Chronik meiner Straße

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Honigmann, Barbara
2015, Hanser, München, ISBN10: 3446247629

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2015 

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Rezension / Compte rendu:
Prekäre Heimat

Vor fast drei Jahrzehnten emigrierte Barbara Honigmann aus Ost-Berlin nach Straßburg und wohnt seither in einer Straße, die sie nur für ein Durchgangsquartier hielt. Hässlicher "Altneubau aus den späten fünfziger Jahren" und die vielen "Betonklötzer" erinnern sie an die DDR, in der sie aufgewachsen ist – doch die "Straße des Anfangs und des Ankommens", von der nicht nur die Erzählerin, sondern auch andere Bewohner meinten, sie würden sie bald verlassen, um in eines der ruhigeren Viertel zu ziehen, "in deren Häuser nur zwei, drei Parteien wohnen, Häuser, die von kleinen oder größeren Gärten umgeben sind und in der Nähe von Parks liegen oder des Europa-Parlaments, oder aus deren Fenster man einen Blick auf die Kathedrale hat."
Bleiben wollte sie also nicht, aber dann hat es sich so ergeben, ihre Söhne sind hier aufgewachsen, sie hat Bücher geschrieben und Bilder gemalt. Beziehungen sind entstanden und auseinandergegangen. Nachbarn sind ein- und ausgezogen oder gestorben, darunter mehrere jüdische Ehepaare und Witwen. Manche dieser Nachbarn, Freunde und Bekannten werden in der "Chronik" genauer beleuchtet, etwa Frau Kertész, eine Jüdin, die Auschwitz überlebt hat und nach dem Ungarn-Aufstand mit ihrer Familie nach Straßburg geflohen ist; oder ein deutsch-marokkanisches Paar, das gutgelaunt einzieht und tragisch endet. Viele der älteren jüdischen Freunde ringen jahrelang um eine Entschädigung wegen ihrer Verfolgung, wobei sich die Autorin hilfreich betätigt. Erzählt wird auch von dem jüdischen Ehepaar Boris und Alexandra, das zunächst „meschugge fromm“ ist und dann fanatisch zum Christentum konvertiert.
Und wer wohnt noch im Revier? Im Erdgeschoss mitunter chinesische Studenten und im Nachbarhaus Kirgisen oder sind es vielleicht eher Kasachen? Rundherum immer neue junge Leute, die in sozialen Wohnbauten ihre WGs betreiben, rauchend auf Balkonen stehen und Musik aufdrehen. In der Straße des Anfangs werden Lebensmittelläden und Werkstätten von Türken und Kurden betrieben, den Waschsalon führt zunächst eine Portugiesin, dann eine Iranerin. Es herrscht ein Kommen und Gehen, viele Sprachen lassen sich vernehmen – Vermischung gibt es wenig, die Ethnien bleiben unter sich. Fast alle tragen „irgendeine verlassene Heimat mit sich herum“, eine Heimat, „die sie freiwillig oder unfreiwillig verlassen haben, die sie verklären oder verabscheuen“. „Richtige Franzosen“ gibt es kaum, aber die Gestrandeten aus aller Welt geben sich Mühe, französische Umgangsformen anzunehmen. Doch außer bonjour und bon après-midi werden wenig Worte gewechselt. Indem die Erzählerin einen Boulevard beschreibt, tritt die Welt in Erscheinung – und über dieser schwebt eine fremde Atmosphäre. Auch wenn sie manchmal nach Ost-Berlin zurückkehrt (in Weißensee liegt ihr Vater begraben), meidet sie die Gegend, in der sie einst gelebt hat. Sie kommentiert mit Montaigne: „Es ist schmerzlich, an einem Ort sich aufhalten zu müssen, wo alles, was unseren Blick erreicht, uns angeht, uns betrifft.“ Die Heimat kann verstummen, wie ein Gespräch. Das Zuhause ist nun die Straße des Anfangs.
Cornelia Frenkel-Le Chuiton

Chronique d'une rue
L'ouvrage de la romancière et artiste Barbara Honigmann, Chronik meiner Straße, décrit une rue de Strasbourg, dans laquelle elle a habité après avoir quitté l’Allemagne de l’Est en 1984. Un livre de souvenirs et de portraits.
Réd.

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