und Literatur der Akadier.
2005, Synchron-Wissenschaftsverlag der Autoren, ISBN10: 3935025548
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Rezension / Compte rendu:
Frankreichs vergessene Kinder
Ingo Kolboom hat das Standardwerk zur "Acadie" vorgelegt. Zum ersten Mal überhaupt wird man hier umfassend in deutscher und teilweise auch in französische Sprache über Geschichte und Gegenwart der Akadier informiert. Kolboom widmet sich auf den ersten gut 300 Seiten der Geschichte Akadiens mit der ihm eigenen und dem Gegenstand angemessenen Empathie. Schon das Erscheinungsjahr dieses umfangreichen Buches war mit Bedacht gewählt. Es fiel auf den in Kanada erstmals 2005 eingerichteten nationalen Gedenktag, mit dem an die Vertreibung der französischsprachigen Akadier aus Nordamerika vor 250 Jahren erinnert wird. Dort, wo auf historischen Karten des 17. und teilweise noch des 18. Jahrhunderts "Akadien" eingezeichnet war, liest man heute die Bezeichnungen Neuschottland, Neubraunschweig und Prinz-Edward Insel. Lediglich im Namen des "Acadia National Parc" in Maine lebt (neben dem Distriknahmen "Acadiana" in Louisiana) der alte Begriff auch auf heutigen Karten fort. Lebendiger freilich ist das Fortleben der "acadiens" in den frankophonen Kanadiern selbst, die außerhalb Québecs leben und sich weiterhin als Akadier sehen, empfinden und bezeichnen. Sie stellen in Neubraunschweig immerhin noch 33,2 Prozent der Bevölkerung, in Neuschottland 3,9 Prozent und auf der Prinz-Edward-Insel 4,4 Prozent. Auch in Louisiana, dem Ende ihrer Odyssee nach der Vertreibung, ist das Französische dank der Cajuns, wie die Akadier hier genannt werden, weiterhin lebendig, vor allem in der Musik wegen des Cajun-Sounds und in der Gastronomie wegen der Cajun-Gerichte. Am Anfang stand die Gründung der französischen Kolonie Neufrankreich. Sie verdankte sich der Suche Frankreichs nach einem nördlichen Seeweg nach Indien und China. Die Eroberung Nordamerikas ging vom Sankt-Lorenz-Strom aus bis hin zu den Großen Seen, um sich dann aber nach Süden zu wenden, entlang dem Ohio und dem Mississippi. Anfang des 18. Jahrhunderts reichte Neufrankreich von den Tundren nördlich des Sankt-Lorenz bis zum Golf von Mexiko. Die konkurrierende Kolonialmacht England war hingegen von Florida aus nördlich der Westküste gefolgt. In Neuschottland prallten naturgemäß die Interessen beider Staaten unmittelbar aufeinander. In einem ersten Kapitel geht Ingo Kolboom dem wechselnden Schicksal der "Nouvelle France" als Spielball der Großmächte nach, wobei er nicht zuletzt die oft nur unentschlossene Unterstützung des Mutterlandes für seine nordamerikanische Kolonie als Grund für deren trotz aller Erfolge immer wieder sichtbar werdende Schwächung gegenüber den Engländern ausmacht. Die Abtretung der "Acadie" an England ist mit dem Ausgang des Spanischen Erbfolgekrieges definitiv besiegelt, obwohl die Grenzen des abzutretenden Gebietes zunächst unklar bleiben. London schafft jedoch rasch Fakten, indem es nach einer Zeit des Kalten Krieges zu nicht offiziell als solchen erklärten Kriegshandlungen übergeht.
Schon vor 1755 ist etwa ein Drittel der Akadier in andere Gebiete emigriert. 1755 befinden sich die restlichen 12 000 auf den überfüllten Schiffen, mit denen die Engländer wider alle Rechtsgrundsätze die gewaltsame Deportation vor allem an die amerikanische Westküste aber auch nach England durchführen, oder sie sind in die Wälder geflohen, wo sie auf Hilfe durch die traditionell mit Frankreich verbündeten Indianerstämme zählen können. In den nächsten Jahren erobern die Engländer dank großer zahlenmäßiger Überlegenheit auch die an Akadien anschließenden Gebiete, und am Ende des Siebenjährigen Krieges setzt der Pariser Vertrag von 1763 der französischen Kolonialherrschaft in Nordamerika bis auf minimale Reste definitiv ein Ende. Während man aber diesen Vertrag als normales Resultat der Auseinandersetzungen zwischen zwei um die Vormachtstellung in Europa und in der Welt ringenden Mächten verstehen kann, hat die Deportation der Akadier, bei der etwa ein Drittel von ihnen ums Leben gekommen ist, eine andere Qualität. Es handelt sich, so Kolboom, um einen ersten Fall von "ethnischer Säuberung", der bislang erstaunlicherweise noch nicht zu entsprechenden Wiedergutmachungsforderungen geführt habe.
Nach dem Vertrag von Paris ändert sich die Haltung Londons gegenüber den wenigen verbliebenen Akadiern. Sie werden nun ebenso wie die Canadiens in der "Province of Quebec" mit ihrer eigenen Sprache und Kultur geduldet – mit dem Ergebnis, dass sie sich an der Seite der Engländer amerikanischen Angriffen auf Kanada mannhaft widersetzen, während das Mutterland Frankreich die amerikanische Revolution militärisch unterstützt. Inzwischen kehren auch nicht wenige deportierte Akadier aus den verschiedensten amerikanischen Staaten wieder in ihre alte Heimat zurück, müssen aber feststellen, dass ihr Land in Neuschottland weitgehend an andere Siedler verteilt worden ist, so dass den meisten nur der Rückzug an die nördliche Küste von Neubraunschweig bleibt. Auch erhalten sie, anders als die Canadiens in Québec, keine eigenen Rechte, sondern bleiben eine religiös und sprachlich-kulturell diskriminierte Minderheit.
Besser erging es den Akadiern, die in Louisiana Zuflucht fanden. Hier konnten auch viele in Frankreich gestrandete und von den diversen französischen Ansiedlungsmaßnahmen zu Recht enttäuschte Akadier eine neue Heimat finden. Nach dem Verkauf von Louisiana durch Napoleon an die USA und vor allem dank der Assimiliation durch Medien und Schulen im 20. Jahrhundert verloren sie zwar vielfach ihre Sprache, aber sie bewahrten doch ihre Identität, wenn sie sie nun auch vorzugsweise in englischer Sprache buchstabierten. Während die Akadier in Frankreich weitestgehend dem Vergessen anheim fielen, waren es angloamerikanische Autoren wie Haliburton, Hawthorne und Longfellow, welche eine akadische Renaissance einleiteten. Longfellows Poem "Evangéline" wird gar zum nationalen Epos und zu einem Mythos, der zuletzt sogar Woodstock erreichen sollte. Die kulturell geprägte Renaissance wird begleitet vom Aufbau neuer Bildungseinrichtungen durch katholische Priester und der Schaffung intellektueller Netzwerke, die auf solchen Einrichtungen aufbauen. So konstitutiert sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Nation der Akadier in Nordamerika, die in den jeweiligen Landesinstitutionen zunehmend erfolgreich als Lobby auftritt und im 20. Jahrhundert ihr Selbstbewusstsein als unentbehrlicher Mosaikstein im vielfältigen Kulturgefüge Nordamerikas allenthalben bestätigt sieht – ein Wunder, so Kolboom, nach einer Geschichte grausamer Deportation und Dispersion über weite Gebiete Nordamerikas hinweg, aber ein Wunder, das sich nicht zuletzt der Fähigkeit verdankt, das Martyrium der eigenen Nation zur "Quelle einer geläuterten und gar übernationalen Identität" zu machen.
Im zweiten Hauptteil des Buches liefert Roberto Mann einen Abriss der akadischen Literatur (S. 325–356), deren Existenz erst durch die Verleihung des Prix Goncourt an Antonine Maillet für den Roman "Pélagie-La-Charrette" im Jahre 1979 erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde (er wurde 2002 unter dem Titel "Mit der Hälfte des Herzens" auch ins Deutsche übersetzt). Es folgt eine angesichts der spärlichen Präsenz akadischer Werke in Buchläden und Bibliotheken besonders verdienstvolle Anthologie der akadischen Literatur, und zwar in französischer Sprache, die den Zeitraum von 1606 bis 2005 umfasst (S. 357–790). Ob hier literarische Entdeckungen zu machen sind, muss jeder Leser für sich entscheiden. Interessant sind einige der hier abgedruckten Texte aber in jedem Fall allein schon wegen ihres dokumentarischen Wertes. Den können zweifellos auch die von Thomas Scheufer analysierten akadischen Filme beanspruchen.
Nützlich ist schließlich die Chronologie der Geschichte und der akadischen literarischen und filmischen Produktionen aus Akadien und Louisiana sowie die mehr als 40 Seiten umfassende Bibliographie, die zudem durch eine Fülle von Internetadressen ergänzt wird. Nicht unerwähnt bleiben soll auch der Nutzen des abschließenden Personenregisters. Schließlich sei hervorgehoben, dass die CD und die DVD nicht nur für den einzelnen Leser einen großen Informations- und Unterhaltungswert besitzen, sondern auch für Unterrichtseinheiten zum Thema "Acadie" höchst wertvolle Anregungen bieten. Alles in allem also eine fast unglaublich umfassende Darstellung zur "Acadie", welche die beiden Hauptautoren als Publikation des von Ingo Kolboom gegründeten und geleiteten CIFRAQS (Centrum für interdisziplinäre franko-kanadische und franko-amerikanische Forschungen Québec-Sachsen der Technischen Universität Dresden) in Zusammenarbeit mit der akadischen Université de Moncton (Neubraunschweig/Kanada) vorgelegt haben. Man kann diesem Buch nur wünschen, dass es nicht nur in den romanischen Seminaren zur intensiveren Beschäftigung mit diesem lange vergessenen und nun endlich ins Licht der Öffentlichkeit gehobenen französischen Thema anregen wird.
Johannes Thomas



