Landauer Schriften zur Kommunikations- und Kulturwissenschaft
2003, Knecht Verlag, ISBN10: 3930927780
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Rezension / Compte rendu:
Neue Ansätze zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit
Der Sammelband "Zwischen Regionen", erschienen in den "Landauer Schriften zur Kommunikations- und Kulturwissenschaft", verblüfft, belehrt, und bestätigt in mehrerer Hinsicht. Hervorgegangen ist dieser Band aus der Forschungsinitiative "Interregionalität" der Universität Landau. Er führt die Fruchtbarkeit interdisziplinären Arbeitens erneut vor Augen und verweist eindringlich auf das, was in der wissenschaftlichen Praxis immer wieder in den Hintergrund gerät: Sorgfältiges disziplinäres Verorten ist die Voraussetzung für Interdisziplinarität. Der Band fasziniert mit der Systematik, logischen Stringenz und forschungspraktischen Tauglichkeit seiner theoretischen, methodischen und forschungsstrategischen Ausarbeitungen und erschließt dem Leser das Potenzial eines Konzeptes der Interregionalität (Peter Schmitt-Egner, S. 17-47). Er öffnet den Blick für disziplinspezifische Fragestellungen, Herangehensweisen und Erkenntnisse zum Zusammenleben in der Oberrhein-Region und erlaubt Schlussfolgerungen sowie konstruktives Fragen für andere Grenzregionen, etwa im Bereich Frankfurt/Oder und Slubice.
Im Vorwort erklärt Christine Baumann, MdL, warum PolitikerInnen, die die Vision von einer Oberrhein-Region ohne Grenzen verfolgen, derartige Forschungsprojekte benötigen und in welchen Arbeitskontexten deren Ergebnisse unmittelbar zum Tragen kommen: Im zunehmend grenzüberschreitenden Alltagsleben behindern "Grenzen in den Köpfen", bremst die "vermeintliche Macht des Faktischen" (S. 8) und bedarf es sprachlicher Kompetenzen, - ebenso bei Kooperationen von Unternehmen wie etwa beim grenzüberschreitenden Umweltschutz. Daher wurde 1997 das Beratungs- und Koordinationsorgan Oberrheinrat, der Conseil Rhénan gegründet, in dem Parlamentarier aus Landtagen, Räten, Kantonsparlamenten und Kommunen konkrete Fragen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit erörtern und fördern.
Der Herausgeber des vorliegenden Bandes Hans H. Reich, seit Jahrzehnten auf dem Gebiet der interkulturellen Bildung tätig, schildert in seiner Einleitung eindringlich, wie heute neben "offenkundigen Fortschritte(n) in Kommunikation, Kooperation und Mobilität, [...] auch plötzliche Hemmnisse, übersehene Differenzen, latente Probleme" (S. 11) zutage treten. Wissenschaft soll und kann hier taugliche Begriffe, methodische Instrumente und theoretische Rahmen für genaues Hinschauen sowie systematisches Analysieren und Erschließen von einstellungsbildenden sowie handlungswirksamen Modellen bieten. Peter Schmitt-Egner kann Ergebnisse langjähriger interdisziplinärer Europäischer Regionalforschung präsentieren. Kern seines "transdisziplinären" Regionskonzeptes ist die Integration der beiden ursprünglich konkurrierenden Kategorien von Raum und sozialen Systemen, von holistisch-substanziellen und soziologisch-konstruktivistischen Konzepten. Welch differenzierte Betrachtungs- und Handlungsperspektiven dies eröffnet, zeigen fünf Bezugsfragen und Kategorien: Verhältnis Region/Umwelt (außen), Region als Handlungsraum (innen), regionales Programm (Zweck und Ziel), regionale Kompetenz (Mittel), Region als Handlungseinheit (Akteur/e). Und tatsächlich: In der darauf aufbauenden "Typologie der Region als methodischer Schnittstelle zwischen Theorie und Empirie" mit ihren "horizontalen" und "vertikalen Basistypen" finden etwa Spezialisten für Interkulturelle Kommunikation (sei es in der Jugendbegegnung, sei es in Verwaltung und Wirtschaft) ein stringent ausgearbeitetes, höchst taugliches Instrument zur präzisen Verortung kulturell bedingter Unterschiede und Verstehensprobleme ("critical incidents"). Mit seiner Differenzierung alter, neuer und postmoderner Regionalismen, seinen Perspektiven auf Handlungsfelder und Kooperations-Prinzipien stellt Schmitt-Egner Anwendungsbezüge im Sinne konstruktiver, variabler Parameter her. Drei weitere Beiträge aus den Geowissenschaften, der Politikwissenschaft und der Psychologie führen uns in das theoretisch-methodische Potenzial ihrer Disziplinen zum Thema Interregionalität ein. Auch in den Geowissenschaften finden wir die Integration ehemals getrennter, oft konkurrierender, physisch-geographischer Sichtweisen auf der einen Seite und kultur/sozialwissenschaftlicher Sichtweisen auf der anderen Seite. Heinz Fischer stellt mit der Wahrnehmungsgeographie die "wohl jüngste Teildisziplin der Geographie" vor. Mit ihrer Hilfe sei erst noch zu ergründen, ob es sich bei der Oberrhein-Region um eine oder zwei Regionen handele, mit der Erstellung von "mental maps", lassen sich "Schlüsse über zukünftige Dynamiken interregionaler Prozesse" und ihrer "Faktoren" ziehen.Wie die anderen Autoren verweist Siegmar Schmidt auf die Vielfalt der Ansätze in seiner Disziplin. In der Politikwissenschaft lassen sich - idealtypisch natürlich - zumindest vier Perspektiven auf den Gegenstand Regionen in Europa unterscheiden: Integrationsforschung, Regionalforschung, Netzwerktheorie und Internationale Beziehungen. Näher bekannt macht er uns mit der Integrationsforschung sowie dem Netzwerkansatz und nennt gute Gründe für ihre Kombination.
Die Psychologie, zeigen uns Christoph Schneider, Marco Franze und Konrad Daumenlang, beschreibt mit "Konstrukten" ihre begründeten Annahmen über psychische (für uns wichtig: handlungsleitende) Dimensionen möglichst exakt und macht sie einer systematischen empirischen Erforschung zugänglich. Vermittels multiperspektivischer Datenerhebungen und -analysen zum Konstrukt "regionale Identität" kann sie Aussagen über die Qualität von Kooperationen, über das "Umdeuten von Lebensräumen" machen. Der Sammelband überrascht mit einem höchst anregenden Beitrag von Hartwig Scheinhardt zur "grenzüberschreitenden Mobilität der türkischen Zuwanderer, der es erlaubt, ihre Einwanderung als integratives Element zu würdigen" (S. 165-171). Dieser kleinste der fünf kulturwissenschaftlichen, materialbezogenen Beiträge des Sammelbandes thematisiert die bewegte Demographie der Oberrheinregion und die grenzüberschreitende "funktionstüchtige Welt der türkischen Einwanderer" mit ihren Implikationen für die Rolle der türkischen Sprache und das Selbstwertgefühl ihrer Sprecher. Isabelle Bohn, Heinz-Helmut Lüger, Thomas Rist und Patrick Schäfer analysieren ihrerseits aus der Sicht der kulturwissenschaftlichen Romanistik alte und neue Denkmuster sowie kulturelle Praktiken. Selbstredend spielen dabei regionale Legenden und Bräuche eine gewichtige Rolle, außerdem die regionalen Medien, die sie abbilden und (sic!) konstruieren. Besonders interessant wird der Beitrag dort, wo er dies etwa am Beispiel eines grenzüberschreitenden Musikfestivals und der nachfolgenden unterschiedlichen Berichterstattung dies- und jenseits der Grenze erarbeitet und dabei Methoden der Textanalyse mit denen der teilnehmenden Beobachtung kombiniert. Jacqueline Breugnot berichtet von einem Forschungsprojekt, dass sich mit Ängsten vor beziehungsweise problematischen Erfahrungen mit kultureller und politischer Dominanz in Grenzregionen befasst und "Möglichkeiten aufzeigen will, mit Hilfe von Austauschbeziehungen Barrieren zu überwinden". Den Leser bestätigt (weil ähnliche Konflikte und Vermeidungsstrategien aus dem Bereich der Fremdsprachendidaktik bekannt sind) und erstaunt (in ihrer Deutlichkeit) die Vorwärtsverteidigung von Annette Kliewer, sie wolle sich mit ihren Ausführungen zur Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik auf die deutsche Situation beschränken und sich keinesfalls in französische Konzepte "einmischen". Gerade vor diesem Hintergrund sind ihre Ausführungen zur (intrakulturellen!) Veränderung literarischer Perspektiven, zur Veränderung ihrer Bewertung in der Literaturwissenschaft lehrreich, zeigen sie doch, dass es "die beste" Herangehensweise gar nicht geben kann. Außerdem können Spezialisten für Interkulturelles Lernen hier neue Einsichten zur notwendigen Verortung und Verräumlichung des Eigenen gewinnen.
Astrid Ertelt-Vieth



