Von Kampfmaschinen und Ballkünstlern

Fremdwahrnehmung und Sportberichterstattung im deutsch-französischen Kontext

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Müller, Jochen
2004, Röhrig Universitätsverlag, ISBN10: 3861103664

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente 1/2005 

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Rezension / Compte rendu:
Marathon durch den deutsch-französischen Sportjournalismus

Medienberichte über andere Länder transportieren meist nicht nur Informationen, sondern auch Stereotype. Welche Fremdwahrnehmung hinter journalistischer Arbeit steckt, wird häufig analysiert, überwiegend mit Blick auf politische, wirtschaftliche oder kulturelle Themen. Die Sportberichterstattung blieb bisher außen vor - zu Unrecht, wie Jochen Müller findet. Denn schließlich handele es sich bei sportlichen Großveranstaltungen um populärkulturelle Medienereignisse. In seiner Dissertation widmet sich der Journalist deshalb diesem ungewöhnlichen Recherchefeld und vergleicht Medien in Frankreich und Deutschland. Die Studie konzentriert sich auf den weltweit beliebtesten Massensport: Fußball. Die Berichterstattung, so lautet Müllers These, vermittelt die Vorstellung eines imaginären Volkscharakters. Nationale Mentalitäten spiegelten sich darin ebenso wieder wie gesellschaftliche Entwicklungen. Aussagen über Sportler würden als typisch deutsch oder typisch französisch dargestellt und verallgemeinert. Wie eng Fußball und nationale Identität verknüpft sein können, zeigt der Autor an einem Beispiel: Nach dem Zweiten Weltkrieg war im wieder französischen Elsass zwar die Publikation deutschsprachiger Zeitungen erlaubt, der Sportteil musste allerdings in französischer Sprache geschrieben sein. Ähnliche Zugehörigkeitsgefühle wie durch Sport lassen sich nach Müllers Ansicht beim Publikum nur noch durch Naturkatastrophen, tragische Unfälle oder politische Attentate wecken. Um den Stereotypen in der deutschen und französischen Sportberichterstattung nachzuspüren, untersucht der Verfasser mit umfangreichen quantitativen und qualitativen Inhaltsanalysen Medienbeiträge über die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich im Jahr 1998. Berücksichtigt werden neben der einzigen französischen Sport-Tageszeitung "L'Équipe" auch folgende Blätter: "Équipe magazine", "France Football", "Le Monde", "France Soir", "Le Républicain Lorrain" und auf Sekte der deutschen Printmedien "Kicker", "Sport Bild", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Bild" und die "Saarbrücker Zeitung". Insgesamt 1 478 Artikel über die Fußball-WM wertete Müller aus und fast 30 Stunden Sendematerial von den Sendern ARD, ZDF, France 2, France 3, TF1 und Canal+. Analysiert werden nur solche Aussagen, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, die also über die konkrete Beschreibung eines Spiels hinausgehen und auf alle Franzosen beziehungsweise Deutschen bezogen sind. In welcher Form die einzelnen Stereotype überprüft werden, muss sich der Leser im Verlauf der langen Analyse allerdings selbst erarbeiten. Ein Überblick über Hypothesen, von denen der Verfasser ausgeht, fehlt. Auf fast 600 Seiten präsentiert Müller zwar bemerkenswert detailreiche Auswertungen, verlangt aber von seinen Lesern viel Ausdauer. Die Aussagekraft geht mitunter im dichten Dschungel der Details verloren, etwa wenn ausführlich darüber informiert wird, auf welche Einzelaspekte sich 14 Äußerungen über das Aussehen der Spieler beziehen, oder wie häufig der Begriff "Mannschaft" im Vergleich zu "Nationalmannschaft" verwendet wird. Eine Straffung hätte auch der Gliederung gut getan, die sich bis auf die fünfte Gliederungsebene zersplittert und dort oft nur Mini-Kapitel mit einer Tabelle und wenigen Sätzen liefert. Nicht immer ist zudem klar ersichtlich, was sich hinter dem jeweiligen Unterkapitel verbirgt; Überschriften wie "Lediglich ein Abbild" oder "Der 1. Tag", "Der 2. Tag" bei der Analyse des Falls Nivel helfen nur wenig bei der Orientierung. Interessant sind die Schlüsse, die Müller aus seinen akribischen Auswertungen zieht. So stellt er etwa fest, dass sich - entgegen üblicher Stereotype über den Journalismus in den beiden Nachbarländern - in der deutschen Presse mehr meinungsbetonte Darstellungsformen bei der WM-Berichterstattung finden als in der französischen. In deutschen Medien entdeckt der Verfasser außerdem mehr Fremdbilder, worunter er neben Stereotypen auch landeskundliche Informationen fasst. Insgesamt kommt Müller zu dem Ergebnis, dass die Fußball-Berichterstattung bestehende Stereotype wiedergibt und festigt. Die Franzosen loben demnach an den Deutschen Disziplin, Eifer und starken Willen, mit dem die fehlende Kreativität und eine gewisse Behäbigkeit wettgemacht würden. Die Deutschen beschreiben den schönen, kunstvoll-kreativen und eleganten Stil der Franzosen, den sie aber letztlich als zu verspielt und lässig empfinden. "Am Ende bevorzugen beide Nationen aber doch das, was sie haben und sind." Sehr aufschlussreich sind auch Müllers Analysen des Falls Nivel. Der französische Gendarm Daniel Nivel wurde am 21. Juni 1998 während eines Fußballspiels in Lens von einer Gruppe deutscher Hooligans angegriffen und mit einem Verkehrsschild fast zu Tode geprügelt. Die ausführliche Untersuchung der Presse- und Fernsehberichterstattung über den Angriff ergibt, dass trotz der hohen Emotionalität des Themas ausgewogen berichtet wurde. Die französischen Medien ziehen laut Müller aus den Taten der brutalen Schläger keine Verallgemeinerungen, wie dies bei früheren Ereignissen der Fall war. Vielmehr werde die Empörung und Bestürzung der deutschen Öffentlichkeit als solche wahrgenommen und anerkannt. Warum Journalisten bei ihrer Arbeit überhaupt Stereotype verwenden und nicht differenziert informieren, begründet Müller zum einen mit den besonderen Produktionsbedingungen der Medien: Berichtet wird unter hohem Zeitdruck, zudem sind Platz oder Sendezeit begrenzt. Die Journalisten greifen deshalb zu schnell verfügbaren stereotypen Formeln, die trotz knapper Formulierung Bilder in den Köpfen der Rezipienten entstehen lassen. Zum anderen orientieren sich die Berichterstatter am Kenntnisstand und am Geschmack ihres Publikums. Sie wollen in Sprache und Stil den Enthusiasmus und die Emotionalität des Sports vermitteln, mit den Lesern oder Zuschauern teilen und ein "Wir-Bewusstsein" schaffen. Das Publikum auf der anderen Seite wählt diejenigen Informationen aus, die seinen Vorstellungen entsprechen, und vernachlässigt die übrigen. Über die journalistische Arbeit kann Müller aus eigener Erfahrung berichten, denn er ist als Radio- und Fernsehreporter tätig und hat einige der analysierten Beiträge selbst produziert. Sein Fazit lautet: "Der Journalismus ruft eher selten Veränderungen in der nationalen Fremdwahrnehmung hervor."
Irene Preisinger

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