Paul Celan in Württemberg / Deutschland und Paul Celan
2013, Klöpfer & Meyer, Tübingen, ISBN10: 3863510720
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 1/2014
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Rezension / Compte rendu:
Neue Aspekte zu Paul Celan
Eine neue Recherche der Literaturhistorikerin und Celan-Spezialistin Barbara Wiedemann konzentriert sich auf das schwierige Verhältnis Paul
Celans (1920–1970) zur jungen Bundesrepublik, anhand seiner Kontakte zu Verlagen, Veranstaltern und Schriftstellern im Württemberg der 1950er- und -60er-Jahre. Vor allem Stuttgart und Tübingen suchte Celan häufig auf, große Freundschaft verband ihn hier mit Hermann und Hanna Lenz, Walter Jens und Hans Mayer. Doch insgesamt fühlte sich Celan als Fremder: er war Überlebender der NS-Verfolgung, reiste aus dem Exil Paris an und versuchte, als Übersetzer und Schriftsteller, ein lange unterdrücktes Denken an das Land der Täter zu vermitteln.
In Tübingen hatte Hölderlin gelebt; der Dichter, der Jahrzehnte verstört im Turmzimmer geschrieben hat, beschäftigte Celan und findet in seiner Lyrik ein Echo. Doch war im Tübingen der Nachkriegszeit auch die NS-Vergangenheit präsent, die Celan bedrückte. So befand sich an der Stiftskirchenmauer noch die "Heimkehrertafel" (Überschrift: Wir warten auf Euch), darauf der Name Otto Abetz. Dieser war seit August 1940 deutscher Botschafter in Paris gewesen und als solcher an den Deportationen französischer Juden beteiligt, darunter ein Onkel Celans. Verfrüht war der Kriegsverbrecher Abetz 1954 auf freien Fuß gesetzt worden.
Deutsch war Celans Sprache, jedoch blieb seine Position als jüdischer Dichter in der Nachkriegsgesellschaft schwierig; bei einer Lesung vor
der Gruppe 47 ließ man ihn 1952 wissen, er spreche mit einem Pathos wie Goebbels – eine unangenehme Erfahrung! Zur Katastrophe geriet dann das Verhalten von Claire Goll; die Witwe des Freundes Ivan Goll beschuldigte ihn, er habe die Gedichte ihres Mannes plagiiert, manche Journalisten kolportierten dies. Zudem wurde Celans Gedichtband Sprachgitter (1959) schlecht besprochen, was den labilen Dichter zusätzlich deprimierte. Als er schließlich erfuhr, dass der Schriftsteller Alfred Andersch und der Literaturwissenschaftler Fritz Martini dem NS-Regime in gewissem Grade zugeneigt gewesen waren, wurde ihm die Szene der Nachkriegsliteratur zunehmend suspekt. Bei Lesungen spürte er "antisemitische Angriffe von Studenten"; das Belastende summierte sich für den Leidgeprüften, die Freunde vermochten das kaum mehr zu kompensieren.
Der Missbrauch der Sprache in der NS-Zeit, der Versuch, diese neu einzunehmen und dabei die Erinnerung an die Opfer der Shoah zu bewahren, das beschäftigte Celan mit allen Fasern. Doch begleitete ihn die Angst, unverstanden und missachtet zu sein; er durchlief psychische Krisen und Klinikaufenthalte – das Trauma des Holocaust war immer präsent, exemplarisch in der berühmten Todesfuge und der Gedichtsammlung Mohn und Gedächtnis (1952). Aber auch "die Liebe, zwangsjackenschön" (Fadensonnen) bescherte ihm, den Cioran als "blutende Wunde" bezeichnet hat, so manchen Schub. Paul Celan erhielt 1960 die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung, den Büchner-Preis; noch im März 1970 las er in Stuttgart, Tübingen, Freiburg und Colmar, doch im April 1970 wählt er den Freitod in der Pariser Seine. All dies zeigt Barbara Wiedemanns kenntnisreiche Untersuchung, die zahlreiche neue Quellen auswertet, darunter Zeitzeugenberichte und Pressestudien; sorgfältig wissenschaftlich ediert, sensibel und klar geschrieben.
Cornelia Frenkel-Le Chuiton
A Tübingen
Dans son étude Un faible pour Tübingen l'auteur recherche et analyse les rapports de Paul Celan, écrivain et traducteur juif roumain de langue allemande, à l'Allemagne des années 1950 et 60.
Réd.



