Ein Jahrtausend Übersetzen
2009, Gunter Narr Verlag, Tübingen 2009, ISBN10: 3823365053
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2010
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Rezension / Compte rendu:
Die hohe Kunst des Übersetzens
Dieser recht schmale und zugleich sehr dichte und informative Band zielt darauf ab, die Geschichte der weitgehend verkannten "Übersetzernation Frankreich" in einer Langzeitperspektive zu umreißen. F. Nies räumt hierbei kenntnisreich mit "Gemeinplätzen" und vorschnellen Annahmen auf - so etwa dem Trugschluß, vor der Renaissance habe es keine volkssprachlichen Bibelversionen gegeben oder "sogar überhaupt keine nennenswerte Übersetzeraktivität".
Fritz Nies zeigt in seiner chronologisch angelegten Synthese, dass Übersetzen bereits im Frankreich des Mittelalters und der Renaissance, in besonderen Maße jedoch im 18. und 19. Jahrhundert einen zentralen Stellenwert einnahm und ein ganz entscheidendes Ferment seiner politischen und literarischen Kultur darstellte. Vor allem das Aufklärungszeitalter, in dem erstmals deutsche Buchtitel - nach englischen - den zweiten Rang der ins Französische übersetzten Herkunftssprachen einnahm, zeichnete sich durch "Offenheit für fremde Geistesprodukte" aus. Übersetzen stellte, so wird an einer ganzen Reihe von anschaulichen Beispielen deutlich, nicht nur eine Angelegenheit von professioneller "Akkordarbeit" oder an Nebenbroterwerb interessierten Amateuren, sondern auch von zahlreichen renommierten Schriftstellern und Intellektuellen dar.
Namen wie Richelet, Malherbe, Boileau, Racine, La Fontaine, Diderot, Turgot und Baudelaire auf französischer und Gellert, Lessing, Mendelssohn, Goethe und Leibniz auf deutscher Seite widerlegen die Annahme, Übersetzen sei "ein verächtliches Geschäft gewesen, mit dem sich "ernsthafte Literaten" zumeist nicht befasst hätten".
Anhand einer Fülle von Beispielen und Statistiken stellt Nies dar, welche Bedeutung Übersetzungen für die Dynamik der kulturellen, sprachlichen und politischen Entwicklung Frankreichs einnahm. Selbst in Epochen wie der Französischen Revolution, die durch einen intensiven Wissens- und Ideologietransfer von Frankreich in andere Ländern Europas gekennzeichnet war, lassen sich mit Übersetzungen wie der Übertragung von Needhams De la Souveraineté du peuple durch den Revolutionär Mandar und von Grahams Histoire d'Angleterre durch Mirabeau unmittelbar Bezüge zwischen Tagespolitik und Übersetzungstätigkeit ausmachen.
Hier wird besonders augenfällig, dass "interkultureller Austausch via Übersetzen von konkreten politischen, sozialen, psychischen Bedürfnissen seiner Zielgruppen in bestimmten historischen Situationen bedingt ist". Auch für andere Fragestellungen, die bisher in der Forschung nur wenig verfolgt worden sind, bietet die vorliegende Studie eine Reihe von wichtigen Anregungen und sich auf umfangreiche Materialauswertungen stützende Hypothesen: so etwa für den Zusammenhang von Übersetzungsintensität und nationalen Stereotypen, für die Funktion von Übersetzungen im Hinblick auf die Sprachentwicklung oder die Verknüpfung von Übersetzung und Kanonbildung, die Nies u. a. anhand von Anthologien und Romanserien des 18. und 19. Jahrhunderts aufzeigt. Für die Analyse des Kulturaustauschs und Kulturtransfers bietet der vorliegende Band eine Vielzahl von Anregungen und weiterführenden Forschungsperspektiven.
Hans-Jürgen Lüsebrink



