Der Fall Jacqueline Heusch und Herbert Ranft
2011, Bouvier, Bonn 2011, ISBN10: 3416033396
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2011
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Rezension / Compte rendu:
Ein Fall aus Frankreichs dunkelsten Jahren
Dies ist eine schier unglaubliche Geschichte, wie sie nur ein guter Autor erfinden kann. Aber der Fall der jungen Französin Jacqueline Heusch und des sich als Ingenieur ausgebenden Deutschen Herbert Ranft entspringt nicht dem phantasievollen Hirn eines Schriftstellers. Er gehört zu jenen vielen bis heute nicht aufgeklärten Merkwürdigkeiten, die während der vierjährigen deutschen Besatzung Frankreichs den Alltag im Schatten der Kollaboration begleitet haben.
Der Journalist Klaus-Peter Schmid, ein ausgewiesener Frankreich-Kenner, ist den Spuren dieser "liaison dangereuse" nachgegangen und dabei auf ein Geflecht von Lügen, Halbwahrheiten, Täuschungsversuchen und kriminellen Transaktionen gestoßen, das sich vermutlich nur unter den Bedingungen des Vichy-Regimes zwischen 1940 und 1944 entwickeln konnte. Es war die Zeit der "années noires", als die meisten Franzosen mit dem Sieg der deutschen Wehrmacht rechneten und sich durch Willfährigkeit gegenüber der Besatzungsmacht im Krieg einen bevorzugten Platz in einem unter deutscher Hegemonie stehenden Europa sichern wollten. In Paris begegnet 1942 die aus dem normannischen Elbeuf stammende 24jährige Jacqueline Heusch dem 17 Jahre älteren Herbert Ranft, der sich als Lebemann gibt und der unerfahrenen jungen Frau aus der Provinz sogleich imponiert. Jacqueline Heusch verliebt sich in den gut aussehenden Geschäftsmann, wird seine Sekretärin und Lebensgefährtin. Ungleicher könnte aber die Besetzung in dem nun rasant anlaufenden Stück kaum sein. Jacqueline kommt aus einer bürgerlichen Familie, hat das Studium geschmissen und sich dilettantisch in der Schauspielerei versucht. Ranft, ein Hallodri wie er im Buche steht, hat die Jahre vor dem Krieg unter wechselnden Identitäten als Geschäftemacher und Spion für das Amt Canaris gearbeitet. Die Franzosen stecken ihn ins Gefängnis, aus dem er erst freikommt, als die Deutschen das Land besetzen. Jetzt läuft Ranft, der nach Einschätzung von Klaus-Peter Schmid das "Temperament eines Spielers" hat und immer wieder "unverfroren seinen Lebenslauf fälscht", zur Hochform auf. Er erobert für sich den Schwarzmarkt, häuft ein Vermögen an, sammelt Kunstschätze, wertvolle Gemälde, kauft Immobilien – und schenkt seiner Geliebten obendrein ein Theater in Paris, mit dem Jacqueline Heusch allerdings nicht viel anzufangen weiß und dessen Betrieb zum Flop wird. Herbert Ranft konnte mit seinen vielfach undurchsichtigen Geschäften offenbar nur so erfolgreich sein, weil das Florieren des Schwarzmarkts von den Deutschen begünstigt wurde, die sich zudem an den Kunstschätzen der Pariser Juden bereicherten, bevor sie die Besitzer in die Vernichtungslager deportierten. Inwieweit auch jemand wie Ranft an dieser brutalen Form der Arisierung beteiligt war, lässt sich allerdings nicht mehr ermitteln. Klaus-Peter Schmid hat jedenfalls alle erreichbaren Informationen über die Praktiken und das Vermögen von Ranft akribisch recherchiert und zusammengetragen. Vor allem aber hat er es verstanden, den Fall Heusch/Ranft in die historischen Zusammenhänge der Okkupationsjahre einzuordnen. Und hier kommt dann eine hochmoralische Komponente ins Spiel. Als Paris befreit wird, die Deutschen das Landräumen müssen, macht sich auch der Kriegsgewinnler Herbert Ranft aus dem Staub. Er geht nach Lateinamerika, macht dort wieder Geschäfte, bleibt aber in Verbindung mit seiner Jacqueline, die sich durch die Heirat mit einem ehemaligen Résistance-Führer vor der Rache ihrer Landsleute wegen der Verbindung mit einem Deutschen in Sicherheit bringt. Der Fall ist ebenso tragisch wie verzwickt. Denn Ranft und Jacqueline können auch aus der Entfernung nicht voneinander lassen. Es scheint so etwas wie eine Hassliebe gewesen zu sein, bei der Jacqueline sich im Vorteil befindet, weil sie über den größten Teil von Ranfts Vermögen verfügt und seine Forderung nach Rückgabe einfach ignoriert. Als Ranft, der sich nach seiner Flucht laut spanischem Pass inzwischen Juan Bertran-Raventos nennt, in einer Genfer Klinik an einem Herzinfarkt stirbt, lässt sich seine wahre Identität nicht mehr feststellen. Auch seinem Vater – Otto Ranft – gelingt es nicht, die Schweizer Behörden davon zu überzeugen, dass es sich bei dem Toten um seinen Sohn handelt. Jacqueline Heusch hat sich derweil von ihrem Mann getrennt und lebt zurückgezogen auf dem warmen Polster eines Vermögens, für das sie keinen Finger krumm gemacht hat. Jenseits der sechzig erkrankt sie an Krebs, sucht einen protestantischen Pfarrer auf und bittet ihn, dafür zu sorgen, dass "ihr" Vermögen an das Deutsch-Französische Jugendwerk geht. In ihrem Testament erklärt sie zur Begründung, das Vermögen solle einer Institution zukommen, die sich für die deutsch-französische Verständigung einsetze. Aber ganz so harmlos, wie sie sich hier präsentiert, kann Jacqueline Heusch am Ende nun doch nicht gewesen sein. Dass sie unter der Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen besonders gelitten habe, wie sie zu insinuieren versucht, wird von Klaus-Peter Schmid rundherum ins Reich der Fabel verwiesen. Das Scheitern ihrer großen Liebe sei vielmehr auf die "unvereinbaren Charaktere", ihre beiderseitige Untreue und Unehrlichkeit, ihren Egoismus und ihre Maßlosigkeit zurückzuführen. Ihr früherer Liebhaber hatte ihr zwar schon 1946 brieflich "die Mentalität einer Diebin" vorgeworfen. Aber in Wahrheit sind sich wohl beide gegenseitig kaum etwas schuldig geblieben. Allerdings blieb auch nach der Testamentseröffnung die Frage nach einer schuldhaften Verstrickung von Jacqueline Heusch unbeantwortet. Das Deutsch-Französische Jugendwerk jedenfalls hat das Millionengeschenk der Erblasserin dankbar angenommen. Offenbar aber hat sich niemand dafür interessiert, wie die Übertragung von Ranfts Vermögen in den Besitz von Jacqueline Heusch vonstattengegangen ist. Irgendein Beleg, der die Legalität hierfür bezeugen könnte, wurde jedenfalls nie gefunden. Beim Deutsch-Französischen Jugendwerk haben die seinerzeit Verantwortlichen großzügig über derlei Mängel hinweggesehen. Andererseits ist es natürlich möglich, dass Jacqueline Heusch nach dem Scheitern ihrer Ehe und dem Tod ihrer großen Liebe tatsächlich Gewissensbisse wegen des Millionenerbes bekommen hat, das ihr da in den Schoß gefallen war. Jedenfalls, so weiß Klaus-Peter Schmid zu berichten, sollen zum Todestag von Bertran-Raventos alias Herbert Ranft jahrelang frische Blumen auf seinem Grab gelegen haben. Aber ungeklärt ist auch das Schicksal von mehreren Kunstwerken (darunter ein echter Cézanne), die in der Vermögensliste erwähnt sind, aber nie wieder auftauchen. So liest sich diese Geschichte von den Gaunereien eines deutsch-französischen Liebespaars in dunkler Zeit auch so spannend wie eine turbulente Krimi-Komödie, deren Ausläufer noch bis in unsere Tage hinein ragen. Was aber bleibt, ist der Eindruck, dass sich im Grunde alle Akteure in dieser Affäre eines guten Gewissens nicht rühmen können.
Wolf Scheller
Un testament douteux
Une enquête minutieuse sur un jeune française et un ancien espion allemand. A la mort du mari, la veuve hérite d'une fortune acquise pendant l'Occupation et qu'elle décide de léguer en 1984 en faveur de l'amitié franco-allemande.
Réd.



