Der Körper meines Lebens

Originaltitel: Journal d'un corps

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Pennac, Daniel
2014, Kiepenheuer & Witsch, Köln, ISBN10: 3462046195

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 2/2014 

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Rezension / Compte rendu:
Körperfixiert

Wer 75 Jahre lang ein Journal führt, belegt damit womöglich eine exorbitante, viel Selbstdisziplin erfordernde und durchaus auch hoch anzusiedelnde Leistung; es kann aber auch bedeuten, dass da jemand eine introvertierte Nabelschau betreibt und viel narzisstischen Kleinkram verwaltet. Daniel Pennac, der hierzulande vor allem durch seine Malaussène-Krimis bekannt geworden ist und in diesem Jahr 70 wird, bedient mit seinem neuen Roman deutlich die letztere Lesart. Er leiht einem fiktiven Tagebuchschreiber das Wort, zwölf Jahre ist der von vorneherein etwas altklug wirkende Junge im Jahre 1936 am Anfang seiner Aufzeichnungen. Wir erleben zunächst den Pfadfinder, der seiner Ängste nicht Herr wird – wie Angst überhaupt sich als ein Grundmotiv erweisen soll. Dass der Pubertierende bald in einer Art naiv-staunendem Naturalismus seine körperlichen Veränderungen registriert, mag man noch als Übergangsphänomen hinnehmen, das seinem jungen Alter geschuldet ist. Bald
aber wirken die vielen Beschreibungen intimster Vorgänge einfach nur unappetitlich, und Pennac degradiert den Leser zum Voyeur. Formal fällt dabei auf, dass jeder Eintrag nicht nur mit dem zugehörigen Datum, sondern auch sehr bürokratisch mit der Wiedergabe des genauen Alters versehen ist, z. B. "56 Jahre, 9 Monate, 27 Tage", was pedantisch anmutet. Aller Registriereifer dient dazu, noch die unbedeutendsten Veränderungen des eigenen Körpers festzuhalten. Das mündet schließlich in unverhohlenem Solipsismus; kein noch so interessantes gesellschaftliches oder politisches Thema wird auch nur ansatzweise gestreift. Ab einem gewissen Alter, ab der sogenannten "Mitte des Lebens", geht es, wie kaum anders zu erwarten, um Krankheiten und Gebrechen: Gürtelrose, Sehschwäche, Tinnitus, Allergien, Diabetes, Prostata, Nierenversagen, Krebs – Pennac lässt nichts aus. Bezeichnend, dass am Ende des Buches ein Register angefügt ist, in dem alle erwähnten Krankheitssymptome nochmals von A bis Z mit der entsprechenden Seitenzahl im Text aufgelistet sind. Dieses gesamte "Tagebuch" steht literarisch auf schwachen Füßen und ist in seiner Aufdringlichkeit eher ein Ärgernis.
Thomas Laux

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Der Körper meines Lebens