Aus dem Französischen von Matthias Grässlin
2009, C. H. Beck, München 2009, ISBN10: 3406584543
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2010
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Rezension / Compte rendu:
Der Preis der Souveränität
Groß war die Empörung, als gegen Ende der Präsidentschaft François Mitterrands publik wurde, dass der Sozialist jedes Jahr am Grab von Philippe Pétain einen Kranz niederlegen ließ. Noch größer allerdings war die Verwirrung, wurden doch bei vielen Franzosen die Koordinaten der politischen Orientierung dadurch völlig durcheinandergewirbelt: Der erste sozialistische Präsident der V. Republik und langjährige Hoffnungsträger der Linken huldigte dem Mann, der für den politischen Sündenfall schlechthin stand, nämlich für Kollaboration und Antisemitismus während der deutschen Besatzung. Die Klaviatur des Spiels mit scheinbaren politischen Gewissheiten, die von Mitterrand am Ende seines politischen Lebens so vielsagend und verwirrend beherrscht wurde, hat nach anfänglicher Irritation jedoch eine ganz neue Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Kollaboration und dem Symbolnamen Vichy ausgelöst; dabei wich die in Frankreich seit 1944 vorherrschende Selbstvergewisserung eines geschlossen gegen die Besatzer Widerstand leistenden Volkes einer differenzierten und selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.
Nachdem die französischen Historiker Philippe Burrin, Marc-Olivier Baruch und Simon Epstein das Phänomen Vichy im ernüchternden Licht der Ära nach Mitterrand analysiert haben und in deutscher Sprache inzwischen zahlreiche Untersuchungen zu einzelnen Aspekten der Besatzung und Kollaboration - etwa zur Rolle der Intellektuellen und zur Verantwortung für die Deportation der jüdischen Familien - erschienen sind, liegt jetzt in deutscher Übersetzung eine vor zwei Jahren erschienene französische Analyse der Jahre 1940 bis 1944 vor: In sechs Kapiteln beschreibt der Historiker Henry Rousso die einzelnen Entwicklungsphasen eines Regimes, das den meisten Franzosen nach der plötzlichen Niederlage gegen die Deutschen im Frühsommer 1940 als einzige Überlebensmöglichkeit erschien und das von eben denselben Franzosen vier Jahre später als der Inbegriff des Versagens von politischer und menschlicher Verantwortung erscheinen musste. Ob er über die Strukturen des Vichy-Regimes oder über die Strategie der Kollaboration schreibt, über die "charismatische Diktatur" des Verdun-Siegers Pétain oder über die Mitwirkung der französischen Miliz am Genozid - immer zeigt Rousso, inwiefern Pétain und seine Getreuen um jeden Preis die Aufrechterhaltung französischer Souveränität und damit die Kontinuität staatlicher Autorität anstrebten; und es wird deutlich, dass der große und 1940 noch ungehörte Gegenspieler des greisen Marschalls, nämlich Charles de Gaulle, dieses Ziel ebenfalls, jedoch mit ganz anderen Mitteln, verfolgte. Allerdings war die Gruppe um Pétain ebensowenig homogen wie der sich langsam aufbauende Widerstand gegen ihn und die deutsche Besatzung; aber während es de Gaulle gelang, den Eindruck einer als geschlossene Bewegung agierenden "Résistance" entstehen zu lassen, war Pétain den zentrifugalen Kräften seiner als "Nationale Revolution" bezeichneten Abkehr vom republikanischen Denken nicht gewachsen. Denn während die Pétainisten lediglich die Trias von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durch die traditionalistisch-altbackene Parole von "Arbeit, Familie und Vaterland" ablösen wollten, ergriffen in ihrem Umfeld fanatische Antisemiten wie Pierre Laval und René Bousquet die Chance zu einer politischen Karriere, aber auch "Rechtspositivisten" wie Maurice Papon, die als hohe Beamte vor und nach 1944 "nur ihre Pflicht" taten und den Anordnungen ihrer jeweiligen Vorgesetzten Folge leisteten, auch wenn sich diese auf die Deportation von Menschen in Vernichtungslager bezogen.
Während das Urteil der Geschichte, wie übrigens auch dasjenige der unmittelbaren Nachkriegszeit, über skrupellose Antisemiten wie Pierre Laval eindeutig war, taten sich die französischen Historiker wie auch die Öffentlichkeit jahrelang schwer mit der Verantwortlichkeit der Vichy-Administration. Es ist das Verdienst der Studie von Henry Rousso, den Preis des Anspruchs auf Souveränität und staatliche Kontinuität auch unter den Bedingungen der Besatzung zu zeigen; dieser Preis bestand und besteht in nichts Geringerem als in der Verantwortung für das, was in dieser Zeit und im formalen Herrschaftsbereich Vichys geschah.
Leider kommen in diesem übersichtlichen Buch manche Aspekte nicht zur Sprache, die der Autor in seiner bereits 1987 entstandenen (und nicht ins Deutsche übersetzten) Studie unter dem Titel "Le syndrome de Vichy" analysiert hat; dazu gehört die Frage, in welchem Maße die Jahre 1940 bis 1944 das kollektive Gedächtnis der Franzosen geprägt haben und bis heute prägen.
Als "Le syndrome de Vichy" erschien, ging René Bousquet, der einstige Chef der Polizei von Vichy, noch bei François Mitterrand ein und aus. Inzwischen hat Mitterrands Nachfolger Jacques Chirac als erster französischer Präsident die Verantwortung der Vichy-Administration eingestanden. Dass dessen Nachfolger, der derzeitige Präsident Nicolas Sarkozy, am 8. Mai 2008 das eigentliche Frankreich habe mit Vichy nichts zu tun ("La vraie France n'était pas à Vichy"), stellt dagegen einen Rückschritt dar und macht das jüngst erschienene Buch von Henry Rousso über Vichy um so wichtiger.
Den deutschen Lesern zeigt es neben vielen Details, dass "Vergangenheitsbewältigung" zwar ein sehr deutsches Wort, das damit verbundene Problem aber sehr wohl auch ein französisches ist.
Clemens Klünemann
La France de Vichy
Spécialiste de la seconde Guerre mondiale, l'historien Henry Rousso a publié de nombreux ouvrages sur Vichy, notamment son Syndrome de Vichy en 1987, une étude qui n'a pas été traduite en allemand.
A l'époque, l'ancien chef de la police de Vichy, René Bousquet, avait ses entrées chez François Mitterrand à l'Elysée. Au début des années 90, beaucoup croyaient encore en Allemagne que Vichy était un sujet tabou en France. Jacques Chirac sera le premier président français à reconnaître la responsabilité de l'administration vichyssoise.
La dernière synthèse d'Henry Rousso a été publiée en 2007, avant que Nicolas Sarkozy ne déclare l'année suivante que « la vraie France n'était pas à Vichy ». C'est cet ouvrage, paru dans la collection « Que sais-je ? », que les éditions Beck proposent en traduction pour faire le point sur la France pendant l'Occupation allemande de 1940 à 1944.
Ce n'est pas un livre sur l'Occupation, encore moins sur les Allemands - il s'agit bel et bien d'une analyse sur la France et l'attitude des Français. Né de la défaite militaire de juin 1940 face à l'Allemagne nazie, le régime de Vichy est en effet le reflet d'une France qui compte aujourd'hui cette époque comme une des plus sombres de son histoire.
Clemens Klünemann regrette dans son analyse l'absence de quelques aspects qui faisaient pourtant partie de son étude de 1987, notamment la question de savoir dans quelle mesure les années 1940 à 1944, qui ont été décisives pour l'ordre politique, économique, social et culturel du pays, ont marqué (et marquent toujours) la mémoire collective et la vie politique des Français.
Il rappelle l'indignation soulevée lorsque le public apprendra - après coup - que le premier président socialiste de la 5e République faisait déposer tous les ans une gerbe de fleurs sur la tombe du maréchal Philippe Pétain.
Réd.



