Zorngebete

Originaltitel: Confidences à Allah

Autor/Hrsg Auteur/Editeur: Azzeddine, Saphia
2013, Verlag Klaus Wagenbach, ISBN10: 3803132487

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Dieses Buch wurde rezensiert in der Ausgabe: Dokumente/Documents 3/2013 

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Rezension / Compte rendu:
Raus aus dem Ziegenlederzelt

Die 16-Jährige Jbara nimmt "es Allah ein bisschen übel, dass er mich in diesem Rattenloch verfaulen lässt. Rechts sind Berge, links sind Berge. Und in der Mitte sind wir, unser Ziegenlederzelt und unsere Schafherde". Im marokkanischen Tafafilt, dort, wo die marokkanisch-französische Autorin Saphia Azzeddine ihren Debütroman mit dem treffenden Titel Zorngebete beginnen lässt, weiß man nichts von der Welt; im Zweifelsfall ist alles haram. Jbara findet, ihr Vater sei ein "echter Vollidiot", der alles nachplappere, was ein selbsternannter Ersatz-Imam, der nicht einmal lesen und schreiben könne, predigt. Ihre Mutter schlage "immer die Augen nieder und murmelt in ihren Bart wie eine Verrückte". Manchmal bete sie den einzigen Koran-Vers herunter, den sie kennt, und manchmal spreche sie mit ihren Karotten. "Sie schnippelt Zwiebeln in jedes Essen, meine Mutter, um ungestört weinen zu können." Und sie sei ganz krumm, weil sie nie ihr Zelt verlässt.
Jbara fleht Allah an, ihr zu helfen, dieser Hölle zu entkommen. Zweimal pro Woche fährt ein Bus vorbei, einmal hielt er tatsächlich an. Touristen stiegen aus und gaben ihnen Geld, machten Fotos und lachten und sie lachten mit, sogar Jbaras Vater, der sonst nur schimpft. Ihr Vater verkaufte sie und Jbara fragt sich, ob das nicht ähnlich sündhaft sei wie das, was ihr als größte Sünde verkauft wird: Ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Einstweilen weiß sie nichts von ihrer Schönheit – dort, wo sie herkommt, zählt Schönheit nichts; deren Macht lernt sie erst später zu nutzen. Doch spätestens seit sie zum ersten Mal zuckersüßen Granatapfeljoghurt gekostet hat, den sie vom stinkenden Hirten Miloud für ein bisschen Sex bekommt, ist sie wild entschlossen, ein anderes Leben zu führen.
Sie wird schwanger und nimmt einen rosa Trolley mit Jeans und Strings, der vom vorbeifahrenden Bus gefallen ist, als Aussteuer für ihr neues Leben in der Stadt. Fortan verdient sie ihren Lebensunterhalt bei verschiedenen Dienstherren mit Sex und Putzen. "Was ist schon schlecht daran?" Zum ersten Mal kann sie sich Dinge kaufen, ein bisschen am Leben teilhaben, sich wie ein Mensch fühlen. Die Zwiesprache mit Allah tut ihr gut, macht sie ruhig: Sie glaubt, dass Allah Verständnis für sie haben könnte. Nach drei Jahren Knast wegen illegaler Prostitution und zwei ausgeschlagenen Zähnen lernt sie schließlich als dritte Frau eines Imam schreiben und lesen und zeigt sich nur noch von Kopf bis Fuß verschleiert, was sie extrem nervt.
Saphia Azzeddines Zorngebete ist ein berührender und unterhaltsamer Roman, der gegen so ziemlich alle Bilder antritt, die Europäer im Kopf herumschwirren, wenn sie an die Lebensgeschichte einer jungen marokkanischen Schafhirtin denken. Die Pragmatikerin Jbara erzählt im Rückblick ungezwungen, unsentimental, häufig derb, mit einem Sinn für absurde Komik und in ständiger Zwiesprache mit Allah von ihrem Leben als Frau, die in ihrem Land nichts wert ist, die jedoch lernt, mit den wenigen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln das Beste für sich herauszuholen. Eine packende Reflexion einer Bewusstseinsbildung und Emanzipation im Spiegel von Jbalas Erziehung, des Gesellschaftssystems, in dem sie lebt, und ihrem starken Willen, nicht unterzugehen.
Jeannette Villachica

Confidences
Le premier roman de la Franco-Marocaine Saphia Azzeddine, paru en 2008 et désormais traduit en allemand, est un long monologue d’une jeune paysanne des montagnes de l’Atlas au Maroc avec Allah, son seul confident.
Réd.

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