2014, Piet Meyer, Bern/Wien, ISBN10: 3905799308
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Rezension / Compte rendu:
Henri Michaux: Striche statt Worte
Henri Michaux (1899–1984) gehört eindeutig zu der Kategorie jener Menschen, die von Natur aus gleich zwei künstlerische Talente haben. Bereits in den 1920er-Jahren fing er parallel zu seiner Schriftstellerei an zu malen, eine Tätigkeit, mit der er auch erhoffte, Geld zu verdienen. In dem gerade erschienenen Buch Zeichen. Köpfe. Gesten. (im Original: Emergences – Résurgences, 1972), in dem zu den vielfältig abgebildeten Tuschezeichnungen und Aquarellen gleich auch der Ansatz einer eigenen hermeneutischen Theorie mitgeliefert ist, kann dieses Doppeltalent ein ums andere Mal bewundert werden.
Er male, um sich "zu dekonditionieren" – so die Losung gleich zu Anfang der Aufzeichnungen und wohl auch als Hinweis gedacht für alles Weitere. Sein Werk ist eine ununterbrochene Reise bzw. Expedition ins Unbekannte, Unerschlossene, ein Trip unter den Auspizien individueller Freiheit. Seine Gedichte, seine imaginären oder tatsächlich unternommenen Reisen (nach Asien vor allem), und schließlich seine Malerei erkunden das Feld der Zeichen, durchstreifen fremde semiotische Räume. Im vorliegenden Buch wird schon fast überdeutlich für die Möglichkeiten der Malerei optiert, einmal entfährt ihm sogar ein harsches "Nieder mit den Worten" – was man vielleicht nicht ganz so ernst nehmen sollte. Zur "Linderung", und man darf das durchaus als persönlich-therapeutischen Ansatz verstehen, tauge ihm die Malerei mehr als das Schreiben, an einer Stelle ist auch deutlich von "Befreiung" die Rede. Bekannterweise experimentierte Michaux immer wieder mit Drogen –Meskalin vor allem – und stellte diese Erfahrung konsequent in den Dienst seines Schreibens; dies geschah aber ebenso, wenn er zum Pinsel griff, einige der im Buch abgebildeten Gouachen oder Aquarelle sind explizit unter Drogeneinfluss entstanden, wobei Michaux die dabei auftauchenden Probleme oder Ambivalenzen nicht außer Acht lässt. So spricht er von "Erschütterungen" und von den "verwüstenden und erleuchtenden Zuständen psychedelischer Erfahrung": er registriert beinahe mit Erstaunen, wie seine Weltanschauungen jäh zu zerbröseln beginnen. Seine abstrakten Bilder sind einer zeichnerischen "écriture automatique" unterworfen, er selbst spricht von einer "blinden Erkundung" – es ist ein fast kindlich-naiver Ansatz –, wenn er den Pinsel ansetzt und die Linienführung quasi sich selbst überlässt, womit jedwede Bedeutung oder Interpretation zunächst einmal nachgeschaltet ist. Vor allem, sagt er, gehe es darum, nicht etwas zu produzieren, was bereits existiere. Die meisten der im Buch auftauchenden Bilder kommen im Übrigen auch ganz ohne Titel aus, wodurch ein semantischer Bezug freilich nicht außer Kraft gesetzt ist; mitunter hat man auch den Eindruck dreidimensionaler Landschaften. Ein Bild, es geht über zwei Buchseiten, heißt Schlacht, die Linienführung ist vage, das Ineinander der Farbkleckse, ein chaotisches, apokalyptisches Gewirr sich verdichtender Knäuel und Flecken, suggeriert hohe Dynamik und ist dabei doch kompletter Kontingenz unterworfen. Keine Frage: hier ist das Unbewusste, vielleicht auch das Albtraumhafte, sich selbst überantwortet, in dieser künstlerischen Konzentration aber wirkt es schlichtweg einmalig.
Thomas Laux
Peintre et poète
A l’occasion du 30e anniversaire de la mort de l’écrivain, poète et peintre d’origine belge Henri Michaux (1899-1984), son ouvrage Emergences – Résurgences, paru en France en 1972, est traduit en allemand.
Réd.



