Biographie, aus dem Französischen von Max Looser
2008, Suhrkamp Verlag, ISBN10: 3518419528
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 2/2009
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Rezension / Compte rendu:
Monumentale Proust-Biographie
Jean-Yves Tadié, Professor für französische Literatur an der Pariser Sorbonne, ist einer der kompetentesten Proust-Kenner. Neben verschiedenen Einzeluntersuchungen hat er auch die vierbändige "Pléiade"-Ausgabe der "Suche nach der verlorenen Zeit" ediert. Seine nun mit großer Verspätung auch auf Deutsch vorliegende Biographie über Marcel Proust erforscht minutiös Leben und Werk und erfüllt in ihrem definitiven Charakter jedweden Wunsch nach Verständnis und Lesbarkeit. Wir haben es mit einem Meisterwerk zu tun.
Im Unterschied zu den meisten Biographen erzählt Tadié die Vita Prousts nicht im epischen Fluß von einer Station zur nächsten. Vielmehr lässt er sich auf "Bruchstellen" ein, auf das Hin und Her der Begegnungen, auch auf das Anekdotische. Da kommt die enge Verbindung zwischen Leben und Werk in den Blick, wobei Tadié im Umkehrschluss das Leben als Paraphrase des Werks liest und sich der Versuchung versagt, das Œuvre aus den Bedingungen der Existenz abzuleiten. Tadié stellt die Frage: "Was heißt es, um 1890 Schriftsteller, Homosexueller, Kranker oder Arzt zu sein?" Er interessiert sich parallel dafür, wie sich das Proustsche Werk entwickelt, wie sich seine Ästhetik herausgebildet hat.
Proust wuchs in einem Paris auf, in dem sich das Leben sehr viel rasanter veränderte als in Rom oder London. Er liest Jules Verne, Edgar Allan Poe, Musset und dringt in die ritterliche Welt von Gautiers "Capitaine Fracasse" ein. Krankheit und Medizin mögen seinen Sinn zur Beobachtung geschärft haben. Er imitiert gerne fremde Stile, hat Talent fürs Pasticcio.
Seine Leistungen in der Schule verbessern sich, er schreibt für Schülerzeitungen über Racine und Corneille, philosophiert über das Verhältnis von Körper und Geist, wird aber seine Schuldgefühle nicht los, gekoppelt mit der Angst vor dem Verlassensein ("La névrose d'abandon"). Tadié beschreibt hier detailliert Prousts berühmtes "Drama des Zubettgehens", bedient sich dabei aber eines durchaus neutral beobachtenden Erzählstils. Dabei ist es kein Fehler, dass sich der Biograph dort, wo es um Prousts Homosexualität, um Intimität geht, mit Spekulationen deutlich zurückhält. Hier bleibt manches dunkel, im Indifferenten. Marcel hat seine "amants"; unter seinen Spielgefährten erwählt er sich Jacques Bizet, den Sohn des Komponisten, wird aber zurückgewiesen. Irgendwann wird auch den Eltern bewusst, dass ihr Sohn dem Eros der Homosexualität zugeneigt ist. Der Vater versucht, ihn vom Wege abzubringen, und schickt ihn ins Bordell. Was folgt, ist das Leben als Dandy. Prousts wache Sinne registrieren jede Einzelheit in den Salons des mondänen Paris. Er trifft sich mit Degas und Forain, verkehrt mit Anatole France, Maurice Barrès, André Malraux und André Gide. Proust pflegt den intellektuellen Diskurs und ist bei den "grandes dames" der Belle Epoque ein überaus beliebter Gast. Seine kurze Dienstzeit beim Militär und ein wenig Studium an der "Ecole libre des sciences politiques" sind nicht wegweisend für seine Entwicklung und können ihn auch nicht abbringen von seinem Müßiggang. Es wechseln die Lieben und Freundschaften, an der regressiven Verkümmerung seines Sexuallebens ändert sich aber nichts.
Nachweisbar ist nach Tadié die Wirkung von Carlyle und Emerson auf Prousts Ästhetik. Von dem englischen Kunstkritiker John Ruskin, dessen Texte er gemeinsam mit seiner Mutter ins Französische übersetzte, scheint er sich aber rechtzeitig getrennt zu haben. Wesentlich größeren Einfluss auf Proust hat die Freundschaft zu dem Sammler, Literaten und Kritiker Robert de Montesquiou. Dessen Schatten, schreibt Tadié, sei überall in der "Recherche" auszumachen. Von dem 15 Jahre Älteren lernt Marcel den Blick für die großen Maler der Epoche. Aber - so Tadié - es habe sich um eine Freundschaft gehandelt, die zwischen "freiwilliger Knechtschaft, kindlichem Mitleid und dem Bedürfnis, zu verführen und geliebt zu werden" oszillierte. Marcel will gefallen, um jeden Preis.
Zuerst stirbt die Mutter, kurz darauf auch der Vater. Proust, der im Jahr 1919 den Prix Goncourt für "A l'ombre des jeunes filles en fleurs" erhält, wird sich seiner Ortlosigkeit bewusst und verfällt in tiefe Depression. Trotz des nicht unerheblichen Erbes, das auf ihn und seinen Bruder zukommt, schlägt er sich mit Geldproblemen und Verlegern herum. Als er stirbt, ist er 51 Jahre alt, sein Asthma war nie ausgeheilt. Das Mammutwerk der "Recherche" wird erst Jahre später vollständig erscheinen. Einen Tag nach seinem Tod kommt sein Freund Paul Morand, ein junger Diplomat und Bewunderer von "Swann", ins Sterbezimmer, wo Haushälterin Céleste neben dem Toten wacht. Er erzählt ihr, Proust habe manchmal zu ihm gesagt: "Entschuldigen Sie, mein lieber Paul, wenn ich ein wenig die Augen schließe. Ich bin müde. Aber sprechen Sie weiter, ich bitte Sie darum, ich werde auch antworten. Ich ruhe mich nur aus." Und Morand fuhr fort: "Und er schloss die Augen, nur dass er sie ein wenig offen hielt, um einen zu beobachten. Nun Céleste, falls Sie es bemerkt haben, das tut er auch im Tode. Auf der einen Seite ist das Lid ein klein wenig hochgezogen."
Wolf Scheller



