Une autre Allemagne

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Husson, Edouard
2005, Gallimard, ISBN10: 2070756661

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 4/2005 

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Rezension / Compte rendu:
Deutschlandbilder

Edouard Husson, einer der besten Kenner der deutschen Nachkriegsgeschichte, hat sich mit seiner Veröffentlichung zum Ziel gesetzt, den Franzosen ein anderes Deutschland nahe zu bringen, als sie es sich seit den 1970er Jahren vorstellen. Denn umso geringer der direkte Kontakt der Menschen mit einer anderen Kultur, umso länger halten sich Ansichten vergangener Zeiten. Für den deutschen Leser umgekehrt bietet sich die Möglichkeit, die französischen Fragen an das Nachbarland kennen zu lernen und damit Frankreich besser zu verstehen.Tatsächlich sind die meisten Franzosen der Auffassung, dass Deutschland nach wie vor ein prosperierendes Land sei, es mit dem "deutschen Modell" besser stehe als mit dem französischen. Diese weit verbreitete Auffassung entwickelte sich mit dem beispiellosen Aufschwung der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und der Bedeutung der D-Mark als internationaler Reservewährung: Mehr als einmal beneidete Paris das kleine Bonn und misstraute dem "politischen Zwerg" und "ökonomischen Riesen". Die "deutsche Selbstbeschränkung" (Haftendorn) war Frankreich dabei immer unheimlich. Hussons Anliegen ist es deshalb, den Franzosen ein Deutschland nahezubringen, das nicht länger durch seine (ökonomische) Macht, sondern vielmehr durch seine Schwäche und seine strukturellen Krisen gekennzeichnet ist. Als Absolvent der École Normale Supérieure, promovierte Husson in Zeitgeschichte und ist heute Dozent an der Sorbonne, Paris IV. Zahlreiche Forschungsaufenthalte führten ihn an das Münchner Institut für Zeitgeschichte, und seine Publikationen thematisierten die deutsch-französischen Beziehungen ebenso wie den deutschen Historikerstreit, Hitler und die Shoah.
In seinem neuen Werk befasst er sich nun mit den deutschen Realitäten nach dem Ende des Kalten Krieges, der Herausforderung der gesamtdeutschen Integration, der Wirtschaftskrise, die er im Bezug auf überdimensionierte öffentliche Ausgaben und Sozialabgaben mit Frankreich vergleicht. Der Autor zeichnet einen Weg nach, auf dem das vereinigte Deutschland zunächst neben seiner wirtschaftlichen Vormachtstellung auch eine politische Macht erreichte, ein kurzes Wetterleuchten allerdings nur, denn nur wenig später setzte die seit über zehn Jahren anhaltende Krise ein.
Das Werk gliedert sich in zwei Teile, dessen erster sich mit den französischen Ängsten vor Deutschland befasst, mit französischen Fehlperzeptionen sowie dem Rechtsextremismus, um sich dann der Außenpolitik des vereinigten Deutschland von Genscher bis hin zu Fischer zuzuwenden. Der zweite Teil befasst sich vorwiegend mit der deutschen Wirtschaft und trägt den Titel "Auf der Suche nach einem verlorenen Modell". Ganz anders als in Deutschland ist "das deutsche Modell" in Frankreich ein stehender Begriff. Während kaum ein Deutscher auf die Frage antworten könnte, was darunter zu verstehen sei, so verbindet der Franzose damit in der Regel das deutsche Erfolgsmodell der 1960er bis 1980er Jahre.Während der erste Teil aktuelle Themen behandelt, lässt der zweite den Autor in der Frühzeit der Bundesrepublik beginnen, der Begründung des "rheinischen Modells", wie Michel Albert es genannt hat, unter Kanzler Adenauer. Die Folgen der Vereinigung werden am Ende thematisiert und abschließend ein "deutsches" einem "europäischen Modell" gegenübergestellt.
Die Bedeutung des umfassenden Werkes von Husson liegt in der gelungenen Nachzeichnung und Analyse des westdeutschen Weges, wie er aus der Katastrophe des Dritten Reiches herausführte. Dieser Weg war es auch, der Deutschland endgültig als westliches Land mit den Errungenschaften der Demokratie, Marktwirtschaft und einer beispielhaften multilateralen Kooperation absicherte. Diese "Rückkehr Deutschlands nach Europa", lange bevor sich die osteuropäischen Staaten auf diesen vielzitierten Weg machten, wird oftmals zu wenig beachtet, und insbesondere als Voraussetzung, ja Bedingung der Vereinigung vernachlässigt. Hussons Werk ist bedeutsam darin, dass es die zunehmende Verflechtung des deutschen mit dem französischen Schicksal in Europa sowie ihre außenpolitische Annäherung hinsichtlich des amerikanischen Unilateralismus und der Beförderung des europäischen Einigungsprozesses aufzeigt. Nicht zufällig schließt er mit den Worten: "Die Franzosen wären die ersten, die von einem deutschen Niedergang in Mitleidenschaft gezogen würden" (S. 334).
Hussons Werk ist somit auch eine Aufforderung an die Franzosen, endgültig mit der jahrhundertealten, verständlichen, aber heute doch anachronistischen Haltung zu brechen, derzufolge ein schwaches Deutschland die Voraussetzung für ein friedliches und starkes Frankreich sei. Es handelt sich um die Schrift eines überzeugten Europäers, der in seine Ausführungen nicht nur eine Vielzahl historischer Quellen einfließen ließ, sondern auch die Ansichten der namhaften jungen Kenner Deutschlands in Frankreich, von Barbara Lambauer über Stephan Martens, um nur zwei stellvertretend zu nennen, die für eine neue Generation in der Deutschlandforschung stehen.
Vielleicht hätte man sich einen etwas umfassenderen Teil über Ostdeutschland, über Mentalitäten, über die so schwierige innere Einheit gewünscht, und eine Gesamtwürdigung des beispiellosen europäischen Integrationsprozesses, der 1992 mit dem Maastrichter Vertrag seinen Anfang nahm. Denn letzterer ist es ja, der die deutsche und französische Politik wie kein anderer geprägt und verändert hat, und der als gemeinsames Projekt den Abschluss des jahrzehntelangen Aussöhnungsprozesses darstellt.
Susanne Nies

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