Häresie, Kreuzzug und Inquisition im Languedoc
2012, Philipp Reclam jun.,Stuttgart, ISBN10: 3150107652
Dieses Buch jetzt bei Amazon.de ansehen
Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 4/2012
Voir ce livre sur Amazon.fr
Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 4/2012
Rezension / Compte rendu:
Kreuzzug und Inquisition
Bauernopfer im hochmittelalterlichen Machtkampf
Das Phänomen des Katharismus wird wieder aus historischer Perspektive in den Blick genommen und aus den Instrumentalisierungen gelöst, welche das Unverständnis für eine ferne und fremde Zeit zu kompensieren suchen.
Der Mediävist Arno Borst hatte Anfang der 1950er-Jahre im bekanntesten deutschsprachigen Buch über die Katharer den Blick auf eine Welt und auf eine Epoche eröffnet, die als Orientierung in einer nach Maßstäben suchenden Zeit dienen konnte: "Erst während der Auseinandersetzung mit
den Katharern entschied sich Europa mit allen guten und bösen Konsequenzen zu einem bis heute wirksamen Gesetz, dass die hiesige Welt eine Aufgabe und ihre Bewältigung der Daseinsgrund der Menschen sei." Erst durch das Mitte der 1970er- Jahre erschienene Buch Montaillou des Historikers Emmanuel Le Roy Ladurie, der die Akten der Inquisition als Quelle nutzte, um im Sinne der "microhistoire" eine Nahaufnahme eines mittelalterlichen Pyrenäendorfes zu machen, änderte sich der Blickwinkel und die Katharer erschienen nun als Opfer gnadenloser Unterdrückung. Das populärwissenschaftliche Werk Spuren der Besiegten (1984) von Helmut Haasis trug zu dieser Wahrnehmung ebenso bei wie das kolportierte Wort des 1209 am Kreuzzug gegen die Katharer teilnehmenden Zisterzienserabts Arnaud Amory, der die entfesselte Soldateska aus dem Norden bei der Einnahme von Béziers anpeitschte mit den Worten: "Tötet sie alle, Gott wird die Seinen schon erkennen!" Wie sehr das Schicksal der Katharer einem wiedererstarkenden Regionalbewusstsein im immer noch zentralistischen Frankreich nützlich ist, lässt sich auf jeder Reise durch das Pyrenäenvorland deutlich erfahren: Das okzitanische Kreuz auf der Tolosaner Place du Capitole oder an den meisten Ortseingangsschildern spricht hier die gleiche Sprache wie der mystische Hauch, der mittelalterliche Ruinen wie Quéribus oder Montségur auf den schroffen Felskegeln der nördlichen Pyrenäenausläufer umweht. "Der Südwesten hatte der Dominanz aus dem Norden immer schon etwas entgegenzusetzen", lautet die Botschaft, in die sich ein von Opferbewusstsein nicht unfreier Protest gegen den Zentralstaat mischt. Michel Roqueberts 1991 in Frankreich erschienene Histoire des Cathares und jetzt auf deutsch vorliegende Geschichte der Katharer ist ein umfassendes Kompendium, welches das Thema in den Zusammenhang der Kreuzzüge stellt und die Katharer zutreffend zwischen den machtpolitischen Fronten ihrer Zeit betrachtet. Ihre "dualistische Häresie" wird von Roquebert als Protest gegen die kirchliche Dogmatik gedeutet; gleichzeitig komme dem Katharismus besondere Bedeutung für die Entstehung des absolutistischen Königtums zu. Pikant ist, dass die politische Komponente letztlich die theologisch-religiöse Deutung – und damit das Selbstverständnis des Katharismus – aufhebt, insofern nämlich, als der Kreuzzug gegen den okzitanischen Süden, wie übrigens jeder Kreuzzug des hohen Mittelalters, als machtpolitisches Agieren mit lediglich pseudoreligiöser Verbrämung dargestellt wird. Gegen den Vorwurf der Vereinfachung weiß Roquebert sich jedoch überzeugend zu verwahren, indem er das enge Geflecht zwischen weltlicher und geistlicher Macht – nein, nicht entwirrt, denn es war im 13. Jahrhundert nicht zu entwirren und die Sphären waren nicht wie in einer modern- säkularen Gesellschaft formal zu trennen –, sondern als Quelle der Verwirrung und der Missverständnisse zeigt, die bis heute die Wahrnehmung des Verhältnisses von Religion und Politik trüben. Als Schlüsselereignis interpretiert Roquebert den Vertrag von Paris vom 17. April 1229, in dem Raymond VII. gezwungen wird, die Ketzer zu verfolgen, anzuzeigen und zu bestrafen; der Graf von Toulouse wurde verdächtigt, mit den Katharern zu sympathisieren und stellte somit eine doppelte Bedrohung dar: Für König Philippe Auguste und seinen Nachfolger Louis VIII hätte die Duldung der Katharer neben der Bedrohung des Königreichs durch die Plantagenet eine weitere Schwächung bedeutet, denn Raymond wollte die Unabhängigkeit von der Krone und im Languedoc ein eigenes Reich errichten. Für das Papsttum hingegen galten die Katharer als Häretiker und Verräter des katholischen Dogmas; vor allem Innozenz III., aber auch seine Nachfolger Honorius III. und Gregor IX. verdammten die katharische Lehre – wohl nicht nur aus theologischen Gründen, sondern auch, weil sie sich in heftigen Auseinandersetzungen mit Kaiser Friedrich II. befanden und im französischen König ein Gegengewicht aufzubauen wünschten: Indem sie die Katharer als Häretiker verurteilten, verschafften sie dem französischen König einen perfekten Vorwand zum Kreuzzug gegen den okzitanischen Süden – und sich selbst einen dankbaren Bundesgenossen gegen den übermächtigen Kaiser des Deutschen Reichs. Roquebert deutet die Katharer als Figuren auf dem Schachbrett der großen Politik, und er zeigt, wie sie schließlich zum Bauernopfer der im Hochmittelalter miteinander konkurrierenden Machtansprüche wurden. Dabei zeichnet er die Geburt der bis ins 18. Jahrhundert so gefürchteten Inquisition aus dem Geist der Katharerverfolgung nach; in ihr sieht er "ein neu geschaffenes repressives System, das sich hauptsächlich durch drei Charakteristika auszeichnet: die Kompetenz, die Disponibilität und die völlige Unabhängigkeit seiner Agenten von den lokalen religiösen wie zivilen Autoritäten". Man muss die Schlussfolgerung des Kirchenhistorikers Winfried Trusen nicht teilen, der in der Inquisition die erste Form einer wirklich unabhängigen Anklagebehörde sah, aber man kann mit Michel Roquebert durchaus das prinzipiell Neue einer juristischen Untersuchung erkennen, die der Willkür Einhalt zu gebieten sucht. Wem diese Deutung angesichts einer oftmals gnadenlosen Durchsetzung geltenden Rechts durch die Inquisition zynisch und die Katharerverfolgung moralisch verdammenswert erscheint, dem sei die Annäherung an das Phänomen Inquisition empfohlen, wie sie Carlo Ginzburg in seinem erhellenden Aufsatz Der Inquisitor als Anthropologe vorschlägt: Aus den Verhören sei vor allem die Sprachlosigkeit als Folge des Aufeinandertreffens von einander fremden Denk- und Lebensformen zu erkennen. Freilich müsste man dazu mehr über die inhaltlichen Aspekte des manichäischen Denkens der Katharer erfahren, die Michel Roqueberts ansonsten überaus detailreiche Studie indes bewusst ignoriert. Womöglich wird man den Katharern weniger durch die Relativierung richtiger oder falscher Lesearten des Evangeliums oder durch eine moralische Verurteilung ihrer Verfolger gerecht als dadurch, sie in ihrem eigenen Anspruch der Welt verneinung ernst zu nehmen; und hier ist Arno Borsts frühe Studie immer noch unübertroffen, an deren Ende es heißt: "Wir haben keine Ursache, dieses Scheitern [der Katharer] eine Tragödie zu nennen; denn die Katharer selbst ersehnten sich dieses völlige Scheitern an der Welt; das, was sich uns als notwendiger Ablauf enthüllte, war ihr freiwillig gewähltes Ziel."
Clemens Klünemann
Les Cathares
L’histoire des Cathares, de Michel Roquebert, publiée en France en 1991, fait l’objet d’une traduction en allemand. Contestation du dogme de l’Eglise au 13e siècle, le mouvement a aussi déclenché la royauté absolue en France. Le plus connu des ouvrages de langue allemande sur ce sujet, du médiéviste Arno Borst, date des années 50.
Réd.



