2011, Berenberg, Berlin 2011, ISBN10: 3937834427
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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2011
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Ce livre a fait l'objet d'un compte rendu de lecture dans le numéro : Dokumente/Documents 3/2011
Rezension / Compte rendu:
Eine harmlose Zivilperson
Une sélection des écrits d'un auteur favorable à la Collaboration pendant la Seconde Guerre mondiale.
Er bezeichnete sich als deklarierten Feind der Mittelmäßigkeit, das belegt u.a. bereits seine Korrespondenz, und auch hier, im soeben erschienenen Kriegstagebuch 1939–1945 (es handelt sich um eine Auswahl), gibt Paul Léautaud gleich zu Anfang die persönliche Maxime kund: "Das einzige, was zählt, ist: nicht mittelmäßig zu sein." Gewiss ein starkes Motto – dabei zeigt sich bald, dass seine Eintragungen nicht von einer überdurchschnittlichen intellektuellen Schärfe durchzogen sind und auch keine ästhetischen oder philosophischen Debatten anbieten wollen; nein, diesen Anspruch verfolgt Léautaud nicht. Vielmehr geht es um ganz persönliche Meinungen und Positionierungen, die Rückschlüsse auf sein politisches Denken zulassen, auch wenn er sich aus der Tagespolitik tunlichst herauszuhalten sucht und eher bescheiden meint, doch nur "eine harmlose Zivilperson" zu sein. Der Mann ist oft belächelt worden wegen seiner schrulligen, eremitischen Lebensweise in seinem Haus in der Nähe von Paris, mit seinen zahllosen Katzen und Hunden, denen auch während der Besatzungszeit seine besondere Aufmerksamkeit gilt. Ständig ist da die Sorge um ihre Verpflegung, sie scheint ihm bald wichtiger als das eigene Überleben. Über dreißig Jahre, von 1908 bis 1940, war Léautaud Sekretär im Verlagshaus Mercure de France, aber das "Maskottchen des Mercure" (Georges Duhamel) musste sich mit der Niederlage Frankreichs auch den neuen Gegebenheiten stellen, er wurde entlassen, auf seine Mitarbeit wurde verzichtet. Wirkt er darüber zerknischt? Nein. Aber Frankreichs Niederlage ist ihm ohnehin "völlig gleichgültig" (17. Juni 1940). Es zeigt sich bald in aller Deutlichkeit: Léautaud hat die Kollaboration mit den deutschen Besatzern befürwortet. Jegliches Aufbegehren empfand er als "närrisch, nutzlos, wirkungslos" (5. April 1942), potentiellen Widerständlern beschied er frank und frei: "Das Verhalten dieser Leute finde ich sogar dumm. Dumm! Kindisch! Bilden sie sich ein, dass sie etwas verändern werden? Erbärmlich ist das." Von den neuen Machthabern wünschte er sich in nicht zu überbietender Eindeutigkeit, sie würden Frankreich "von allen Kanaillen säubern" (30. November 1940). Er registriert die Gräueltaten der Allierten, macht sich Sorgen über das spätere Deutschland, das einen "in vielerlei Hinsicht gerechten Krieg" führe (8. November 1942). Vorwürfen begegnet er mit der bemerkenswerten Differenzierung, Kollaborateur allenfalls "dem Geiste nach, nicht dem Handeln nach" zu sein (11. August 1943). Stellt sich die Frage: lässt sich so tatsächlich noch ein signifikanter Unterschied zu den ausgewiesenen Kollaborateuren à la Robert Brasillach oder Drieu de la Rochelle herstellen? Léautaud, der sich selbst als "leicht antisemitisch, stark antidemokratisch und zugleich antisozial und antipatriotisch" (26. Juni 1942) bezeichnet, hat den Sieg der Deutschen immerzu befürwortet. Da mutet es seltsam an, dass er sich Ende 1944 darüber wundern, ja sogar empören kann, dass jemand das Wort "Kollaborateur" auf sein Gartentor gepinselt hat. Es ist ein aufschlussreiches Tagebuch, allemal. Die schillernde Figur Paul Léautauds beschreibt Hanns Grössel mit weiterführenden, lesenswerten Fußnoten und einem kenntnisreichen Nachwort, wobei er die Freundschaft Ernst Jüngers zu Léautaud gesondert hervorhebt.
Thomas Laux



